Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 6. November, 18.45 Uhr.

Es freut mich, dass es Ihnen schrittweise besser geht und Sie auch wieder auf Ihr Fahrrad gestiegen sind. Meine Freude ist, das gestehe ich gerne, nicht ganz uneigennützig, denn die Momente, in denen Sie mit dem Leser Eindrücke aus Ihren Runden mit dem Fahrrad teilen, gehören für mich zu den schönsten in Ihrem Blog.
 Und eben dort, in Ihrem Blog, erfahre ich gerade eben, dass für Joe Frazier der Gong für die letzte, die allerletzte Runde erklungen ist. Ich komme in die Jahre. In die Jahre, in der die Helden der Jugend alt werden und sterben. Aber wenn auch bei ihnen von der Schönheit der Kombination von Kraft und Eleganz nichts geblieben ist, so bleibt doch die Erinnerung an die einstigen Großtaten. Es ist ein Trost, etwas zu hinterlassen und sei es nur eine Erinnerung. Joe Frazier nun habe ich 1975 in jenem dritten, legendären Aufeinandertreffen mit Muhammad Ali erlebt, nachts vor dem Fernseher. Und obwohl vor dem Kampf all meine Sympathie Ali gehörte, gewann auch der unerschrockene Kämpfer Frazier einen Teil davon für sich. Gegen Ende des Kampfes hatte ich um beide Angst und hoffte nur noch, sie mögen diesen Kampf überleben. Es war ein “Erlebnis der besonderen Art”, schrieb ich im Mai 2009 in meinem Blogeintrag “Legends die hard”, “Bilder, die ich bis heute nicht vergessen habe. (..) Fraziers Trainer Eddie Futch warf vor Beginn der 15. Runde das Handtuch und Ali brach auf dem Weg in die Ringmitte zusammen … Ali schrieb später in seinem Buch “Der Größte”, er sei “an der Schwelle des Todes” gewesen.”
 An der Schwelle des Todes ist nun Frazier angelangt. Und die Worte des großen Sportjournalisten und Freund Alis Howard Cosell, der fünf Jahre nach dem letzten Aufeinandertreffen mit Frazier Alis Kampf gegen seinen ehemaligen Sparringspartner Larry Holmes kommentierte, erlangen nun eine andere, noch tragischere Bedeutung. Ali war an jenem Abend, wie eine Dopinganalyse ergab, mit Opiaten und dem Mittel “Phenothiazin” ruhiggestellt. (Hamburger Abendblatt, 15.10.1980) In der 10. Runde war er nicht mehr in der Lage, Holmes zu treffen, und offensichtlich verteidigungsunfähig. Sein Zustand war so bemitleidenswert, dass Holmes fast nur noch linke Jabs schlug, aber seine rechte Schlaghand kaum mehr einsetzte. Als Zuschauer im Caesar’s Palace in der 9. Runde auf ein Wunder wie eine Auferstehung hoffend lautstark Ali anfeuerten, kommentierte Howard Cosell einfach und treffend: “Legends die hard.”
 Legends die hard. Oder überhaupt nicht. Der Boxer Frazier wird Legende bleiben, doch ich hatte dem Menschen einen leichteren Abgang gewünscht und mich, der in den letzten Jahren zwei liebe Menschen an den Krebs verloren hat, tröstet es nicht, dass sich Frazier aus Schmerzen nie viel gemacht hat. Wenn sich kein mitleidiges Herz findet, kann ich Joe Frazier für seinen letzten Kampf, den wir alle verlieren werden, nur noch eines wünschen: Dass sein großes Kämpferherz ein einziges Mal seinen Dienst versagt – und aufhört zu schlagen. Denn wie Howard Cosell damals sagte: “He’s ready to go. This must be stopped. It’s a sad way to end.”
 Betrübte Grüße
 Rüdiger Schulz
Sehr betrübt muss auch den gw-Bloglesern mitgeteilt werden, dass Rüdiger Schulz alias Eintracht-Blogger Kid Klappergass aus persönlichen Gründen seinen großartigen Blog ab sofort beendet, der echten Eintracht-Fans ans Herz gewachsen war und weit mehr als “nur” ein Eintracht-Frankfurt-Blog war. Zwar bleibt die Hoffnung, dass der “Kid” irgendwann zurückkommt, aber vorerst ist Schluss. Sehr, sehr schade.

Baumhausbeichte - Novelle