Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 26. November)

Heute zwei Gerichtsprozesse und drei Geständnisse, fünffach verwoben in unsere »Anstoß«-Geschichte/n. Die älteste spielt 1982. Fußball-WM in Spanien. Aktuelle Meldung dazu: Die algerische Nationalmannschaft sei damals gedopt gewesen, heißt es. Die Schlagzeile weckt leider sehr, sehr peinliche Erinnerungen. Nicht an Doping, sondern an Heuchelei. An eigene. Rückblende: Nach dem einvernehmlichen WM-Gekicke von Deutschland und Österreich zulasten Algeriens gebe ich zunächst, ganz sachlich, in einem aktuellen Kurzkommentar die Schuld dem Reglement, weil der Modus noch keine zeitgleichen letzten Gruppenspiele vorsah. Den Fußballern kann man, schreibe ich, keinen Vorwurf machen. Als sich aber ganz Medien-Deutschland aufregt und den ARD-Reporter Stanjek wegen der Courage lobt, seine Verachtung deutlich gezeigt zu haben, da denkt der kleine »gw«: Das kann ich auch, das toppe ich noch – und schickt im Namen unserer Leser ein Entschuldigungstelegramm an die algerische Botschaft. Stolz veröffentliche ich es auf der ersten Sportseite (nur deshalb schicke ich es ja auch ab). Aber au weia!! Aus rechten Löchern geifert es, zum Teil mit gefährlich klingenden Drohungen, was mich noch am wenigsten berührt (aber heute an die latente Gefahr erinnert, die wir wohl alle verharmlost haben). Aus der linken Ecke scharen sich Betroffenheitsbeseelte um mich, die sich wieder einmal schämen, Deutsche zu sein, sie vereinnahmen mich als einen der Ihren und verteidigen mich nicht nur gegen Neonazis, sondern auch gegen die sich nicht schämenden unstolzen Deutschen, auf deren Seite ich mich fühle. So wurde die Schmach von Gijon die Schmach von »gw«.
*
Geschichte zwei begann 1996, als Jan Ullrichs Stern aufging und auch am Firmament der »Anstoß«-Lieblinge heller als tausend andere Sonnen strahlte (die Okocha-Galaxie verblasste ein wenig, da über Istanbul und Paris nach England abdriftend). Die Ungerechtigkeit der Sport-Welt erhielt für mich nach dem Untergang des Ulle-Sterns einen Namen: Contador. Der durfte, was Jan nicht mehr durfte, obwohl Jan nichts getan hatte, was Contador . . . formulieren wir’s mal so: Contador hat in seinem laufenden Prozess den freiwilligen Test mit einem Lügendetektor bestanden, weil er ehrlich überzeugt ist, nicht mit Clenbuterol gedopt zu haben. Dass er das Kälbermastmittel aber schon lange vorher als trojanisches U-Boot in seine Blutbahn geschickt hatte, wo es – abgezapft und original verkorkst bei Pallhuber & Fuentes-Söhne – in der Warteschleife rumschipperte, bis es, fast schon vergessen, zur Unzeit wieder auftauchte, ist . . . natürlich nur eine böswillige Unterstellung. Das alles schreit nach der Überschrift: »Es war kein Betrug« – aber die ist ja schon vergeben.
*
Eine Unterstellung, aber keine böswillige, ist die Vermutung, dass Charles Friedek mit seinem Prozess versucht, bürokratische Sesselfurzer mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen. Der Ex-Dreispringer verklagt den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), weil er nicht für Olympia 2008 in Peking nominiert wurde. Friedek macht geltend, er habe die Norm-Weite, wie vom DOSB verlangt, zweimal erfüllt. Was auch stimmt. Allerdings nur in einem kleineren Wettkampf, und zwar auf der als »Sprungschanze« bekannten Anlage von Wesel. Nun weiß zwar jeder Sportler seit je her, dass die Norm nicht zweimal auf einem kleinen, sondern mindestens je einmal bei zwei großen Wettkämpfen erfüllt werden sollte, aber wenn dies der DOSB nicht expressis verbis verlangt und schriftlich formuliert, geschieht es ihm recht, von Friedek sophistisch aufs Kreuz gelegt zu werden. Altgediente »Anstoß«-Leser wissen noch, dass ich Charles Friedek und seinen Trainer Bernd Knut nach dem WM-Titel von Sevilla 1999 in einer Serie hautnah begleitete, und selbst wer den Langgönser Bub’ damals nur journalistisch kennenlernte, ahnt, dass finanzieller Schadenersatz (Friedek will 130 000 Euro, man munkelt, die Hälfte wird’s) für den extrem ehrgeizigen Sportler nur ein kleines Trostpflaster für den entgangenen großen olympischen Wettkampf sein kann. Meine alte Moral von der Geschicht’: Es gibt kein sportlicheres Nominierungsverfahren als das bei aller Unbarmherzigkeit faire US-Trial-System. Alles andere dient nur der Wichtigmacherei von Funktionären.
*
Fehlen noch zwei Geständnisse. Das erste ist DAS Thema der Woche, läuft unter der für Contador daher nicht mehr exklusiv verfügbaren Überschrift »Es war kein Betrug« und läutet in der »Zeit« das Comeback von Karl-Theodor zu Guttenberg ein. Als die ersten Plagiatsvorwürfe auftauchten, noch leise und fast verschämt, vermutete ich bereits: »Als Medienimage-Profi weiß der Baron: Jetzt wird’s eng, Kundus ist gar nichts dagegen.« (»Sport-Stammtisch« vom 18. Februar). Schon damals ging es mir nicht um das Politische, und auch heute sollen andere spekulieren, ob KT, gelfrei gereift oder auf gereift gestylt, mit der zwischen den Zeilen dröhnenden Drohung einer neu zu gründenden konservativen Partei antritt. Mich interessiert jenseits aller Politik der spezielle KT-Sprachduktus, und der ist geblieben. In der »Zeit« beantwortet er Fragen »in aller Offenheit«, bedauert seinen Fehler »von Herzen«, gibt »ein gerüttelt Maß an Eitelkeit« zu, hat die »denkbar größte Dummheit« seines Lebens begangen, war »wie vom Donner gerührt«, bleibt aber »ein politischer Mensch, ein Zoon politikon«. In aller Offenheit: Das ist ein gerüttelt Maß an Attitüde, blenderisch, aufgesetzt und im Zweifelsfall immer mit einem Wort zu viel.
*
Ein Wörtchen zu viel zum Beispiel in der Überschrift? Träfe auch auf Contador zu. Ziemlich lapidar dagegen das Outing von Lovefontaine. Begonnen hat’s wohl, wenn die Kolportagen stimmen, schon 2009. Ich bin allerdings Zeuge, dass er damals nicht mit Sahra in den Kurzurlaub nach Ägypten gefahren ist, sondern mit mir. Und 200 anderen, aber auch mit Frau Christa und Sohn (der mit den gelben Entchen-Pantoffeln). Sie verhielten sich allerdings wie ein sehr altes Ehepaar, das sich ohne Worte und ohne körperliche Nähe versteht. Oder auch nicht. War’s der gescheiterte letzte Versuch?
*
Jedenfalls erkannte ich in unserem »gemeinsamen« Urlaub nicht nur, dass Lafontaine die Bild-Zeitung genauso aufmerksam liest wie ich, sondern auch, versunken in die Betrachtung der Pharaonen-Gräber in Theben, dass die meisten Prachtsarkophage im Tal der Könige leer sind, aber nicht groß genug für das Ego heutiger Pharaonen von KT bis Lafontaine.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle