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Ausgebrannt (Anstoß vom 7. Dezember)

Die »Modediagnose Burn-out« (»Deutsches Ärzteblatt«) wird »viel zu rasch gestellt«, verursacht zehn Prozent aller Fehltage im Arbeitsleben (laut AOK), obwohl Burn-out ein »schillerndes Phänomen« (Psychotherapeut Markus Pawelzik in der »Zeit«) und medizinisch nicht zu definieren ist (im Gegensatz zur echten Depression). Pawelzik über den Grund für die »gefühlte Epidemie«: Burn-out sei »ein vielfach sogar moralisch entlastendes Etikett«, das den Betroffenen erlaube, sich als Opfer widriger Umstände zu fühlen und »ihre Problematik nicht auf durch eigenes Verhalten begründetes Defizit zurückzuführen«.
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Wir maßen uns nicht an, in der medizinisch, soziologisch und psychologisch geführten Debatte mitzureden. Wir beschränken uns auf (hoffentlich vorhandene) sportliche Kompetenz. Denn vieles erinnert fatal an ein ständiges »Anstoß«-Thema: Training als Raubbau statt Aufbau, Verzettelung der Kräfte und scheinbar unerklärliche Leistungsverluste.
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Schauen wir uns einige der Sätze Pawelziks an, unter besonderer Berücksichtigung Frankfurter Abstiege, Münchner Durchhängens nach großen Turnieren und schwacher Leistungen mancher großen Stars bei Weltmeisterschaften: Burn-out muss »herhalten für ein schlechtes Einteilen der Kräfte« und ist »Folge einer anhaltenden, unzureichend regulierten Stressreaktion«. Gesunder Stress aber »ist unser Lebenselixier. Die durch Herausforderungen bedingte Aktivierung der Stresssysteme verleiht uns Energie und Hochgefühle, damit wir anstehende Aufgaben engagiert bewältigen.« Schädlich wird Stress erst, wenn er unzureichend reguliert wird, denn dann »kann sich der Organismus nicht mehr regenerieren, und die Energiereserven unterschreiten mit der Zeit das zur Alltagsbewältigung erforderliche Minimum«.
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Und nun ersetzen wir das Wort »Stress« durch »Training«, übersetzen Burn-out wörtlich mit »ausgebrannt« und nehmen auch noch das metaphorische Synonym vom »leeren Akku« dazu, und schon haben wir die Quintessenz dessen, was im »Anstoß« in all den Jahren zu Frankfurter Abstiegen, Münchner Durchhängern und enttäuschenden WM-Stars geschrieben wurde.
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Als die Eintracht unbelastet von der Mühsal eines harten Aufbautrainings mit Schwung und Spielfreude in die vergangene Saison startete, punktete sie zunächst trotz weiterhin viel Schonung und Freizeit erfolgreich. Da sie aber zu wenig »Brennholz« aufgeschichtet hatte, war sie bald ausgebrannt. Nach einer Niederlagenserie wurde der Wohlfühl-Trainer (Skibbe) entlassen und ein neuer (Daum) geholt, der für viel Geld und mit ebensolchen Worten das Versäumte in wenigen Tagen brachial nachholen wollte, was schiefgehen musste, weil man einen leeren Akku nicht blitzaufladen kann. Die Lage erinnerte fatal an die vor dem ersten Abstieg. Als alle Frankfurter Welt nach UI-Cup-Sommerreise (statt seriöser Saisonvorbereitung), trügerischem Höhenflug und winterlicher Hallen-Königs-Kür himmelhoch jauchzte, unkten wir im »Anstoß«: »Wenn im Fußball leistungssportliche Grundregeln auch nur im Ansatz gültig sind, steigt Frankfurt ab.«
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Und wie sich die Bilder glichen, in den Neunzigern wie in den Zehnern: Empörte Fans pfiffen ihre scheinbar lust-, herz- und kampflos kickenden Profis aus. Den Fußballern war aber der geringste Vorwurf zu machen, denn ihr Geist war willig, ihr Fleisch schwach (gemacht worden). Daher mussten sie sich zwangsläufig für immer weniger Leistung immer mehr anstrengen. Klassischer Fall von Burn-out. Wie zum Hohn ertönten dann noch die üblichen dümmlichen Fan-Gesänge: »Wir woll’n euch kämpfen seh’n!« Die Fans hätten besser in der ersten Saisonhälfte, statt Jubellieder anzustimmen, gesungen: »Wir woll’n euch trainieren seh’n!«.

Zu vermeiden sind nach Lage der modernen Dinge weder der Durchhänger des FC Bayern nach WM oder EM, noch der Leistungsabfall gerade der größten Weltstars wie Messi oder Ronaldo bei diesen Turnieren. Der FC Bayern beschäftigt fast mehr deutsche Nationalspieler als alle anderen Bundesligisten zusammen. Das DFB-Team legt vor großen Turnieren nach der kräfteraubenden Saison einen immerhin mehrwöchigen Aufbau-Crashkurs ein, schichtet also neues Brennholz auf, um beim Turnier nicht ausgebrannt zu sein. In der Fußballersprache: Der Akku wird aufgeladen. Bei anderen Ländern und für die Weltstars ist dagegen Schonprogramm Trumpf. Daher kann Deutschland im Turnier erfolgreicher »brennen« als die schon Ausgebrannten, ein Kraftakt, der aber in der folgenden Saison seinen Tribut fordert, logischerweise vor allem bei den Bayern.
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Als »kulturellen Faktor für die zunehmende Erschöpfung« führt Pawelzik auch den »einseitigen wie naiven Hedonismus« an, »möglichst viel zu konsumieren, um möglichst große Lust zu erleben. Diese Lebensorientierung kann nicht nachhaltig sein«. Der Hedonismus im Fall des Fußballs und seiner Stars: Zu viel Reisestress, Sponsorenverpflichtungen, Promi-Termine, Werbeauftritte, Vorzeige-Leben in der Szene, Vereinnahmung durch die Fans und was es an außersportlichen Nebengeräuschen so alles noch gibt, und das alles gepaart mit zu wenig Training für zu viele Spiele.
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Wer im Fußball »ausgebrannt« ist und einen »leeren Akku« hat, ist nicht krank, sondern hat etwas falsch gemacht. Das Gute daran: Brennholz gibt’s genug. Man muss es nur geduldig und fleißig sammeln, um wieder richtig »brennen« zu können. Ein Rezept auch für Nicht-Fußballer, wenn ihnen die »Mode-Diagnose« gestellt wird? Da will eine Sport-Kolumne mangels Kompetenz nicht antworten. Aber einen »Anstoß« kann man ja mal geben. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle