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Auf der Suche nach bekannten Pärchen

Heute, liebes Eintracht-Tagebuch, stand mal wieder der Nachbarsjunge aus dem Haus nebenan vor meiner Tür. In der einen Hand ein Schulheft, in der anderen einen Kugelschreiber. »Gott sei Dank sind Sie dehaam!«, sprudelte es aus ihm raus. »Acht hab ich … aber brauche tu ich zehn!« »Dann hast du ja schon mal den Großteil…«, antwortete ich verständnisvoll, ohne auch nur ansatzweise zu ahnen, um was es eigentlich ging.
Sein Anliegen schien jedenfalls dringend zu sein, denn ohne eine Einverständnisgeste meinerseits abzuwarten, schlüpfte er an mir vorbei, um Sekunden später an meinem Esstisch zu sitzen. Dort schlug er sein Heft auf, warf einen prüfenden Blick hinein, kratzte sich am Kopf und sagte erneut: »Acht hab ich …« »Ja ich weiß, und brauchen tust du zehn! Was mir in diesem Zusammenhang übrigens helfen würde, lieber Steffen, wäre noch die kleine Zusatzinfo, von was du bereits acht hast bzw. für was du noch weitere zwei brauchst!« »Pärscher!« »Was?« »Pääärscheeer!« »Ach Pärchen!«, begriff ich jetzt. »Was denn für Pärchen?«
»Mer habbe in Geschichte als Hausaufgabe aufbekomme, immer ein Pärsche zu bilden! Und zwar indem wir einen bekannten Begriff und eine berühmte Figur nennen, die mit dem Begriff zu tun hat!«
»Ich les Ihne ma vor, was mir dazu eingefallen is. Als Erstes hab ich ›Amerika und Kolumbus‹!« »Ah, verstehe! Ja, das ist gut. Kolumbus hat Amerika entdeckt, das passt! Was hast du noch?« »›Kirche und de Luther‹« »Auch okay!« »›Wetten dass…? und Thomas Gottschalk‹« »Sehr gut!« »›De Mond und Louis Armstrong!‹« »Moment, Du meinst Neil Armstrong! Der erste Mensch auf dem Mond hieß Neil Armstrong! Louis Armstrong hat Trompete gespielt!« »Ei dann hab ich ja aus einem gleich zwei gemacht!«, grinste er, und kritzelte seine neueste Errungenschaft in das Heft. »Dann hab ich noch ›Sexspielzeusch und Beate Uhse‹…« »Hey, wo hast du das denn her?« »Von meinem Vadder! Dann hab ich noch ›Philosophie und Sokrates‹« »Auch von deinem Vater?« »Nee, Google!« »Oh!« »Des nächste ist ›Hunde und Martin Rütter‹…« »Ach, der berühmte Hundeflüsterer. Stimmt, der hat den Hund erfunden. Behauptet er zumindest. Noch was?« »Ja, ›Schlimme Blähungen und mein Oppa‹!« Ich zögerte einen Moment lang. Sicherlich hatte Steffen gute Gründe, diesen Begriff und diese Person in einen direkten Zusammenhang zu stellen, dennoch befürchtete ich, dass ihm das eine schlechtere Note einbringen könnte. »Hmm, ich weiß nicht so recht. Zumal dein Großvater jetzt nicht unbedingt so bekannt ist wie zum Beispiel Kolumbus oder Thomas Gottschalk.« »Des sagen Sie! Aber als er noch Hausmeister war, hat eine Nachbarin mal zu meiner Mutter gesagt, de Oppa wär noch schlimmer als de Adolf Hitler! Und der war ja auch schon sehr bekannt!« »Ja, aber ich würde trotzdem jemanden nehmen, den noch mehr Leute kennen.« »Okay, wenn Sie meine…«
Er dachte kurz nach. »Ich weiß was: ›Apachen und Winnetou‹« Ich überlegte, ob ich ihn darauf hinweise sollte, dass Winnetou eine erfundene Figur sei, und dass das deswegen eigentlich falsch und vollkommener Blödsinn sei, aber da das möglicherweise eine ausschweifende Diskussion auslösen konnte, beschloss ich, es zu lassen. »Na gut, dann nimm das. Wie viele waren das jetzt?« »Neun.« »Also fehlt dir noch ein Pärchen. Noch ein Begriff und ein dazugehöriger großer Name.« »Ja, aaner noch, dann hab ich’s. Ham Sie vielleicht ’ne Idee?«
Was für eine Frage! Natürlich hatte ich eine! Und das schon, seitdem ich wusste, um was es geht! Ich baute mich vor ihm auf, um ihm meinen genialen Einfall möglichst eindrucksvoll zu präsentieren: »›Eintracht Frankfurt und Heribert Bruchhagen‹! Wie findest du das? Das passt doch super, gerade jetzt, wo sie ihn wiedergewählt haben!« Zu meiner Verblüffung hielt sich Steffens Begeisterung deutlich in Grenzen. Er schüttelte den Kopf. »Des könne mer net mache!« »Warum denn nicht?« »Weil des dene annern gegenübber ungerecht wär. Klar hat de Bruchhagen in de letzte Jahrn der Eintracht unglaublich gutgetan, und ich freu mich auch, dass er bleibt. Aber die annern Jungs da habbe auch dadezu beigetrache, dass aus dem launische Drecksclub wieder was Anständisches geworn ist. De Dr. Thomas Pröckl, der die Finanze gereschelt hat, oder de Klaus Lötzbeier. Die ganzen annern im Aufsichtsrat! Und auch de Friedhelm Funkel in seiner langen Trainerzeit hier! Die alle ham des zusamme gemacht, da darf man net immer nur den eine rausheben!« Ich spürte eine gewisse Zerknirschtheit in mir aufkommen. »Und außerdem glaub ich, dass des dem Bruchhagen auch gar net recht wär. Grad nach dem Abstiesch letzte Saison jetzt schon wieder in einem Atemzug mit Sokrates oder anderen Berühmtheite genannt zu wern. Nee, so wie ich en einschätz, würd der des gar net wolle! Der ist schon zufridde, dass er bleiben tut!« »Verstehe«, murmelte ich leise.
Fragend, ja regelrecht fordernd schaute er mich an. »Des müsst was anneres sein…« Ich holte tief Luft. »Wie wär’s mit ›Cowboys und Old Shatterhand‹.« Steffen strahlte. »Super! Jetzt hammer’s!« Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle