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Die wunderbare Welt des Internets (Nach-Lese vom 10. Dezember 2011)

Über Jan Brandts voluminösen Roman Gegen die Welt schrieb ich am 5. November in der Nach-Lese: »An dieser Stelle kann keine Empfehlung für oder Warnung vor Brandts Werk ausgesprochen werden, denn es sind erst 700 der über 900 Seiten gelesen (auf einer steht 336 Mal hintereinander das Wort »Mais«, aber das nur am Rande). Doch der Eindruck verfestigt sich, dass diesem in jedem Fall außergewöhnlichen Buch, an dem Brandt fast zehn Jahre geschrieben hat, ein paar weitere Wochen gut getan hätten, zwecks mutiger Kürzungen.«
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Die erste Reaktion kam schon, als die Nach-Lese noch nicht in der Zeitung stand: »Sehr geehrter Herr Steines, in meinem Roman ist auf Seite 132 keineswegs 336 Mal hintereinander das Wort Mais zu lesen (und damit meine ich nicht die Eingangs- und Schlussworte). Und der Einwand, der Roman sei zu lang, ist bei 900 Seiten immer sehr naheliegend. Es geht ja gerade um die Totalität, darum der Komplexität des Dorfkosmos gerecht zu werden. Viel Spaß bei den restlichen 228 Seiten. Und viele Grüße, Jan Brandt.«
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Baff war ich. Zwar hatte ich die Nach-Lese schon am 4. November nachmittags online (www.anstoss-gw.de) gestellt, doch dass bereits Minuten später die erste Reaktion kam, vom Autor persönlich, der nicht nur blitzschnell auf den Text gestoßen war, sondern irgendwie auch herausgegoogelt hatte, welcher Name sich hinter dem Kürzel gw verbirgt, verblüffte mich. Was im und mit dem Internet so alles möglich ist . . .
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Mittlerweile sind die letzten 228 Seiten längst gelesen, und die Frage empfehlen oder warnen ist eindeutig zu beantworten – in jedem Fall: Empfehlung! Über einige Experimente (zum Beispiel die typographischen: Bei gewissen psychischen Zuständen des Protagonisten verblasst die Schrift und ist kaum noch zu lesen) könnte man unterschiedlicher Meinung sein, aber es ist ein monumentaler Roman, und ich habe seit Frank Schulz’ Ouzo-Orakel keinen solchen Trumm mehr von vorne bis hinten mit fast durchweg faszinierter Anteilnahme gelesen.
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Apropos Ouzo-Orakel. In meiner Antwort-Mail machte ich Brandt »Komplimente für die souveräne Reaktion«, da ich weiß und gut nachempfinden kann, wie empfindlich Autoren auf Kritik reagieren. Über das Ouzo-Orakel schrieb ich seinerzeit: »Ein wundersames, wunderbares, sprachmächtiges, unfassbar witziges deutsches (ja, trotz Ouzo und Hellas) Heimatbuch.« Der Roman war der Abschluss einer Trilogie, ich las erst anschließend die beiden ersten Teile (Kolks blonde Bräute und Morbus Fonticuli), war sehr enttäuscht und beendete meinen ansonsten fast hymnisch lobenden Text mit den Worten: »Die drei Bände werden ›Hagener Trilogie‹ genannt. Gegenvorschlag: ›Zwei Püpse und ein Paukenschlag.‹« Frank Schulz stieß nicht im Internet auf diese Zeilen, ich selbst schickte sie ihm, mit der Bitte um ein Interview. Tief gekränkt und wütend lehnte er ab, nicht »mit freundlichen Grüßen« oder gar »Hochachtungsvoll« schließend, sondern mit: »Pups!«
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Dass sich daraus doch noch ein angenehmer Kontakt entwickelte, war seitdem mehrfach auf unserer Wochenend-Bücherseite nachzulesen, unter anderem auf einer Sonderseite im September 2007 (Dichter ran: Zu Besuch bei Frank Schulz  – Schreiben als tollkühnes Lebenswerk / archiviert im gw-Blog Sport, Gott & die Welt).
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In der Regel kaufe ich das Buch, das ich lesen möchte (wie Gegen die Welt und das Ouzo-Orakel), statt mir vom Verlag vorab ein Rezensionsexemplar schicken zu lassen. Daher konnte ich über das Brandt-Buch erst später schreiben als andere. Manchmal schicken Verlage ein Buch aber auch unverlangt an die Redaktion. Das Werk ist dann, weiß der Journalist, nicht gerade bestsellerverdächtig. Wie jenes Büchlein, das ich vor Jahren noch zur Urlaubslektüre in den Koffer packte, weil es gerade noch hineinpasste. Unter knallheißer Sonne nahm ich es mit zum süditalienischen Strand – und holte mir einen fürchterlichen Sonnenbrand, denn ich las es, fasziniert wie nie, an einem Nachmittag durch: Die Geschichte eines Deutschen aus dem Nachlass von Sebastian Haffner. Schnellstmöglich wies ich in unserem Blatt auf diesen bereits 1939 geschriebenen Text hin, in dem Haffner den Nationalsozialismus hellsichtig und wider den Zeitgeist (auch den appeasementgeprägten englischen) bloßstellte. Und so kam es, dass in unserer Zeitung die überhaupt erste Rezension des späteren Bestsellers stand, denn so wie mir ging es dann vielen: Wer das Buch, und wenn es nur per Zufall war, in die Hand genommen hatte, konnte es nicht mehr weglegen.
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Anderes (?) Thema: »Täglich verschlang die ganze Bevölkerung den Börsenbericht. (…) In jedem Laden, jeder Fabrik, jeder Schule wurden einem Aktientipps zugeflüstert. Den Alten und Weltfremden ging es am schlechtesten. (…) Den Jungen, Flinken ging es gut. Über Nacht wurden sie reich, frei, unabhängig. Es war eine Lage, in der Geistesträgheit und Verlass auf frühere Erfahrung (…) bestraft, aber Impulshandeln und schnelles Erfassen einer neuen Lage mit plötzlichem ungeheurem Reichtum belohnt wurde.« Aktuelle Zustandsbeschreibung? Nein, auch von Haffner. 1939
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Noch hellsichtiger war nur Kurt Tucholsky. Ein langjähriger, sehr geschätzter Leser von gw-Kolumnen, ein Gymnasiallehrer, machte mich erst kürzlich auf geradezu unglaubliche »Tucho«-Verse aus dem Jahr 1930 aufmerksam, er las sie mir sogar am Telefon vor:

»Wenn die Börsenkurse fallen,/ regt sich Kummer fast bei allen,/ aber manche blühen auf: /
Ihr Rezept heißt Leerverkauf / (…)
Wenn in Folge Banken krachen,/ haben Sparer nichts zu lachen,/ und die Hypothek aufs Haus/ heißt, Bewohner müssen raus./ Trifft’s hingegen große Banken,/ kommt die ganze Welt ins Wanken/
auch die Spekulantenbrut /
zittert jetzt um Hab und Gut!

Unglaublich, wie der linke Kapitalismuskritiker Tucholsky schon 1930 die aktuelle Krise beschrieb! Das Gedicht entwickelte sich nach dem Lehman-Crash zum Internet-Renner, es wurde auf Gewerkschaftssitzungen verteilt, Lehrer besprachen es im Deutschunterricht, manche sogar heute noch – ohne zu wissen, dass nicht Tucholsky es 1930 geschrieben hat, sondern erst 2008 ein gewisser Richard Kerschhofer aus Österreich. Dessen Gedicht erschien zuerst unbeachtet in dem konservativen Magazin Preußische Allgemeine Zeitung und startete seine Fake-Karriere erst, als es im Internet namenlos neben einem Tucholsky-Gedicht auftauchte, einige Leser daher glaubten, es sei ebenfalls von Tucholsky, die Verse kopierten und weiter verbreiteten, so dass sie sogar bis in die Zeit gelangten – na ja, die gilt mittlerweile ja auch als Plattform für Fakes jeglicher Art . . .
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Mittlerweile haben linke Web-Sites das Gedicht, das sie triumphierend auf ihre Seiten gestellt hatten, wieder gelöscht,  da es nicht von »ihrem« Tucholsky, sondern von einem eher dem anderen Lager verbundenen Österreicher stammt. Und die Moral von der Geschicht’? Siehe oben:: Was im und mit dem Internet so alles möglich ist . . .
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Ach so, das noch: Jan Brandt hat recht. Auf Seite 132 steht nicht 336 Mal das Wort »Mais«. Ich habe nachgezählt und genau in der Mitte »aha!« geschmunzelt.
Die richtige Zahl lautet daher: 335.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle