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Anstoß (“Nachdruck”: Novembergedanken eines Kugelstoßers)

In loser Folge begeben wir uns mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit unveränderten »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten. Die heute nachgedruckten »Novembergedanken eines Kugelstoßers« erschienen bereits 1975 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und erst danach bei uns. Welche manipulative Motivation dahinter steckte, wird heute erstmals preisgegeben. Aber zunächst der Nachdruck (beachten Sie bitte vor allem den ersten Satz).
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Der Feldstein, der seit Jahren die angestrebten 20 Meter markiert, ist im Nebel kaum zu erkennen. Das Ziel der ersten Trainingswoche heißt 16 Meter, um diese Marke wird gekämpft, sie wird selten erreicht. Fünf Wochen Trainingspause ließen die Muskeln schmelzen, die Kraft schwinden. Der erstaunte Ausruf eines Bekannten (»Du siehst ja fast aus wie ein normaler Mensch«) ist kein Kompliment für einen Kugelstoßer, der 25 Pfund hart erarbeitetem Körpergewicht nachtrauert. Wen die Leidenschaft für seinen Sport in Regionen gedrängt hat, die als abnorm gelten, den bewegen derartige Sprüche nur noch als Indikator der körperlichen Verfassung. Und die ist miserabel: Bis auf das i-Tüpfelchen ausgeklügelte Trainingsprogramme hieven die Leistungsfähigkeit in Höhen, die für Außenstehende nur noch durch das Reizwort Doping fassbar bleiben. Die zur Erholung des strapazierten Körpers unumgängliche Pause nach Saisonende aber bewirkt einen dramatischen Verfall des Erkämpften. Ängste und Zweifel keimen auf, wenn sich die Kugel nach mächtiger Anstrengung bei fünfzehneinhalb Metern in die aufgeweichte Erde bohrt, Hoffnungslosigkeit macht sich breit, wenn beim Bankdrücken 150 Kilogramm die Brust eines Athleten zu zermalmen drohen, der Wochen zuvor mit 200 Kilogramm zu spielen fähig war. Auf der durchnässten Anlage rollt die Kugel nach dem Aufschlag kaum zwei Meter weiter. Bei knapp 18 Metern bleibt sie liegen. 18 Meter: Im November die Weite eines Übermenschen. 20 Meter? Utopisch. Sich jetzt wieder an Spitzenleistungen heranzukämpfen, bedeutet sechsmonatige Fron. Fünf bis sechs Stunden täglich Gewichtheben und Kugelstoßen, ab und zu Lauf, Sprung, Gymnastik. Dazu Essen und Trinken, vom Grundbedürfnis zum Trainingsmittel transferiert (oder pervertiert?). An die Arbeit: 6000 Tonnen Eisen, 600 Liter Milch, 200 Pfund Fleisch und 50 Pfund Eiweißkonzentrat warten darauf, in den nächsten sechs Monaten bewältigt zu werden. Und wenn nicht Grippe oder Muskelriss ein Wörtchen mitreden, Knochen, Sehnen, Magen und Darm mitspielen, dann ist man vielleicht im nächsten Jahr wieder mit vorne dabei. Novembergedanken eines Kugelstoßers: Wäre es nicht besser, die Außenseiterrolle des Monstrums abzulegen und in den Schoß der schlankheitsgläubigen Gesellschaft zurückzukehren? Geld oder Popularität bleiben für einen Kugelstoßer ja doch unerreichbar. Aber wer einmal das Gefühl ausgekostet hat, die Grenzen der menschlichen Leistungsfähigkeit zu berühren, in manchen Bereichen das Drei- und Vierfache des Durchschnittsmenschen leisten zu können und, Krönung und schönster Lohn aller Anstrengungen, in einem glücklichen Augenblick eine durch hoch entwickelte Körperkraft fast schwerelos scheinende Eisenkugel auf eine neue Bestweite zu stoßen, dem können auch ernste Selbstzweifel im November die Hoffnung und Freude auf neue Höchstleistungen nicht gänzlich rauben. Wer als Kugelstoßer den Herbst ohne Schaden an seinem Leistungswillen übersteht, kann im Sommer als fröhliches Monstrum intolerante, ewignovembrige Kritiker lächelnd tolerieren. Wäre doch nur der November schon vorüber . . .
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Zu der Zeit – 1975 – kamen die ersten öffentlichen Diskussionen über Doping und speziell Anabolika auf, und die Kugelstoßer standen fast als einzige in der Schusslinie, quasi als dicke Prügelknaben, hinter denen sich die anderen ebenfalls dopingaffinen Sportler noch verstecken konnten. Ich nahm mir vor, um mehr Verständnis und weniger Antipathie zu werben, am liebsten in der FAZ, wegen ihrer Reichweite und der klugen Köpfe, die angeblich dahinter stecken und als Meinungsmultiplikatoren wertvolle PR-Dienste für uns verfemte Anabolika-Monster leisten konnten. Um aber überhaupt die Chance des Abdrucks zu bekommen, musste ein scheinbar tiefsinniger, stimmungsvoller Einstieg her. Da schien mir der Feldstein als buchstäblicher Topos ein ideales Mittel, um in Verbindung mit November und Nebel empfindsam-intellektuelle FAZ-Gemüter (auch in der Redaktion) einzufangen, zumal sie, so mein Vorurteil, fachlich kaum in der Lage seien, die sportliche Absurdität zu erkennen. Denn: Kein Kugelstoßer, dessen großes Ziel ein 20-m-Stoß ist, käme auf die Idee, ausgerechnet dorthin einen Feldstein zu legen – träfe man den dicken Brocken, könnte man die Bestweite gar nicht exakt nachmessen. Und sowieso würde kein Platzwart der Welt einen Feldstein länger als eine Minute auf seinem Terrain dulden.
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Es klappte. Später noch einmal. Als bei der Fernseh-Liveübertragung eines Europapokal-Wettbewerbs der damals bekannte Reporter Dieter A. bei der Siegerehrung anmerkte, dass die Kugelstoßer wie die Monster-Orgelpfeifen dastünden, der Erste der Größte und Schwerste, der Letzte der Kleinste und Leichteste, und das als Beweis nahm, dass sie alle Anaboliker waren und Leistung und Erscheinungsbild nur durch unterschiedliche Anabolika-Dosierungen zu erklären seien, rief ich den damals ebenso bekannten Leichtathletik-Fachjournalisten Robert H. an und gab ihm »Exklusivinformationen« aus erster Hand, dass dies Siegerehrungs-Bild nur Zufall sei (was stimmte) und in Wahrheit ein neuer Trend entstünde, mit leichteren, schnelleren, explosiveren Stoßern (was nicht stimmte, die gab’s schon immer). Die PR-Arbeit in eigener Sache hatte den gewünschten Effekt. Ein paar Tage später erschien in der FAZ ein Artikel von Robert H. in meinem Sinne. Überschrift: »Muskelschmelze der Kugelstoßer.« (gw)

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