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Montagsthemen (vom 21. November)

Da an jedem Bundesliga-Spieltag zu viele Reporter zu viele Mikrofone zu vielen Fachprominenten unter die Nase halten, taten sie dies auch am Samstag. Und so verbreiteten sie eine Rekordzahl an hilf- bis sinnlosen Worthülsen zur Rafati-Tragik. Huub Stevens: »Es ist kaum zu glauben, dass so etwas passiert. Dafür finde ich kaum Worte. Die Gesundheit ist immer das Allerwichtigste.«
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Natürlich findet ein Vollprofi wie DFB-Boss Zwanziger die »richtigen« Worte. Wie schon bei Enke. Worte eben. Einer aber findet spontan die wirklich richtigen – Hertha-Trainer Markus Babbel: »Ich kann dazu keine Stellung nehmen.« Bezeichnend, dass diese Nicht-Stellungnahme, die am Samstag allen anzuraten gewesen wäre, später als einzige in der vom Sport-Informationsdienst (sid) verbreiteten Stimmen-Zusammenfassung fehlen wird.
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Dafür fehlt nicht der mehrfach gesendete Hinweis: »Der sid bietet ab sofort Außenaufnahmen vom Kölner Hyatt-Hotel an, in dem Babak Rafati einen Selbstmordversuch unternommen hat.« Das sagt mehr als alle versendeten Worte.
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Im Themen-Zettelkasten für diese Kolumne lag seit vielen Wochen eine Notiz zur Umfrage unter Bundesliga-Profis, die Rafati in den letzten vier Jahren dreimal zum schlechtesten Schiedsrichter wählten. Zettel-Anmerkung: »Wie dick muss sein Fell sein?« Aber das soll keine voreiligen Schlüsse provozieren, auch nicht die Schieri-Steueraffäre und auch nicht der übliche Verweis auf »unmenschlichen Druck im Leistungssport«. Druck gibt es zwar, aber nicht für alle (man frage nur Franz Beckenbauer), aus sich heraus erklärt er keine finalen Verzweiflungsakte.
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»Als der Stadionsprecher die Nachricht bekannt gab, hielt ich das erst für einen schlechten Scherz und habe in erster Erregung Richtung Spielfeld gerufen: ›Ach Kerle, soll ich peife?‹ Dann wurde mir aber recht schnell klar, dass dem Schiedsrichter etwas sehr Schlimmes zugestoßen sein muss«, mailt Thomas Hübner, Köln-Fan vor Ort, und kommt dann »mehr und mehr zu dem Schluss, dass man das Spiel hätte doch stattfinden lassen und die Hintergründe nicht öffentlich machen sollen. Wäre interessant zu wissen, wer DFB/DFL/Herrn Zwanziger zur Veröffentlichung autorisiert hat« (diese Mail steht – nebst einigen anderen ebenfalls beachtenswerten Leser-Reaktionen – ungekürzt im Blog »Sport, Gott & die Welt).
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Auch sportlich läuft medial einiges schief. Schief liegen die boomenden Abzähl-Statistiken, mit denen man alles und nichts erklären kann, aber alles erklärt, indem man sich die gerade passende herauspickt. 61 Prozent Ballbesitz der Bayern? Dann war eben die Kilometerleistung entscheidend. Ersatzweise: Torschüsse,  Zweikämpfe, Spurts, Ecken oder die meisten Rotz-Fontänen (als Zeichen archaisch-männlicher Dominanz-Aggression).
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Eine Steigerung der Statistikeritis hält das ZDF mit seiner aufgemotzten »3-D-Analyse« bereit, die ebenfalls alles erklärt, wenn man hinterher entsprechend interpretiert. Dazu passt, dass ZDF-Rethy dem hoch spannenden und strategisch-taktisch höchstwertigen Spitzenspiel das Prädikat »schwach« verleiht – ganz anders zuvor Sky-Reif. Denn: Bayern – BVB, das war zwar kein Festival der Zauberkünstler, aber ein Genuss für Fußball-Strategiefreunde.
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Noch ein bisschen Statistik? Robben lief bis zu seiner Auswechslung 7,44 km, setzte zu 16 Sprints an (Spiel-Rekord), hatte 45 Ballkontakte, fiel aber nur durch Theatralik auf, die Freund und Feind nervt. So lange spielte er zuletzt gegen Gladbach, zwischen diesem und dem jetzigen 0:1 lag ohne Robben eine glänzende Bayern-Serie, und bevor auch daraus wieder falsche Schlüsse gezogen werden, sollte man die nicht unrealistische Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Robben den FC Bayern im Alleingang zum Champions-League-Titel schießt.
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Mario Götze, an dessen überragendem Talent niemand zweifeln kann, wurde wieder durchweg eine Note zu gut bewertet. Er eine Eins, Kagawa und Lewandowski nur eine Zwei? Nur mit Vorschuss-Bonus verstehbar.
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Obwohl Götze glaubhaft versichert, in absehbarer Zukunft beim BVB zu bleiben, heizen die Medien das Wechsel-Thema mit immer höheren Summen aus Spanien, England oder Italien an. Doch man muss kein Mathematik-Professor wie Papa Götze sein, um ausrechnen zu können, dass diese Summen nur auf dem Papier stehen und unter dem Strich in Deutschland mehr herauskommen wird. Das ist zwar kein ganz anderes Thema, hat aber mit Sport eventuell weniger zu tun als mit … Spanien, Italien, England. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle