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Sonntag, 6. November, 6.40 Uhr.

Noch halb dull, kurz vor der Stadt, vor dem Abbieger zur Redaktion, das Steuer herumgerissen. Stau! Um sechs Uhr früh am Sonntag! Dann dämmert’s dem dullen Hirn: Passiert zwei-, dreimal im Jahr. Aussteller, die sich vor der Hessenhalle drängen. Trödelmesse? Auf der Brücke, beim Umweg, sieht man die Schlange. Müssen Hunderte von Autos sein! Was wird dort ausgestellt? Flohmarkt de luxe oder Sperrmüll? Zuletzt in Dänemark eine ähnliche Schlange gesehen, bei einem “Loppemarkt”. Dort: nur Sperrmüll. Dennoch Andrang.

In der Redaktion nachgeschaut. Ja, Trödelmarkt. Offiziell: “Antik und Trödel.” Blick auf die Meldungen der Nacht. Los geht’s mit Hape Kerkeling. War keine Überraschung mehr. Wetten dass hatte ihn nötiger als er Wetten dass. Erdbeben in Oklahoma, Erdrutsch in Kolumbien. Und bei uns: Toter nach Unfall mit Geisterfahrer auf der A3 nahe Idstein. Auf der Autobahn gewendet! Nach Unfall zu Fuß geflohen. Noch nicht gefasst. In Wetzlar Läuferin bei Holiday on Ice verunglückt. Stand auf einem Podest, das zusammenstürzte. Nur leicht verletzt, Veranstaltung abgebrochen. Sport. Joe Frazier hat Leberkrebs. Kann ich mich an den “Kampf des Jahrhunderts” erinnern? 1971, Ali in Runde 15 fast knockout und dann nach Punkten besiegt. Ich meine, mich zu erinnern. Oder habe ich die Bilder erst später gesehen, in Rückblicken?

Am Samstag in der “Nach-Lese” (siehe “gw-Beiträge Kultur”) über Wahrheit und Erinnerung geschrieben. Auszug:

In diesem Sinne finden wir das, was wahr war, weniger in Autobiographien, sondern eher in Romanen, obwohl deren Autoren meist strikt ablehnen, ihre Figuren und Beschreibungen deckungsgleich auf sich und ihr Leben beziehen zu lassen. In diesem Bücher-Herbst häufen sich nun die Erinnerungs-Romane, deren Autoren die jüngere deutsche Vergangenheit heraufbeschwören und detailliert beschreiben. Wie Jan Brandt, der mit Gegen die Welt als Favorit auf den Deutschen Buchpreis galt, aber gegen In Zeiten des abnehmenden Lichtes von Eugen Ruge unterlag. Brandt (Ostfriese aus Leer) beschreibt pedantisch, ja manisch pedantisch, was in seinem Protagonisten Daniel Kuper (Ostfriese aus »Jericho«) und um ihn herum vorgeht und zu beobachten ist. Zum Beispiel aus der Dachluke, wo er den »Überblick über das ganze Dorf hat«, auf: »die Bahngleise, das Stellwerk, die Molkerei und Schlachterei (…), die Post, Schuh Schröder, die Schmiede und Eisenwarenhandlung von Didi Schulz (…) die Praxen von Doktor Ahlers und Doktor Hilliger, Friseur Dettmers, Bäckerei Wessels, Fisch Krause, Kanzlei Onken, die Blumentenne, Textil Vehndel (…) Farben Benzen, Solar Hanken, Polsterei Tinnemeyer, Elektro Plenter« . . . die Nach-Lese würde ohne die Auslassungen (…) aus allen Nähten platzen.
*

An dieser Stelle kann keine Empfehlung für oder Warnung vor Brandts Werk ausgesprochen werden, denn es sind erst 700 der über 900 Seiten gelesen (auf einer steht 336 Mal hintereinander das Wort »Mais«, aber das nur am Rande). Doch der Eindruck verfestigt sich, dass diesem in jedem Fall außergewöhnlichen Buch, an dem Brandt fast zehn Jahre geschrieben hat, ein paar weitere Wochen gut getan hätten, zwecks mutiger Kürzungen – und dass Brandt, bei aller Fiktion, in Daniel Kuper mehr von sich verrät, als er in einer wahrheitsverpflichteten Autobiographie verraten würde

Stand und steht seit Freitag Nachmittag online. Erster Reaktion am selben Tag in einer Mail von 18.12 Uhr:

Sehr geehrter Herr Steines,

in meinem Roman ist auf Seite 132 keineswegs 336 Mal hintereinander das Wort Mais zu lesen (und damit meine ich nicht die Eingangs- und Schlussworte). Und der Einwand, der Roman sei zu lang, ist bei 900 Seiten immer sehr naheliegend. Es geht ja gerade um die Totalität, darum der Komplexität des Dorfkosmos gerecht zu werden. In Bezug auf die autobiographischen Details täuschen Sie sich aber, fast alles in diesem Roman ist – bis auf das Milieu – Fiktion.

Viel Spaß bei den restlichen 228 Seiten.

Und viele Grüße,

Jan Brandt

 

Antwort um 18.58 Uhr:

 

Sehr geehrter Herr Brandt,

Kompliment für die souveräne Reaktion. Ich bin schon ein Stück weiter und sehr gebannt und gespannt (musste tagsüber lästigerweise in die Redaktion).
Ich dachte weniger an die echten autobiographischen Details, sondern an das, was zwangsläufig bei solch einem Projekt in die Figuren einfließt und ungewollt erkennbar machen kann. Aber wenn Sie schreiben, dass ich mich täusche, glaube ich Ihnen.

Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem großen Erfolg und wünsche weiterhin alles Gute, literarisch und allgemein.

 

Und das alles, bevor die Kolumne im Feuilleton vom Samstag stand. Seitdem weiter gelesen. Fehlt nur noch das letzte kleine Kapitel, etwa 30 Seiten.  Empfehlen oder warnen? In jedem Fall: Empfehlung! Über einige Experimente (zum Beispiel die typographischen, bei gewissen psychischen Zuständen des Daniel verblasst die Schrift und ist kaum noch zu lesen) könnte man unterschiedlicher Meinung sein, aber es ist ein monumentaler Roman, und ich habe seit Frank Schulz’ Ouzo-Orakel keinen solchen Trumm mehr (aber selbst Ouzo-Orakel ist noch deutlich schmaler) von vorne bis hinten mit fast durchweg faszinierter Anteilnahme gelesen.

Was auch (von mir) für Brandt spricht: Vor einiger Zeit beschlossen, dass mir jüngere Autoren nichts sagen können und dass die begrenzte Lese-Restzeit “erwachsenen” Autoren gehört. Brandt ist Jahrgang 74 …

Ach ja: In irgendeiner Rezension einen Vergleich Brandts mit Schulz gelesen. Nicht ganz abwegig, aber stark hinkend.

In der Mittagspause kommt der Rest von “Gegen die Welt” dran. Was sich da anbahnt, könnte ich geahnt haben. Mal sehen. Mal lesen.

Kleine internette Verwunderung: Wie stieß Jan Brandt in so kurzer Zeit auf die Vorab-Onlineausgabe der Kolumne? Hätte er sich selbst gegoogelt, wäre er nie drauf gestoßen. Und den Kolumnisten, den er namentlich anschrieb, konnte er, wenn überhaupt, nur als “gw” erkennen. Seltsam. Aber ich wundere mich ja auch immer wieder, wie leicht und schnell einige Experten unter den “Wer bin ich?”-Teilnehmern die richtige Lösung parat haben, obwohl ich den Rate-Text mit Eifer entgoogelisiert habe.

So, genug warmgeschrieben. Nun an die “Montagsthemen”. Was schreib ich bloß? Same procedure as last Sonntagfrüh.

Baumhausbeichte - Novelle