Archiv für Dezember 2011

Freitag, 30. Dezember, 18.35 Uhr.

So, die 194. und letzte “Anstoß”-Kolumne des Jahres 2011 ist geschrieben und online gestellt. Dazu kommen noch mindestens genauso viele Blog-Einträge (erst ab Mitte des Jahres gezählt). Das ist und bleibt persönliche quantitative Bestleistung, mehr wird’s nicht mehr, soll’s nicht mehr werden. Aber keine Angst (oder keine Vorfreude, je nachdem), so weit runter wie beim Dax 2011 soll es bei der Kolumnenzahl 2012 nicht gehen. Toitoitoi.

Zu gerne hätte ich in die letzte Kolumne noch meinen urältesten Witz eingebaut, denn  zu London und den Pferdeäppeln hätte er schon gepasst: Warum dort der Schnee nicht liegenbleibt.  Kennt ihn irgendjemand noch nicht? Wenn er von Lesern angefordert wird, bringe ich ihn in die “Montagsthemen”. Für Stammkolumnenschaftler eine echte Drohung. Wie oft hab ich ihn schon erzählt? Mal ins Archiv klicken. Oh, seit 1997 erst dreimal! Ist ja noch fast jungfräulich! Und das Ziegenproblem, eine zeitlang der Hit der Silvester-Kolumne, das ich mir heute ebenfalls nur sehr mühsam verkniffen habe? Weia. Fast 50 Mal erwähnt, ca. 20 Mal durchgehechelt, zuletzt Silvester 2010 in der Bruchhagen-Messi-Variante. Ist also für die Kolumne verbrannt. Daher nur im Blog und nur für Neuhinzugelesene die Urversion von 1992 (!), über die “Anstoß”-Leser über die Jahrzehnte hinweg schon die tiefschürfendsten mathematischen Diskussionen (und Beweise) geführt haben:

  In einer Glücksshow steht der Kandidat vor drei verschlossenen Türen. Hinter zweien steht eine Ziege, hinter einer ein Luxusauto. Der Moderator lässt den Kandidaten eine Tür wählen. Nachdem der Kandidat seine Wahl getroffen hat (noch bleibt die Tür zu), öffnet der Moderator eine andere Tür, hinter der eine Ziege steht, und gibt dann dem Kandidaten die Möglichkeit, seine Wahl zu überdenken. Soll er bei seiner Tür bleiben oder die andere verschlossene nehmen? Ist doch egal, sagt der gesunde Menschenverstand, zwei Türen, ein Auto, die Chancen stehen 1:1, egal ob der Kandidat bei seiner Tür bleibt oder die andere nimmt.

Stimmt nicht, denn der gesunde Menschenverstand ist zumindest mathematisch nicht immer der gesündeste, und er versteht längst nicht alles. Zum Beispiel von dem, was 2011 so alles geschah. Ein Wahnsinnsjahr, gegen das die verblüffende Ziegenproblem-Lösung so simpel wirkt wie 1 + 1 = 2.

Stimmt das überhaupt? Bis dann, bis 2012!

Veröffentlicht von gw am 30. Dezember 2011 .
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Sport-Stammtisch vom 31. Dezember

Späte Übereinstimmung. Als eine monströse PR-Maschinerie angeworfen wurde, um aus dem Familienfest einer Randsportart ein neues deutsches GröFaZ zu machen (größtes Fußballfest aller Zeiten), ahnte und schrieb ich, dass die deutschen Spielerinnen dem Erwartungsdruck eines wie selbstverständlich mit Glanz und Gloria zu gewinnenden WM-Titels nicht standhalten könnten und sie die enttäuschten Verliererinnen des absurden Megaeventrummels sein würden. Um im künstlich produzierten »Sommermärchen 2« nicht den Spielverderber geben zu müssen, konnte ich dann mein früh gegebenes Versprechen, kein böses Wort mehr zur Frauen-WM zu schreiben, nur einhalten, indem ich nicht nur kein böses, sondern gar kein Wort dazu schrieb. Als sich die abgrundtief enttäuschten Spielerinnen nach dem WM-Aus verzweifelt auf dem Rasen wanden, fühlte ich nicht die Spur besserwisserischer Schadenfreude, sondern nur Mitleid mit Sportlerinnen, die beim wichtigsten und größten Wettkampf ihres Lebens Opfer einer wahnwitzigen Propaganda wurden. Und nun, am Jahresende, bestätigen Bundestrainerin Neid und die Nationalspielerinnen Angerer und Bartusiak in einem großen »Bild am Sonntag«-Interview, dass der riesige Druck der überdimensionalen Erwartungen für das WM-Scheitern verantwortlich gewesen sei.
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Und noch eine späte Übereinstimmung, ebenfalls in »BamS« entdeckt (von »Anstoß«-Leser und Althandballer Michael Haitsch aus Biebertal): Nachdem ich Jahr für Jahr als mein wahres, einziges, echtes Unwort des Jahres für »Unwort des Jahres« gestimmt habe, schlägt nun auch »BamS« das »Unwort« als »Unwort des Jahres« vor.
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Ach ja, Dankeschön für viele freundliche Grüße und Wünsche. Einen greife ich heraus, aus bestimmtem Grund: »Nach turbulenten Jahren in der Ferne bin ich seit ein paar Monaten wieder in Deutschland, zusammen mit meinem Sohn. Während er sich mit der Unbekümmertheit seiner Jugend ziemlich rasch wieder eingelebt hat, fällt mir das doch wesentlich schwerer. Aber trotz allem bleibt mir immer wieder die Vorfreude auf das Lesen Ihrer Kolumnen. Mit den besten Wünschen für die Zukunft, Helmuth Born«.
Helmuth Born war vor vielen Jahren von Karben nach Thailand ausgewandert und gehörte dort zum ersten kleinen Stamm von in alle Welt verstreuten hessischen Lesern, für die der Online-»Anstoß« eingerichtet wurde. Der heißt nun »Sport, Gott & die Welt« und war also schon ein Blog, als es das Wort Blog noch gar nicht gab. Leser Born verdanke ich auch meinen bescheidenen thailändischen Wortschatz, denn damals grüßte er mit »Sawadee khrap«, und als ich hoffte, dass keine »asatische Unanständigkeit« dahinter steckt, klärte er auf: »Sawadee ton tschau, Khun gw, auch dies ist keine asiatische Unanständigkeit, sondern bedeutet: Guten Morgen, Herr gw«.
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Zu guter Letzt . . . nein, leider zu schlechter Letzt muss in dieser Jahresabschlusskolumne eine weltexklusive Meldung verkündet werden: Die Olympischen Spiele in London fallen aus! Und zwar, weil .  .  . aber zuerst die andere Schreckensmeldung, gestern erst in meiner aktuellen Fortbildungslektüre »Bildatlas der Bäume« gefunden: »Im Jahr 2000 werden alle Wälder der Erde ausgebeutet sein, um den Bedarf der wachsenden Weltbevölkerung zu decken, auch weil sich der Papierverbrauch im 20. Jahrhundert verzwanzigfacht hatte«. Nanu? Ich suche blätternd nach dem Erscheinungsdatum. Ach so! 1983.
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Weder ist der Wald gestorben, noch wird er des Papiers wegen total ausgebeutet sein, denn Papier ist in Zeiten des Internets mit den Pferdeäpfeln im London des  18. Jahrhunderts zu vergleichen, als gesellschaftliche Warner die apokalyptische Rechnung aufmachten, die Stadt läge in hundert Jahren unter einer zwanzig Meter dicken Schicht aus Pferdemist begraben, wenn sich die Zahl der Pferdefuhrwerke gleichbleibend schnell vergrößere.
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Daher also fällt Olympia in London aus – allerdings nur für rechthaberische Apokalyptiker, denn im London-City des 21. Jahrhunderts gibt es nicht nur aus hessischer Sicht viel mehr »Äppel«« als im 18. Jahrhundert, aber die stammen nicht mehr von Pferden, sondern von Steve Jobs. Hoffen wir also, dass die Apokalyptiker von heute mit ihren Schreckensankündigungen für 2012 genauso richtig liegen wie alle Wald-und-Äppel-Apokalyptiker seit je her. Prosit Neujahr! (gw)

Veröffentlicht von gw am 30. Dezember 2011 .
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Das war’s im November/Dezember: Bernie Bushido und . . . mein lieber Scholli!

Samstag, 5. November: Nach Schweinsteigers Bruch des Schlüsselbeins (Clavicula) kann ich stolz behaupten, in den Journalismus die Methode des »method acting« übernommen zu haben (Wikipedia: »US-Variante des Naturalismus im Schauspiel. Der Schauspieler arbeitet dabei mit Erinnerungen an eigene Erlebnisse«). Um Schweinsteigers Verletzung naturalistisch beschreiben zu können, habe ich sehr methodisch agiert und mir ebenfalls das Schlüsselbein gebrochen, um als einzig anerkannter Clavicula-Fachjournalist diese Verletzung kompetent analysieren zu können.
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Montag, 7. November: Kyrgiakos war, warum auch immer, ein Liebling der Eintracht-Fans. Der alte griechische Haudegen kam aus England, wo er sich weigerte, englisch zu lernen, nach Deutschland, wo er sich weigerte, deutsch zu lernen. Wie spricht Magath mit ihm? Ach so, überhaupt nicht. Wie mit jedem Spieler. Kyrgiakos selbst verständigt sich nicht mit Worten, auch nicht mit Händen und Füßen, sondern mit dem Ellbogen. Kurzes, knackiges Gespräch mit Subotic. Seitdem hat er stumm unseren Wortschatz erweitert: »Gesichtsmittelbruch.«
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Samstag, 12. November: In sooo großen Schlagzeilen wurde er gefeiert und im »heute-journal« in epischer Länge gepriesen: Der junge Mann, der idealtypisch den Geist der Zeit verkörpert. Unser neuer Held. Nicht Özil oder Götze, sondern Heinz. Vorname Pius, der Fromme. Poker ist gesellschaftsfähig geworden, was folgerichtig ist, da auch in der Finanzwelt das Zocken, Pokern und Wetten (auf Schweinehälften, Ernten, Staatsbankrotte) maximalen Profit verspricht und die Gegenspieler aus der Politik derart schlechte Karten haben, dass sie Zuflucht beim Schneeballsystem suchen. Und jetzt katapultieren sie die Schneebälle sogar mit mächtigen Hebeln, das vervielfacht auch die Lawinengefahr.
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Montag, 14. November: Auf die simple Frage des Richters, ob er den Bayern-Banker Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar bestochen habe, faselte Ecclestone fast so unverständlich herum wie Bushido bei seiner wirren Bambi-Rede. Anmerkung für Leser der Corega-Tabs-Generation: Bushido ist kein japanisches Geriatrikum, sondern der Künstlername eines Milieusprechsängers (= Rapper).
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Donnerstag, 17. November: Als die Holländer Fußball spielten wie die Deutschen am Dienstag, wer gewann dann bei den großen Turnieren? Deutsche, die wie die Dienstags-Holländer spielten. Von daher bedeutete der grandiose 3:0-Sieg zwar eine kleine Sternstunde – aber eben nur eine kleine. Große erlebt man nur bei großen Turnieren
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Montag, 21. November: Da an jedem Bundesliga-Spieltag zu viele Reporter zu viele Mikrofone zu vielen Fachprominenten unter die Nase halten, taten sie dies auch am Samstag. Und so verbreiteten sie eine Rekordzahl an hilf- bis sinnlosen Worthülsen zur Rafati-Tragik. Huub Stevens: »Es ist kaum zu glauben, dass so etwas passiert. Dafür finde ich kaum Worte. Die Gesundheit ist immer das Allerwichtigste.«
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Dienstag, 13. Dezember: Dass Guttenberg europäischer Sonderbeauftragter für die Freiheit im Internet wird, gehört zu den absurden Ausbuchtungen der Realität, die Kabarettisten das Leben so schwer machen. Jetzt muss er aber auch Bundesvorsitzender der PIPI (PIratenParteI) werden, denn wer wenn nicht er gehört an die Spitze der Bewegung, die das Recht auf geistiges Eigentum auf den Papiermüllhaufen der Copyright-Geschichte werfen will.
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Dienstag, 20. Dezember: Bei Youtube mehrmals ein neues Trainings-Video von Jacko Gill angesehen. Der Junge ist 16 und springt buchstäblich über Tische und Bänke. Dunking mit der Kugel, seltsame Übungen mit der Hantel, schon beim Sehen tut die eigene Wirbelsäule weh. Den Jungen treibt was. Hoffentlich nicht der Wahnsinn. Schule schon geschmissen, ist Profi-Kugelstoßer, trainiert dreimal am Tag bzw. in der Nacht (steht erst um 12 auf, dritte Trainingseinheit nachts um zwei). Sensationell die Sprungkraft, scheint auch sehr sprintschnell zu sein. Hat mit der Männerkugel schon 20,38 gestoßen und gestern seinen abgefahrensten Weltrekord verbessert, den mit der 5-kg-Kugel seiner Altersklasse auf 24,45 m. Hoffentlich geht das alles gut.
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Freitag, 23. Dezember: Die fiese Attacke von Jones war derart brummsdumm, dass sie nur mit einem geistigen Aussetzer erklärbar scheint. Denn fiese Attacken mögen zur Bonameser Straßenkultur gehören, Brummsdummheit aber nicht. Sehen wir das Positive: Wie anständig und fair sich Reus verhält und sich trotz insistierender Reporterfragen nicht in die gewünschte fassungslose Empörung treiben lässt, das gibt einen dicken Sympathiepunkt! Von denen hat Mehmet Scholl in unseren Kolumnen schon viele gesammelt, in diesem Ranking steht er in den Anstoß-Top 10 weit oben, aber jetzt fällt er mit einem mindestens doppelten Malus zurück (»Das gehört zum Fußball. Hauptsache solche Spieler sind in der eigenen Mannschaft«). Bei aller Sympathie für Scholli, bei aller Kritik an Netzer (für beides gibt es viele Dutzend Belege im »Anstoß«-Archiv): Die Statur von Netzer hat Scholl nicht, Netzer hat nicht nur buchstäblich eine größere Schuhnummer. Dass sich dem Schreiber bei diesen Sätzen fast die Finger querstellen, ahnt der geneigte Leser. Mein lieber Scholli!
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Sonntag, 25. Dezember: »Der legendöre Johannes Heesters ist tot«, schreibt dpa. Schöner Schreibfehler, schönes neues Wort: »legendör«. Dem Inscheniör ist nichts zu schwör, drum Daniel D. ist legendör. Auch eine schöne Meldung der Weihnachtsnacht: Uli Stein wird 65. Test auf Fußball-Fachidiotie bestanden, denn erster Gedanke war: Schon so alt? Erst dann gerafft: Nicht der Torwart, sondern der Comic-Zeichner Uli Stein wird 65.
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Ohne weitere Worte: »Ich hoffe, dass dadurch ein Boom für die ganze Sportart entsteht wie damals nach meinem Sieg in Wimbledon für das Tennis.« (Boris Becker im WamS-Interview zum Poker-WM-Sieg von Pius Heinz) (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Dezember 2011 .
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Das war’s im Oktober: Helm auf! Glutamat rein? Viva Espana!

Samstag, 1. Oktober: Nach neuen und angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen leben schnell fahrende Radler fünf Jahre länger. Als wer oder was, stand nicht in der Meldung. Fünf Jahre länger als Langsamradler, Fußgänger, Libellen oder Eintagsfliegen? In diesem Zusammenhang: Es hätte nicht des Kernforschungszentrums Cern bedurft, um Einstein zu widerlegen, denn schon simples Weiterdenken der Radlerstudie genügt: Wenn schnelle Radler fünf Jahre älter werden, dann leben noch schnellere noch länger, und noch viel schnellere … sind überlichtschnell tot, aber das viel länger.
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Helm auf! Gilt natürlich auch für motorisierte Zweiräder. Der italienische Tenor Salvatore Licitra, der schon mit Pavarotti verglichen wurde, starb vor wenigen Wochen, als er mit seiner Vespa in der Nähe von Ragusa auf Sizilien gegen eine Mauer fuhr. Er trug keinen Helm. Was allerdings auf Sizilien auch als spezielle Vorsichtsmaßnahme gilt, denn wie in einem Nachruf zu lesen war: »Im Camorra-Land Sizilien trägt man keinen Helm, um tödliche Verwechslungen zu vermeiden.«
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Ohne weitere Worte: Nur ganz selten, in vertrauter Umgebung, lässt er dem Lausbuben in sich freien Lauf. Zum Beispiel, wenn er (…) einem Freund (…) zuruft: »Wieso warst du denn heute früh um sieben schon im Swimmingpool? Da habe ich noch fünf gegen Willi gespielt.« »Fünf gegen Willi« – unter Männern ein Synonym für Selbstbefriedigung. (Sport-Bild über Sebastian Vettel)
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Samstag, 6. Oktober: Vor dem Türkei-Spiel bereicherte der »Kicker« die Integrationsdebatte, indem er ein altes Kanzlerinnen-PR-Bild (das mit dem nacktbrüstigen Özil) überraschend neu interpretierte: »Gelungene Integration: Angela Merkel besuchte Mesut Özil in der Kabine.« Özil integriert Merkel.Sie lässt sich eben gut integrieren. Hat ja auch nach der Wende erfolgreich geübt.
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Sonntag, 16. Oktober: Occupy Frankfurt. Warum so englisch? Deutsch klingt es genauso prägnant, außerdem ist das Englische doch die Sprache derer, gegen die protestiert wird. Aber vielleicht passt es: Der 20-Jährige, der die Sache bei uns angeleiert hat, wirkt so deprimierend erwachsen, dass man ihn sich in fünf Jahren schon in den mittleren Etagen der Banktürme vorstellen kann, vor denen heute protestiert wird.
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Meisterschaften im Hässlichtanz. Erfolgsrezept der Siegerinnen: »Man darf keine Schamgefühle kennen.« Platz zwei belegten die »Gefurztagskinder des Zorns«.
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Samstag, 22. Oktober: Griechenland-Pleite mal andersrum: Dortmund in Piräus, das war eine ungeordnete Insolvenz, und wer aus Sympathie für den Klopp-Klub seine Europa-Hoffnungen in den BVB investiert, erhält als Rendite nur Enttäuschung, voriges Jahr in kleiner Euroleague-, jetzt in großer Champions-League-Münze.
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Samstag, 29. Oktober: Zu beklagen sind zwei »tragische Todesfälle« im Motorsport. Ja, zu beklagen. Aber »tragisch«? Ist es gefühlskalt, diese tödlichen Unfälle als Berufsrisiko abzuhaken? Gesucht: das richtige Wort dazu.
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In der Snowboard-Szene gilt »The Art of Flight« als bester Actionsportfilm aller Zeiten. Regisseur Curt Morgan wird vom »Spiegel« gefragt: »Ein Fahrer bricht sich den Kiefer, ein anderer wird von einer Lawine begraben, ein dritter kommt auf Krücken aus dem Krankenhaus. Ist das extreme Risiko Grundlage ihres Films?« Antwort: »Nein, es ist ein Geschmacksverstärker.« Das richtige Wort! Kurz: Glutamat.
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Randale: Sind die Täter nur »einige wenige Idioten«, wie so gerne beschwichtigt wird? Damit macht man es sich aber viel zu einfach. Im Westen, siehe Eintracht, sind es oft ganz »normale« Alltagsbürger, für die eine Fan-Schlacht rund ums Stadion zu den wochenendlichen Freizeitvergnügungen gehört. Des jungen Spießers Lebens-Geschmacksverstärkung? Im Osten, siehe Dynamo, fragt sich, ob nicht alte Seilschaften junge Daseinsgefrustete als nützliche Idioten instrumentalisieren.
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Montag, 31. Oktober: Die erstaunliche spanische Erfolgsgeschichte im Weltsport mit laxen Dopingkontrollen zu erklären, ist eine fahrlässige Vereinfachung. In Wahrheit sind die Dopingkontrollen in Spanien nicht lax, sondern nicht existent. Das oberste spanische Gericht hat vor wenigen Tagen höchstrichterlich angeordnet, dass Dopingkontrollen zwischen elf Uhr am Abend und sechs Uhr am Morgen verboten sind. Was im Klartext heißt: Gedopt wird ab sofort um 23.01 Uhr, ihr wisst ja, wie das geht, um spätestens um 6.01 Uhr sauber zu sein. Viva Espana!
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Bleibt eine Frage offen: Lothar Matthäus versteht nicht, sagt er, warum sich Spieler über ihn lustig machen, weil er im Kühlschrank die Joghurts nach Verfallsdatum sortiert. Ich auch nicht. Ich verstehe sogar nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Joghurts im Kühlschrank NICHT nach dem Verfallsdatum sortieren. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2011 .
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Das war’s im September: Zwei Milchbubis und ein Fehlstart als “Renner”

Donnerstag, 1. September: Bolts Fehlstart: Dass der Superstar nicht rennen durfte, war der Renner der ersten WM-Halbzeit. Die Regel ist blöd, aber auch blöde Regeln müssen eingehalten werden, denn dass sie, ob blöd oder nicht, für alle gelten, ist die Basis des Wettkampfsports.
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In Zusammenhang mit den Diskussionen um Pistorius war ich schon vor einiger Zeit auf die Geschichte eines einbeinigen Collegesportlers gestoßen, der vor knapp 30 Jahren im »normalen« Football- und Basketball-Collegeteam mitspielte und sogar den Dunking schaffte – ohne Prothesen, einbeinig! Aus meiner Sicht eine der unglaublichsten und bewundernswürdigsten Leistungen der Sportgeschichte. Der mit nur einem Bein geborene Carl Joseph, genannt »Sugarfoot«, ist noch auf youtube in alten Videos zu sehen. Wer’s nicht kennt, muss sich das unbedingt anschauen. Unfassbar. Wahnsinn. Dazu aber die schon einmal gestellte Frage: Warum würde »Sugarfoot« in einer gewissen olympischen Traditionssportart schon bei der ersten Bewegung disqualifiziert? (Beim Gehen, denn dort muss immer ein Bein am Boden sein)
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Samstag, 3. September: David Storl hat noch ein Milchbubigesicht und gehört zu den Namen, die unsere Leser lange vor dem Gros der deutschen Zeitungsleserschaft kennengelernt haben. Vor etwas mehr als zwei Jahren, niemand außerhalb enger Expertenkreise hatte schon von dem jungen Kugelstoßer gehört, stand diese Notiz in den »Montagsthemen«: »David Storl, knapp 18 Jahre jung, unglaubliches Talent, kein frühentwickeltes Muskelmonster, sondern begnadeter Techniker. ›So etwas habe ich noch nie gesehen. Von ihm werdet ihr noch hören!‹« – Nun ist es so weit. Phantastisch, der Junge. Aber auch den möglichen und noch viel jüngeren Nachfolger des jungen Storl haben wir hier schon vorgestellt, vor einem Monat: »Und jetzt gibt es einen 16-jährigen Neuseeländer namens Jacko Gill, weder besonders groß, stark oder frühreif, der bei der Junioren-WM die ältere Konkurrenz um vier Meter (!) distanzierte und mit blitzschneller und blitzsauberer Drehung unfassbare 24,35 m weit stieß (5-kg-Kugel). Merken Sie sich den Namen: Jacko Gill.« Milchbubi-Showdown in London? (Mehr dazu im Dezember-»Das war’s«)
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Samstag, 10. September: Der Sport selbst ist seinen Beschrei(b)ern immer einen Schritt voraus. Hübsches Beispiel US Open: Da liegt das deutsche Medienland im »Petko«-Fieber, nimmt ganz am Rande noch zwei andere Spielerinnen wahr (Lisicki, Görges) – und plötzlich steht eine gewisse Angelique Kerber im Halbfinale. Herrlich.
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Montag, 19. September: Großes Werbebild für ein bekanntes Mode-Label, ein (wie immer dürres) gestyltes Model sitzt mit künstlichen Tränen in den Augen und offenbar schwer depressiv auf den Gleisen. Die Botschaft ist klar, und zu befürchten ist, dass sie weltweit bei dafür Anfälligen auch »richtig« ankommen wird. Tres chic. Die demnächst daraus resultierende Suizid-Statistik aber ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun.
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Mittwoch, 21. September: Soeben ist Tony Martin Zeitfahr-Weltmeister geworden. Mit Riesenvorsprung und einem Schnitt von 51 km/h. Also mehr als doppelt so schnell wie ich auf meiner Tanklager-Runde (okay, wenn die so flach wie in Kopenhagen wäre, käme ich vielleicht auf 29 km/h). Die Leistungen der Spitzenleute aller Sportarten kann man wohl nur dann richtig würdigen, wenn man sich auch in ihrem Metier versucht, nicht nur mal so, sondern intensiv, über längere Zeit und dann sein Limit erreicht und erkennt. Und dann seine vergleichsweise armselige Leistung mit den Besten vergleicht. Das fördert ganz allgemein den Respekt vor großen Leistungen. Auf die eigene bescheidene Leistung ist man dennoch stolz.
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Samstag, 24. September: Fettnapf-Thema: DDR-Dopingopfer. Wenn Menschen gesundheitliche Schicksalsschläge erleiden, neigen sie in all ihren seelischen und körperlichen Betrübnissen dazu, die Schuld bei einer bösen Macht zu suchen. Die DDR war eine böse Macht, diese Tatsache werden auch ihre Nostalgiker nicht historisch verfälschen können. Aber böse Mächte sind nicht für alles Böse verantwortlich, was dem Menschen zustoßen kann. Eines der Vorzeige-Opfer ist ein Ex-Kugelstoßer, dessen Herz durch Zwangsdoping so schwer geschädigt war, dass er sich einer Transplantation unterziehen musste. Hieß und heißt es. Jetzt lese ich, dass das ausgetauschte Herz des armen Mannes ein ideales Untersuchungsobjekt war, an dem man daher einen angeborenen, irreparablen Herzfehler entdecken konnte. Also kein Dopingopfer? Doch, denn nun lautet die Argumentation, die DDR hätte ihn mit solch einem Herzen niemals Leistungssport treiben lassen dürfen. Dass der Schaden nur am toten Objekt feststellbar war, fällt dabei unter den Obduktions-Tisch. Läge auf ihm eine Katze, würde sie sich noch postletal argumentativ in den Schwanz beißen.
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Ohne weitere Worte: Rea Garvey (Anm.: Reamonn-Sänger) ist mit sieben Schwestern aufgewachsen! Der Ire: »7:1, das war wie Bayern gegen Freiburg. Ich war Freiburg.« (Bild-Zeitung)  (gw)

Veröffentlicht von gw am 28. Dezember 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle