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Sport-Stammtisch vom 12. November

In sooo großen Schlagzeilen wurde er gefeiert und im »heute-journal« in epischer Länge gepriesen: Der junge Mann, der idealtypisch den Geist der Zeit verkörpert. Unser neuer Held. Nicht Özil oder Götze, sondern Heinz. Vorname Pius, der Fromme.
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Beim Pokern gewinnt, wer seine ihm gegebene Leistung (= Karten) am besten manipuliert (= blufft). Also am geschicktesten betrügt. Der fromme Heinz gewann knapp sieben Millionen Euro. Das sind aber nur Peanuts gegenüber dem Rekord-Gewinn von Griechenland, das sich einst im Beitrittspoker mit Drachmen-Luschen auf der Hand Euro-Fantastillionen erbluffte.
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Poker ist dennoch gesellschaftsfähig geworden, was folgerichtig ist, da auch in der Finanzwelt das Zocken, Pokern und Wetten (auf Schweinehälften, Ernten, Staatsbankrotte) maximalen Profit verspricht und die Gegenspieler aus der Politik derart schlechte Karten haben, dass sie Zuflucht beim Schneeballsystem suchen. Wer dabei am Ende verliert, ist bekannt. Und jetzt katapultieren sie die Schneebälle sogar mit mächtigen Hebeln, das vervielfacht auch die Lawinengefahr.
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Vor gut einem Jahr – damals schon »Anstoß«-Thema – wurden einflussreiche »Entscheider« in ein Luxushotel auf Sylt eingeladen. In der Einladung hieß es (laut »Spiegel«): »Gemeinsam mit Ihnen wollen wir in einem sehr exklusiven Kreis die Weichen für die Zeit eines politisch liberalisierten Marktes für Sportwetten und Online-Poker stellen.« Auf dem Programm stand ein Grundsatzreferat von – kein Scherz! – Boris Becker über die »Potenziale von Online-Poker« und dessen Wandlung »vom Nischendasein zum Volkssport«.
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Bluffen, Zocken, Wetten, Übertölpeln als Volkssport. Aber es dient ja einem guten Zweck, denn Hauptargument der Befürworter einer Liberalisierung ist die pädagogisch äußerst wertvolle Bemühung, die Pokerei und Wetterei legal zu machen, um die illegale Zockerei auszutrocknen. Und demnächst senken wir die Mordquote, indem wir Totschlag legalisieren.
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Wer glaubt, hier schreibt ein moralisierender Biedermann, der von Tuten und Blasen und Zocken keine Ahnung hat, dem sei  der Online-Anstoß »Sport, Gott & die Welt« empfohlen (Link dort zum »Sport-Leben«). Fazit: Nicht das Pokern, das Zocken insgesamt ist von Übel, sondern dass es aus den Hinterzimmern in die Wohnzimmer vorgedrungen ist und mit seinem Milliarden-Etat die Sitten verdirbt. Zum Beispiel auch im Fußball.
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Wenn’s doch nur der Fußball wäre. Europakarte einer Zeitschrift: In den Umrissen Deutschlands zu lesen: »600 Milliarden Defizit, Verfall der Währung, Teuerung, politische Unsicherheit«. Außerhalb: »Spanien: großes Defizit des Staatshaushaltes. Italien: schlechte Valuta. Griechenland: revolutionärer Zustand.« Überschrift: »Die politische und wirtschaftliche Lage . . .
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. . . Ende 1922.« Veröffentlicht in der legendären und längst verblichenen »Berliner Illustrirten«. Und die Zukunft? Da wusste die Zeitschrift mehr als wir heute. 1928 phantasierte die Berliner Illustrirte«: »Wunder, die wir vielleicht noch erleben werden: Besichtigung der Welt im Bett durch Übertragung lebender Bilder von einem Sender aus.«
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Welche Wunder werden wir vielleicht noch erleben? Außer den unvermeidlichen blauen? Reich werden vom Bett aus durch den Fernseher? »Probieren Sie es im EuroGaming Palace, das online Gaming so leicht macht wie 1-2-3. Und das Beste von allem, wir geben Ihnen 400 Euro nur für Ihre Anmeldung! Fangen Sie mit unserem Geld an zu spielen, nicht mit Ihrem und sehen Sie, wie viele Gewinne Sie ansammeln können.« Zukunft? Heute in der Mailbox.
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Früher haben wir nach dem Handball »Lügen-Max« gespielt, das war wenigstens ehrlich. Apropos: Für unsere Aktion »Handball in New York« haben sich schon viele Leser beworben. Einer von ihnen macht in seiner Bewerbung diese Anmerkung: »Vor 44 Jahren war ich mit meinem Onkel Walter Schwarz im Training beim VfB Gießen. Mir fiel ein Spieler auf mit einer gewaltigen Wurfkraft, der aber leider zu wenig das Tor traf. GW, alias Gerd S. Bei mir wäre er Handballer geworden.«
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Nicht das Tor getroffen – empörend! Dennoch hätte er lieber Handballer werden sollen? Statt sich in einem anderen Sport zu versuchen? Oder gar als Kolumnenschreiber? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle