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Sport-Stammtisch (vom 19. November)

Genug geschwärmt. Heute nichts mehr zum Fußball. Aber ein Wort zum Nationaltorhüter. Manuel Neuer gewinnt bei Jauch 500 000 Euro und weiß sogar, auf wessen Flagge »Ordnung und Fortschritt« geschrieben steht (auf der brasilianischen). Respekt!
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Inhaltsangabe im »Stern«: »Poker. Wie der Deutsche Pius Heinz in Las Vegas die Weltmeisterschaft der Superzocker gewann.« Unter welcher »Stern«-Rubrik finden wir den Superzocker? Unter »Bilder der Woche«?, »Trends der Woche«?, »Deutschland«?, »Ausland«?, »Wirtschaft«? Nein, im Ressort »Sport«. Seufz.
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Ist Sudoku Sport? Diese unkreative reine Zahlensucherei? Oder Schach? Aber keine Angst, wir schlagen hier die alten Schlachten nicht noch einmal und halten uns an eine sportliche Sekundärtugend: Wer zum DOSB gehört, treibt Sport. Also: Schach ja, Poker und Sudoku nein. Und das ist auch gut so.
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Die abfällige Sudoko-Beschreibung mag unbewusst vom eigenen ständigen Sudoku-Versagen motiviert sein, doch zu Freuds Eisbergmodell vielleicht in einer späteren Kolumne mehr. Und auch das Schach-Sportspiel streifen wir nur mit der leisen Schadenfreude über die hübsche Blamage der KKK (Kanzlerkandidatenkampagne), in der Kandidat und väterlicher Förderer auf dem Cover ihres neuen Buches »Zug um Zug« beim Schachspielen zu sehen sind – mit falsch aufgestelltem Brett, also einem schwarzen Feld auf der rechten Spielerseite. Peinlich für beide, die doch so viel PR-Wert auf ihr Image als ausgefuchste Schachspieler legen, die ihren Gegnern immer einen Zug voraus sind. Und nicht schon in eine Schäfermatt-Falle tappen.
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Poker, Schach und Sudoku in einem spielen die Gegner im NBA-Lockout: Sie bluffen, wollen einen Zug voraus sein und zählen Zahlen zusammen. Obwohl sie, wenn sie eins und eins zusammenzählen, wissen müssten, dass im Gegensatz zum Schach bei ihrem Patt beide verlieren. Und zwar viel, viel Geld. Warum haben sie sich also nicht längst geeinigt, wie fast alle Tarifparteien nach den üblichen Drohgebärden? Was weiß ich? Soviel wie Sokrates: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Beziehungsweise, um das geflügelte Wort korrekt zu zitieren: »Wenn ich etwas nicht weiß, so glaube ich auch nicht, es zu wissen.«
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Das erste geflügelte Wort steht in der Ilias. »Sprach er sie, die geflügelten Worte«, ist bei Homer die Einleitung einer wörtlichen Rede. Weil Worte wie auf Flügeln vom Menschen ins Ohr fliegen. Und seit Büchmann 1864 seine Zitatensammlung unter dem Titel »Geflügelte Worte« veröffentlichte, sind geflügelte Worte geflügelte Worte.
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Auch ein solches: Aber wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr? (Francois Villon im Original: »Mais ou sont les neiges d’antan«)? Und wo bleiben die vielen, vielen Winter-Weltcuprennen? Täuscht die Erinnerung, oder kamen früher die Weihnachtsmänner später in die Läden und die Wintersportler früher in die Puschen? Die aktuellste Meldung ist die, dass Magdalena Neuner schon vor der Saison öffentlich nachdenkt, bald aufzuhören.
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Natürlich ist Biathlon Sport. Und bitte nichts von »Wehrsportgruppe« ätzen! Es geht auch nicht darum, welcher Sport überhaupt Sport ist, sondern welcher Sport die Berechtigung zum Traditionssport besitzt. Was beim Biathlon, beim Skisport an sich, keine Frage ist: Schon 1893 berichtete die »Berliner Illustrirte Zeitung«, derzeit mein Informations-Medium Nummer eins, von »Schneeschuh-Übungen in der deutschen Armee«, inspiriert von norwegischen Infanteristen, die »interessante Wettkämpfe organisieren«. Und so beginnt der BIZ-Artikel: »Alles zieht die deutsche Armee nach und nach in ihren Bereich, um im nächsten Krieg nicht nur durch die Waffen, sondern auch durch andere Mittel das Übergewicht zu erlangen: den Luftballon, die Elektrizität, die Kriegshunde und jetzt auch die Schneeschuhe.« – Meinen Hund kriegt ihr nicht!
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Ach so, es ging um die Berechtigung zum Traditionssport. Ein heiß diskutiertes Thema. Und damit doch noch ein Wort zum Fußball: RB Leipzig darf nicht Red Bull, sondern muss Rasenballverein heißen, weil der DFB Werbung im Vereinsnamen verbietet. Gestern Abend spielte der Traditionsverein 1. FC Kaiserslautern, der »Fußball-Club« heißt und nicht »Dem-Fritz-sein-Sekt-Klub«, gegen Bayer Leverkusen, das Bayer heißen darf, weil der DFB dem Werksklub Traditions-Ausnahmerecht zubilligt, was durchaus umstritten ist. Zu Unrecht. Den Beweis habe ich in einer Anzeige der Berliner Illustrierten aus dem Jahr 1944 gefunden: »Die Heimatfront steht! Sie ist das Rückgrat der kämpfenden Männer draußen. In dieser Front ist jeder mobilisiert, jeder ist aufgerufen, seinen Mann zu stehen, auch die Frauen. Jeder trage dazu bei, dass die Heimatfront unerschütterlich steht, indem er sich für seine Gesundheit verantwortlich fühlt und rechtzeitig die Arzneimittel seines Vertrauens zu Hilfe holt.« – Natürlich von Bayer. Wenn das keine Tradition ist! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle