Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 14. November)

Gegen die Ukraine hat die deutsche Mannschaft bei 120 Prozent Ballbesitz (gezählt nicht nach Riese, sondern nach Jahn) bewiesen, dass der Fetisch »Ballbesitz« nur statistischer Popanz ist. Vor allem, wenn man stumpfsinnig (in Spielberichten euphemistisch »naiv« genannt) gegen eine Abwehrmauer an- und um sie herumspielt und der deutlich schwächere Gegner die Steinzeit-Erfolgsformel anwendet, hinten dicht zu machen und vorne dem lieben Gott zu vertrauen. Dann eröffnet bei 21 Spielern im eigenen Strafraum (nur leicht übertrieben) ein Ballverlust des Gegners freie Bahn bis zum Tor-Horizont.
*
Zur echten Nagelprobe kommt es aber erst morgen gegen Holland. Nagelprobe? Man sollte immer wissen, was man schreibt. Mal nachschauen. Aha, Grimms Wörterbuch zitiert aus Joseph Viktor von Scheffels »Ekkehard« (1853): »und trank mit tapferem zuge ihn bis zum grunde leer, und macht die nagelprobe, da flosz kein tropfen mehr.« Und zwar aus dem »riesenhumpen«, nach dem »Ex« umgedreht über einen Fingernagel gestülpt. Blieb dieser trocken, war die Nagelprobe bestanden.
*
Zwischen den Spielen eine spezielle Spieltheorie, basierend auf den stilbildenden Funktionen von Wrestling und Formel 1. Die WWE-Catcher, die am Samstag mit ihrer und einem »Big Show« (so heißt ein Star der Szene) Station in Frankfurt machten, haben mit dem Brimborium dieser Freak-Show über das Boxen hinaus den gesamten Sport infiziert. Demnächst wird Michael Buffer als Bundesliga-Stadionsprecher eingeflogen und tönen: »Let’s get ready to rumble!« Ähnlich die Transferwirkung der Formel 1 auf die Finanzkrise: Wenn »Bernie« derart locker mit Millionen jongliert, dass er einem Banker mirnichtsdirnichts achtstellige Summen zusteckt (warum, versucht ein Münchner Gericht zu klären), inspiriert das die einst bürgerlich seriöse, aber nun vom Glitzerglanz der Scheinwelt infizierte Schein-Welt zu Trapezakten mit Fantastillionen. Ist ja für sie – mirunddirgarnichts – nur Spielgeld.
*
Apropos Spielgeld: In Las Vegas hat die Deutsche Bank fünf Milliarden Euro in Spielkasinos investiert. Da aber das Geschäft mit den einarmigen Banditen in der Regel zweiarmige Banditen machen, droht der Bank ein Schaden, der genauso hoch werden könnte wie ihr gesamtes Minus in der Schuldenkrise. Aparte Koinzidenz am Rande: Im NBA-Milliardenpoker gibt Wizards-Besitzer Michael Jordan, einst bekennender Zocker, ebenso den Hardliner gegen die Spieler-Gewerkschaft wie früher in der Spieler-Gewerkschaft gegen die Klubbesitzer. Dass ein anderer Klub-Boss, Claudio Lotito von Kloses Lazio Rom, wegen massiven Sport- und Wettbetrugs suspendiert wurde, was aber eher als Kavaliersdelikt gilt, passt ins Mosaik, vor allem in dem Land, das viele Jahre lang von einem bösen Clown regiert wurde. Was den Kreis zum Wrestling schließt, denn dort trat schon vor Berlusconis Ära ein Clown-Superstar auf, der als scheinbar harmloser Kumpeltyp lachte, trickste und schwadronierte, aber das Böse schlechthin symbolisierte.
*
Noch einmal zu »Bernie«, wie alle, die auch dabei sein wollen, zu Mister Ecclestone sagen. Auf die simple Frage des Richters, ob er den Bayern-Banker Gribkowsky mit 44 Millionen Dollar bestochen habe, faselte Ecclestone fast so unverständlich herum wie Bushido bei seiner wirren Bambi-Rede. Anmerkung für Leser der Corega-Tabs-Generation: Bushido ist kein japanisches Geriatrikum, sondern der Künstlername eines Milieusprechsängers (= Rapper).
*
Okay, zu viele Fremdwörter in der Kolumne. Das schlechte Beispiel von Eishockey und Basketball färbt ab. Sogar urhessische Klubs heißen »Fordisicksers« oder »Skailainers«. Zu loben sind daher die Handballer, die treudeutsch beim TV und HSG bleiben und keine »Törnklabbers« oder »Händbowlpläitrasters« werden. Obwohl mangelnde Sprachkenntnisse auch zu Missverständnissen führen können, wie bei jenem Hessen, der im US-Drugstore auf eine Dose Nivea deutet, den Preis genannt bekommt – »fortyfive« – und lokalpatriotisch protestiert: »Nix for die feif – fordisicksers!« In der Originalversion des präpubertären Witzes heißt es zwar »fürs Gesicht«, aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle