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Assoziationen

Liebes Eintracht-Tagebuch,
weißt du, was richtig blöd ist? Wenn man an etwas denkt, an das man eigentlich gar nicht denken möchte. Oder um es etwas genauer zu sagen: Wenn einen irgendetwas, das man sieht, hört oder riecht, automatisch an etwas ganz Bestimmtes erinnert.
Wir nennen das auch »Assoziation«. Warum das so ist, weiß ich nicht wirklich. Aber Wissenschaftler sagen, jeder Mensch und auch jedes Tier habe im zentralen Nervensystem ein sogenanntes Assoziationszentrum, das dafür verantwortlich sei, dass sich Informationen aus der Außenwahrnehmung mit gespeicherten Gedächtnisinhalten verknüpfen.
Ja, das klingt kompliziert, und ist es vermutlich auch. Aber trotzdem kann ich dir anhand von ein paar Beispielen verdeutlichen, wie einfach das bei mir funktioniert!
Wenn ich zum Beispiel (was zum Glück nur noch selten vorkommt) den Geruch von 4711 in die Nase bekomme, sehe ich unweigerlich diese eine meiner Tanten auf mich zustürmen, deren Spezialität es war, einen bei der Begrüßung mit einem Catchergriff so lange an sich zu drücken, bis man blau angelaufen war. Höre ich »the long and winding road« von den Beatles, denke ich sofort an ein Mädchen aus meiner Schulzeit, das zwar Stehblues mit mir tanzte, sich aber partout nicht küssen, geschweige denn befummeln ließ! Rieche ich irgendwo verschmortes Metall, dann stehe ich im Geiste wieder in dieser Anhängerkupplungsfabrik, in der ich damals in den Ferien gejobbt habe, usw., usw.
Das alles sind komplett subjektive Assoziationen, ohne auch nur den Hauch von Allgemeingültigkeit. Hören wir aber zum Beispiel den Vornamen »Adolf«, denken die meisten von uns an eine unrühmliche Epoche dieses Landes, und sobald wir das Datum 11. September lesen, haben wir die Flugzeuge und die Türme vor Augen. Das sind dann nicht nur weit verbreitete Assoziationen, es sind zudem auch für viele Menschen sehr unangenehme. Weil bestimmte Leute, wie zum Beispiel Hitler oder El Kaida, es geschafft haben, bestimmte Dinge inhaltlich zu besetzen. Ungeachtet der Tatsache, dass es auch in der Nazi-Zeit in Deutschland bestimmt jede Menge weiterer Adolfs gab, die trotz ihres Namens keine Faschisten waren. Und mit Sicherheit gibt es Abertausende von positiven Ereignissen an den 11. Septembern unserer Weltgeschichte. Theodor Adorno zum Beispiel ist an einem 11. 09. geboren … genauso wie Franz Beckenbauer übrigens auch!
Ja, genau betrachtet sind solche Assoziationen eigentlich ziemlich ungerecht. Und auch im Fußball, liebes Tagebuch, gibt es Unmengen davon. Wobei man hier zumindest über den Tatbestand der Ungerechtigkeit leidlich streiten könnte. Wenn ich zum Beispiel im Rahmen meines Soloprogramms den Namen »Lothar Matthäus« erwähne, lachen schon alle, bevor ich ihn überhaupt kurz zitiert habe. Bei »Bayern München« denken alle Anhänger anderer Klubs an Dominanz und Überheblichkeit, bei »VfL Bochum« an graue Mäuse, bei »Fallrückzieher« (zumindest die Älteren) an Klaus Fischer, bei »Manchester United« an Alex Fergusson, der dort schon seit über 600 Jahren Trainer ist, bei »Mario Basler« an Intellekt pur, und bei »David Beckham« schießt vielen sofort der Begriff »metrosexuell« in den Kopf.
Es gibt sie zuhauf, und die meisten sind eher harmlos. Blöd wird es aber, wenn zum Beispiel Vereine bzw. deren Namen fiese Zusammenhänge in unseren Köpfen herstellen. Nimm als aktuelles Beispiel Dynamo Dresden. Damit verbinden wir dieser Tage nichts außer Gewalt durch unterirdische Volldeppen. Keiner unserer Gedanken gilt einem Traditionsklub, der im ostdeutschen Fußball Geschichte geschrieben hat und dessen Erfolge für eine ganze Region emotional so wichtig sind. Und der sich sportlich nach langen Talbesichtigungen langsam wieder nach oben gearbeitet hat. Nur weil eine gewisse Gruppe Primaten kollektiv ihre Gehirne in der Elbe versenkt haben. Ich habe Freunde in Dresden, die schämen sich dafür in Grund und Boden, was natürlich vollkommener Quatsch ist! Dass man jetzt erwägt, Dynamo aus dem DFB-Pokal nächste Saison zu nehmen, ist schlimm, trifft in großer Mehrheit die Falschen und ist zudem durchaus Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit seitens des DFB.
Bleibt die Frage, wie es mit den Assoziationen bezüglich unserer Eintracht aussieht. Auch in Frankfurt gibt es derzeit ein paar geistig ausgesprochen übersichtlich strukturierte Jungs, die den Ruf unseres Vereins durchaus zu schädigen versuchen. Ich glaube aber, dass wir, die wirklichen Fans, sie ignorieren sollten. Denn gerade jetzt ist ein guter Zeitpunkt, das Loserimage nach dem Abstieg zu korrigieren. Wir haben einen charakterlich starken Trainer, einen ausgesprochen erfahrenen und guten Sportdirektor, und wir haben einen Chef, der bereit war und ist, aus Fehlern zu lernen (und genau deshalb die beiden Erstgenannten geholt hat). Dazu kommt, nicht ganz unwichtig, eine Mannschaft, die zwar, wie in Ingolstadt und auch in Aue zu sehen war, nicht immer Glanz verbreitet, die aber an sich glaubt!
Und die genau deswegen immer noch ungeschlagen ist. Wäre doch schön, wenn man in absehbarer Zeit irgendwo in Deutschland jemand nach Eintracht Frankfurt fragt, sich dessen Gesicht erhellt, und der dann sagt: »Geiler Verein!« In diesem Sinne!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle