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Sport-Stammtisch (vom 3. Dezember)

»Hammergruppe«? Aber gegen irgendjemanden muss man ja spielen. Außerdem: Bei der EM ist, im Gegensatz zur WM, kein »Zwerg« zu haben, daher gehen wir zur Tagesordnung über, und auf der steht nicht EM-Endrunde, sondern Bundesliga.

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Kein Experte hätte im Sommer vorherzusagen gewagt, dass im Dezember ein Top-Duell mit Mönchengladbacher Beteiligung gespielt würde, fast alle Experten wissen jetzt aber ganz genau, warum es dennoch so gekommen ist. Ich weiß es nicht. Außer: Das ist Fußball.
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Schon fast vergessen, dass einige Fußball-Großexperten vor nicht allzu langer Zeit die Macht in Mönchengladbach an sich reißen wollten, wegen Dilettantismus der Vereinsführung. Die (nicht der) ist geblieben, die Netzers, Vogts’ und Effenbergs sind wieder weg. Aber nicht verstummt. Für Besserwissereien finden sich anderswo genügend andere Anlässe.
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Nirgendwo wechseln Paradigmen schneller als im Fußball. Das überrascht nie, amüsiert aber immer wieder. Zum Beispiel Heynckes. Im Erfolg wurde haarklein analysiert, warum er der Beste für die Bayern ist, und die selben Experten beginnen nun, ihre eigenen Analysen paradigmatisch umzudeuten: Natürliche Autorität des Altersweisen wird zu naiver Altersmilde und die Erfahrung des alten Fuchses zum Verpassen des modernen System-Trends. Aber immer mit der Experten-Option für die ebenso schnelle wie generelle Kehrtwende. Für den Paradigmenwechsel also. Das Wort kommt von »paradeigma« (Vorbild), gilt laut Internet-Volksduden Wikipedia als »eine (oft radikale) Änderung des Blickwinkels«, aber ich ziehe Karl Poppers Definition vor: Wechsel der aktuellen Wahrscheinlichkeitsähnlichkeiten. Obwohl das insbesondere aus hessischem Mund wie eine Zischundspuckbeleidigung klingt.
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Also vielleicht doch lieber Kehrtwende. Wie soeben in Sachen Pechstein. »Alle für uns relevanten Daten sagen aus, dass es keinen Hinweis auf einen Anfangsverdacht für einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen gibt«, verlautbart die Nationale Anti Doping Agentur, kurz: NADA. Nada müssen nun einige Analysen paradigmatisch umgedeutet werden, denn Claudia Pechstein war schon medial so gut wie hingerichtet.
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Meine Vermutung seit Jahren, ohne Kehrtwendung: Alte West-Sportkader versuchen immer wieder, den verlorenen kalten Sportkrieg doch noch zu gewinnen, indem sie große Ossi-Sportler klitzeklein machen: Krabbe, Ullrich, Pechstein – in allen drei Fällen gab es keine positive Dopingkontrolle, sondern nur mühsam konstruierte Indizien. Dass in den Sportarten von Krabbe, Ullrich und Pechstein in der Weltspitze niemand einen Konkurrenten betrog (oder jeder jeden), ist leider ebenso wenig zu beweisen wie die Überzeugung, dass beim vierten großen deutschen Dopingfall (Baumann) alte Ost-Kader zurückgeschlagen haben. Mit Zahnpasta.
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Nun warten alle auf das von Ullrichs neuen Beratern in Aussicht gestellte »Geständnis«. Obwohl Ulles alter Kumpel Rolf Aldag fragt: »Ich weiß nicht, was er gestehen kann. Dass er alle Konkurrenten geschlagen hat und dabei Waffengleichheit herrschte?« Na ja, »alle Konkurrenten geschlagen« hat er nicht. Der eine, den er nie geschlagen hat, besaß die besseren Waffen, denn in den USA ist auch solcher Waffenbesitz ein Thema für sich. Allerdings steht über Armstrongs Trophäen-, Waffen- und Geldschrank mittlerweile ein Menetekel an der Wand: Novitzky.
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Menetekel? Das Wort tauchte beim Festmahl des Belsazar an der Wand auf und kündigte dessen baldiges Ende an, da Belsazar bei Fuentes gelagerte Gefäße als Blutbecher … nein, falsch, da er aus Jerusalems Tempel geraubte Gefäße als Trinkbecher benutzt hatte. Und Novitzky, das ist nicht unser Dirk (Nowitzki), sondern »Dirt«, wie Jeff Novitzky, der härteste Dopingfahnder der USA, in Anspielung auf den Basketball-Star genannt wird. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, dass Armstrong über Novitzky stolpert, nicht größer als die, dass Novitzky über sich selbst stolpert, denn dem Saubermann wird vorgeworfen, Berichte gefälscht zu haben und in seiner Anti-Doping-Arbeit höchstpersönlich 55 Millionen Dollar an Steuergeldern verprasst zu haben.
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Soll Ullrich »gestehen« und wenn ja was? Mein Mantra, erstmals 1988 beim Johnson-Super-GAU gemurmelt: Welcher Lehrer würde in einer Klasse von 13-Jährigen seinen Schülern die Frage stellen, ob sie onanieren? Alle würden Nein sagen, niemandem würde geglaubt werden, auch den wenigen keuschen Ausnahmen nicht. Und wenn doch jemand Ja sagt, würde er sozial geächtet, weil alle anderen wissen: Das tut man, sagt es aber nicht.
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Finde ich kein anständigeres Schlusswort? Doch: Bei Krabbe, Ullrich und Pechstein werden die Dopinggeschichten immer nach dem gleichen Patent gestrickt. Denn »Patent«, sagt mir »frag-mutti.de«, »ist eine sehr beliebte Strickart, die viel Profil zeigt und, wenn man den Dreh heraus hat, sehr einfach zu stricken« ist. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle