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Sport-Stammtisch (vom 17. November)

»BVB bangt um Einsatz von Schmelzer.« (sid am Montag um 15.03 Uhr) / »BVB hofft auf Schmelzer-Einsatz.« (dpa am Montag um 15.03 Uhr). Es gibt immer zwei Sichtweisen.
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Spielte Deutschland so stark, weil Holland so schwach war? Oder spielte Holland  so schwach, weil Deutschland so stark war? Es gibt immer zwei Sichtweisen? Diesmal nicht, denn »da gibt es keine zwei Meinungen« (beliebte neue Floskel), dass wir am Dienstag ein berauschendes deutsches Fußballspiel gesehen haben. Und stochern wir auch nicht im Kaffeesatz, was dieser überwältigende Spielrausch in einem langen halben Jahr noch für die EM-Endrunde bedeutet, sondern genießen noch ein Weilchen den Tag, der ein außergewöhnlicher war.
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Nein, pathetisch wird’s hier nicht, und Lobes-Hymnen, so berechtigt sie sind, lassen wir außerhalb dieser Kolumne singen. Also, gab es auch Negatives? Nein. Es sei denn, man stelle sich vor, wie formstärkere große Mannschaften als Holland den zweiten deutschen Abwehrriegel knacken könnten (der erste heißt Neuer und ist der vielleicht schwerst knackbare Ein-Mann-Riegel im heutigen Fußball). Trotz der »Null« deutet viel darauf hin, dass Mertesackers Tage als Abwehrchef gezählt sind.
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Die drei Tore – ein Traum. Armer Mario Gomez. Als Tor-Vollstrecker Weltklasse, passt er ins wirbelnde Kombinationsspiel einfach nicht so perfekt hinein wie der quirlige Miro Klose, der zudem im Gegensatz zu Gomez auch dann Weltklasseleistungen zeigt, wenn er keine Tore schießt. Klose UND statt oder Gomez? Schwer vorstellbar, da solch ein Duo zwangsläufig auf Kosten eines der Höchstbegabten im offensiven Mittelfeld ginge.
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»Ballbesitz« hatte Deutschland gegen Holland auch nicht mehr als beim 3:3 in der Ukraine, diesen statistischen »Fetisch« (»Montagsthemen«) sollte man wie manch anderen getrost den reinen Zahlenfetischisten überlassen – wie Zweikampfbilanzen oder Kilometerzählungen. Sportlich von Belang ist nur: Was mache ich mit dem Ball, wenn ich ihn besitze? Welche (die entscheidenden?) Zweikämpfe gewinne ich? Laufe ich soviel, weil der »lauffaule« Gegner (Bayern!) mich laufen lässt? Die nackten Zahlen sagen nichts dazu aus (zum »Fetisch Ballbesitz« hat Wolfram Jäger eine interessante Mail geschrieben, sie ist im Blog »Sport, Gott & die Welt« zu lesen, ebenso wie andere Leser-Mails, zum Beispiel zur angedachten Wertungs-Modifizierung bei »Wer bin ich?«).
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Und wer vermisst noch Michael Ballack? Bei all seinen unbestreitbaren Verdiensten: Selbst wenn er nicht alt, knorrig und knurrig wäre, sondern jung und angepasst, würde er in diesem Team wie ein Fremdkörper wirken, auch weil er ein gefürchteter »Ballbesitzer« statt Ballbeschleuniger ist.
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Einer der weltweit talentiertesten Ballbeschleuniger gerät langsam in die Gefahr, in die Jay-Jay-Falle zu tappen. Mario Götze, obwohl intelligent und von Herkunft und Art gut »geerdet« (noch so eine beliebte neue Floskel), scheint nicht mehr immun gegen Verlockungen und Ansprüche, die karrierehemmend wirken können. Wie bei Okocha. Der Nigerianer war in Götzes Alter, als er zur Eintracht kam, wo ein Fußball-2000-berauschtes Umfeld (zum Teil inklusive Trainer) von dem so noch nie gesehenen Ball-Künstler nur das Eine verlangte: zirkusreife Kunststückchen. Und so tanzte er ein, zwei, drei vier, fünf Gegenspieler auf engstem Raum aus, bevor er am sechsten hängen blieb (dennoch tolle Zweikampf-Bilanz …), oft mit bitteren Konsequenzen für die Abwehr (kein Wunder, dass den Bindewalds der Kamm schwoll). Auch Okocha war ein intelligenter, natürlicher und freundlicher Junge, aber weil er, vom Umfeld verführt, seine einmaligen Fähigkeiten als Selbstzweck einsetzte und nicht als Mittel zum Zweck, blieb er, trotz (zu später) Besserung im reiferen Fußball-Alter, ein auf höchstem Niveau ewig Unvollendeter. Götze besitzt ähnliche Gaben. Hoffentlich nutzt er sie besser. Sonst tappt er als ewiger »Götzinho« in die Jay-Jay-Falle.
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Als die Holländer Fußball spielten wie die Deutschen am Dienstag, wer gewann dann bei den großen Turnieren? Deutsche, die wie die Dienstags-Holländer spielten. Von daher bedeutete der grandiose 3:0-Sieg zwar eine kleine Sternstunde – aber eben nur eine kleine. Große erlebt man nur bei großen Turnieren. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle