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“Ich ließ den Elfer ausführen … und rannte um mein Leben”

Liebes Eintracht-Tagebuch,
am vergangenen Wochenende hat ein Schiedsrichter, der schon lange in der Fußball-Bundesliga pfeift, versucht, sich das Leben zu nehmen. Unmittelbar vor dem Spiel, das er pfeifen sollte, und in letzter Sekunde noch von seinen Kollegen gefunden, die ihm, ob er das nun wollte oder nicht, das Leben gerettet haben.
In diesem Moment, in dem ich Dir schreibe, weiß ich noch nicht, was die genauen Gründe waren bzw. sind, warum er das machen wollte. Aber ungeachtet dessen schießen mir sofort viele verschiedene Gedanken dazu durch den Kopf.
Das fängt bei den vielen abfälligen Witzen über Schiedsrichter an, geht über all diese »journalistischen« Betrachtungen und Bewertungen in deutschen Sportzeitungen (Schiedsrichter-Ranking-Tabellen) bis zu den unglaublich persönlichen und vollkommen überzogenen Beleidigungen im Stadion. Wobei auch ich mich in meinem Leben sowohl als Fußballer als auch als Fußballfan schon mehr als einmal über Schiedsrichter-Entscheidungen lautstark aufgeregt habe. Ich habe sogar mal bei einem Turnier, an dem wir mit unserer Musikermannschaft teilgenommen haben, den Schiri nach einer krassen Fehlentscheidung so angemeckert, dass er mir dafür Rot gezeigt hat.
Was wiederum zur Folge hatte, dass ich ihm die Rote Karte aus der Hand gerissen und sie aufgegessen habe. Kein Quatsch, ist eine wahre Geschichte. Aber ich weiß auch, dass ich ihn nicht beleidigt, sprich als »Arsch!« oder »Drecksau« tituliert habe. Ich habe ihm in meiner Wut zwar gesagt, dass er ahnungslos sei, und das auch etwas zu laut. Aber trotz meiner Aufgebrachtheit hätte alles darüber hinaus meine innere Grenze überschritten.
Das schreibe ich Dir aber nicht, weil ich mich deswegen für menschlich besser halte als die, denen in Richtung Schiri regelmäßig sehr viel deutlicher der Gaul durchgeht (ganz abgesehen davon, dass das Aufessen der Roten Karte auch nicht gerade ein Zeichen hohen Respekts ist!). Ich glaube, es lag damals einfach daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt auch schon selbst wusste, wie es ist, in der Öffentlichkeit zu stehen. Etwas, dass ich heute natürlich noch sehr viel besser beurteilen kann! Und dass das zwar oft viele Privilegien und angenehme Seiten mit sich bringt … andererseits aber auch durchaus Druck erzeugt. Weil man von sehr vielen Menschen gleichzeitig wahrgenommen und von vielen Seiten beurteilt wird.
Natürlich lernt man im Laufe der Zeit damit umzugehen, und vermag es zum Beispiel auch mal, eine schlechte Kritik richtig einzuordnen – aber ich bin mir nicht sicher, wie ich damit zurechtkäme, wenn ich fast regelmäßig spür- und hörbarem Hass ausgesetzt wäre. Die Schiedsrichter müssen das aushalten. Die Pfiffe und Beschimpfungen der Fans, das beleidigte Lamentieren der Trainer und Manager nach dem Spiel usw.
Ich selbst war nur ein einziges Mal Schiedsrichter, vor vielen Jahren bei der Neu-Isenburger Stadtmeisterschaft für Freizeitmannschaften, die damals eine große Bedeutung für alle Teilnehmer hatte.
Die Partie, die ich leiten musste, war ein entscheidendes Gruppenspiel zwischen einer Druckereimannschaft und dem Werksteam einer Metallverarbeitungsfirma. Bis eine Minute vor Spielschluss stand es 1:1, was den Metallern das Weiterkommen und den anderen das »Aus« beschert hätte. Dann gab es aber im Strafraum, direkt vor meinen Augen, eine brutale Blutgrätsche, und alles andere als Elfmeter für die Drucker wäre ein Witz, ja eine Lüge gewesen. Also pfiff ich Elfer. Was zur Folge hatte, dass ich sofort von einer Horde bulliger Metallarbeiter umgeben war, die mir glaubwürdig versicherten, dass sie mir unmittelbar nach Spielschluss nicht nur meine langen Haare abschneiden, sondern auch fachgerecht die Fresse polieren würden. Ich ließ den Elfer trotzdem ausführen, wenn auch verbunden mit einer gewissen Sicherheitsmaßnahme. Ich schlich mich nämlich heimlich und langsam zum Mittelkreis, was in der angespannten Situation keiner mitbekam. Von dort aus gab ich den Strafstoß per Pfiff frei, um unmittelbar nach dessen Verwandlung das Spiel sofort abzupfeifen. Dann rannte ich wie um mein Leben direkt nach Hause!
Ich weiß noch, dass mich das damals alles mehr mitgenommen hat, als ich mir das selbst eingestehen wollte. Und ich weiß auch noch, was ich damals zu einem Freund gesagt habe: »Ich liebe Fußball wirklich, aber das steht alles in keinem Verhältnis mehr dazu!«
Im Prinzip ist es bis heute so geblieben. Fußball ist ein wunderbarer Sport und gleichzeitig eine der meistüberschätzten und überbewerteten Dinge auf diesem Planeten. Unser Verhältnis zu ihm wäre mit »ambivalent« nur unzureichend beschrieben, »bescheuert« trifft es da schon eher. Fußball verzaubert uns und trübt dabei gleichzeitig unseren Verstand, unseren Gerechtigkeitssinn und vieles mehr, was man zum Miteinander so braucht. Das fängt beim biederen Familienvater an, der plötzlich zum asozialen Choleriker mutiert. Geht weiter über all die öffentlichen Wichtigtuer, die schon lange eine angemessene Selbstwahrnehmung sowie die reale Einschätzung ihres wirklichen Stellenwertes in der Gesellschaft irgendwo in den eitlen Untiefen ihres Resthirnes versenkt haben. Bis hin zu den Fundamentalisten, für die Fußball vor allem Krieg und der Gegner deswegen automatisch Feind ist. Und die »falsch pfeifenden« Schiris auch gerne mal mit Mord drohen.
Vielleicht, liebes Tagebuch, sind die Gründe für diesen Selbstmordversuch aber auch eher privater Natur. Dann würden all meine Gedanken gar nicht so recht dazu passen. Aber schreiben wollte ich Dir das trotzdem mal. In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle