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Sport-Stammtisch (vom 5. November)

Ein Bild sagt mehr als tausend . . . Fans. Wer gesehen hat, wie HSV-Haudrauf Rajkovic seinem Gegenspieler Tiffert am Sonntag den Ellbogen ins Gesicht rammte, kann den wütenden Kritikern der Roten Karte allenfalls mildernde Umstände wegen Tragens speziell eindimensionaler Brillen zubilligen, die nur das auf die Netzhaut durchlassen, was der Fan gerne sehen möchte. Wie auch beim wegen eindeutigen Handspiels nicht anerkannten Guerrero-Treffer. Auch der Sky-Reporter trug diese Brille, was den Begriff »Spartensender« neu interpretieren lässt: Sparte … der Sender Reisekosten?
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Auch Hoffenheims Torwart Starke hatte diese Brille auf beziehungsweise das vereinsfarbene Hörgerät im Ohr, als er Raul öffentlich einen Lügner und Betrüger schimpfte, weil der Spanier auf Befragen des Schiedsrichters das Handspiel geleugnet habe. Doch der Schiedsrichter fragte Raul nur, ob er absichtlich die Hand genommen habe, fast eine rhetorische Frage, denn das war eindeutig nicht der Fall, was Raul daher auch bestätigte.
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Nicht bestätigen kann unser Leser Harald Sandleben (stellv. Gießener Kreisschiedsrichterobmann) ein SZ-Zitat (»Ohne weitere Worte« vom 1. Nov.) zum Schiedsrichter-Leistungstest, das sich »lustig macht über die Anforderung, 800 m in acht Minuten zu laufen. Ich weiß nicht, wo die Süddeutsche diese Daten herhat. Solange ich mich erinnern kann (Ich selbst habe 1998 den Lehrgang gemacht), muss man 1300 m in sechs Minuten laufen, um den Test zu bestehen. Das ist bundesweit einheitlich und auch auf der Internetseite des DFB nachzulesen. Dies ist zwar auch kein Wert, um die Olympiaqualifikation zu bestehen, aber für einen untrainierten Menschen schon eine Hürde, die erst nach einer entsprechenden Vorbereitung erreicht werden kann.« Stimmt. Wer wüsste das besser als ich?
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Ansonsten fällt auf, dass im Fußball kaum noch Syndesmosen mehr reißen, aber vermehrt Nasenbeine brechen. Relativ neu ins Spiel kommt nun der Schlüsselbeinbruch. In dieser Kolumne habe ich schon mehrfach zur Erheiterung beigetragen, indem ich trottelige Stürze vom Rad (oder als Esel vom Esel) zum Besten gab, endend mit Rippenbrüchen, zuletzt aber, vor eineinhalb Jahren, mit Bruch der Clavicula. Da es langsam sogar mir peinlich wurde, erfuhren nur die Blogleser von der Fortsetzung. Nach Schweinsteigers glattem Bruch des Schlüsselbeins (Clavicula) kann ich nun aber auftrumpfen, in den Journalismus die Methode des »method acting« übernommen und perfektioniert zu haben (Wikipedia: »US-Variante des Naturalismus im Schauspiel. Der Schauspieler arbeitet dabei mit Erinnerungen an eigene Erlebnisse«). Um Schweinsteigers Verletzung naturalistisch beschreiben zu können, habe ich sehr methodisch agiert und vor sechs Wochen nach dem ersten auch noch den zweiten glatten Bruch der Clavicula (nach Rad-Sturz, was sonst?) auf mich genommen, um als einzig anerkannter Clavicula-Fachjournalist diese Verletzung übernetzerkompetent analysieren zu können.
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Zunächst einmal überwog beim Anblick des schmerzverzerrten Gesichts des Bayern-Spielers das Mitleid. Na gut, zugegeben: eher spätes Selbstmitleid. Dass es so fürchterlich wehtut, habe ich wohl im Schock verdrängt. Auch stand ich sofort wieder, ließ mich auch nicht operieren, nahm keine Schmerzmittel und fuhr schon nach drei Wochen wieder Rad. Aber ich bin ja auch kein Fußballer.
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War nur Spaß! Obwohl’s stimmt. Und im Ernst: Warum ich mich nicht operieren ließ? Bei solch glatten Clavicula-Brüchen bleibt eine OP Ansichtssache, auch Ärzte sind meinungsmäßig gespalten. Die OP dauert unter Vollnarkose 90 Minuten, mit Gefahr hohen Blutverlusts in diesem komplizierten Bereich, dazu kommt das übliche Infektionsrisiko. Mein OP-Termin stand schon fest, aber das obligatorische Vorgespräch mit dem Chirurgen nährte Zweifel, und schließlich fragte ich den jungen Arzt: Würden Sie sich an meiner Stelle operieren lassen? Er sei jung, das sei etwas anderes, wand er sich ein wenig. Aber was wäre, wenn sein Vater an meiner Stelle . . . spontan platzte die Antwort aus ihm heraus: Sein Vater sei Unfallchirurg und würde sich aus Prinzip nicht operieren lassen. Da war der Würfel gefallen.
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Mit Rad-Stürzen werde ich die Leser in Zukunft wieder verschonen. Zumal mich ein Freund – Leser dieser Kolumne kennen ihn sehr gut! – kürzlich übertrumpft hat: Er brach sich die Rippen, weil er ein Telefongespräch entgegennahm. Während des Radfahrens. Seine Fans mussten auf einige Auftritte verzichten. Wie nun die Fans von Schweini. Und wer machte keine Pause?  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle