Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 11. November)

Natürlich hat sich DFB-Boss Zwanziger in der Amerell-Affäre nicht mit Ruhm bekleckert. Aber dass der sehr alte Liebhaber eines sehr jungen Schiedsrichters den DFB nun schon seit fast zwei Jahren »am Nasenring durch die Arena führt« (Frankfurter Rundschau), wäre ohne die Unterstützung einflussreicher Sportmedienkreise nicht möglich, die schon seit langem interne Wetten laufen haben, wann, wie und von wem Zwanziger zur Strecke gebracht wird – und da nimmt man gerne auch Schützenhilfe aus widerwärtigen Bereichen an.
*
In der Schlammschlacht droht die einzig relevante Frage verloren zu gehen: Nicht wer wen auf den Mund geküsst, in den Schritt gefasst und schmuddelige SMS geschrieben hat ist von Belang, sondern wer wen wann und wie sexuell belästigt hat und ob dies bis zu Nötigung und Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses ging, eventuell sogar bei minderjährigen Schutzbefohlenen. Fakten: Amerell ist 64, Kempter 28. Ihr wie auch immer geartetes Verhältnis begann spätestens schon 2001, Kempters Karriere hob unter der Gunst des zuständigen Schiedsrichter-Obmannes Amerell im Steilflug ab und krachte nach Gunstverlust katastrophal zusammen.
*
Amerell lässt nicht locker und kann sicher sein, dass jede seiner rachsüchtigen Aktivitäten freundliche sportjournalistische Begleitung erfährt. Auch die Staatsanwaltschaft ist dankbar für Amerells Hinweise auf Steuervergehen, obwohl man sich fragt, ob der Tippgeber sein Wissen nicht schon hätte preisgeben können oder sogar müssen, als er noch in Amt und Würden war. Und dass Amerell von der Razzia bei seinem jungen Exfreund wusste, sie vor dessen Haus beobachtete und auch jene interessierten Medienkreise sofort informiert waren, gibt dem Stinkmorchelkrieg ein zusätzlich fieses Stinkmauschel-Geschmäckle. Seltsam auch, dass von den einschlägigen Vorwürfen anderer junger Schiedsrichter kaum noch etwas zu hören und lesen ist.
*
Aber von Amerell immer wieder. Und der DFB, am Nasenring, tanzt sein täppisches Tänzchen dazu. Welch ein absurdes Theater, dass sogar ein »Mediationsverfahren« zwischen Amerell und DFB anberaumt war, mit Bischof Huber als Vermittler. Dass der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende sich für diese Farce hergeben wollte! Eher hätte man so etwas Ex-Bischöfin Käßmann zugetraut, »von der man schon seit Stunden nichts mehr gehört hatte« (Hans Zippert in der Welt). Doch Margot Käßmann hatte wohl keine Termine mehr frei, ihr neues Amt (von vielen) fordert die ganze Frau: Käßmann ist Präsidentin einer Jury, die Deutschlands schönste Friedhöfe, Grabsteine, Särge und Urnen sucht. Im Auftrag der Firma Bestattungen.de. Wirklich! Noch einmal Hans Zippert: »Margot Käßmann ist mit der Materie bestens vertraut, sie war schon mal Alkoholleiche.« – Pfui Teufel, Herr Zippert! Das geht wirklich zu weit!
*
So etwas nennt man wohl Grinslippenbekenntnis. Und wenn ich schon auf den albernen Weg abgeirrt bin: Ich wüsste einen kompetenteren Jurypräsidenten: Jenen als Friedhofskenner unschlagbaren russischen Wissenschaftler, der als Keltenforscher in Fachkreisen bekannt ist, aber jetzt durch ein zugegeben etwas ungewöhnliches Hobby noch bekannter wurde: Er hat die Leichen von 29 Frauen aus den Gräbern gebuddelt, zu Mumien-Puppen verarbeitet und bei sich zu Hause schön drapiert aufbewahrt.
*
Ein irrer Verbrecher? Glaubt man der Deutschen Presseagentur, sollte man diesen voreiligen Schluss überdenken, denn dpa zitiert einen russischen Psychologen (»Er ist ein Wissenschaftler, der bei seiner Arbeit die Grenzen überschritten hat«) sowie den Chefredakteur der Fachzeitschrift »Nekrolog«: »Keiner schreibt so packend über Friedhofsthemen wie er.«
*
Schon seltsam, was da alles keucht, kreucht und fleucht in Fauna und Stinkmorchel-Flora. Wer den Überblick verliert, dem hilft Hans Zippert auf die Sprünge. Der schreibt nicht nur seine tägliche Welt-Kolumne »Zippert zappt« (von unserer täglichen Kolumne leichenblassneidisch bewundert), sondern hat auch ein Biologie-Lehrbuch geschrieben, natürlich erschienen im naturwissenschaftlichen Kosmos-Verlag: »Zipperts Tierleben: Warum Regenwürmer nicht zuhören und Eichhörnchen schlecht einparken«
*
Zu albern? Schade. Da bleibt nur noch ein seriöses Schlusswort, als Appell an alle von A(merell) bis Z(wanziger): Versucht’s mal mit Meditation statt Mediation.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle