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Nachlese: Was war? Was war wahr? (vom 5. November 2011)

Jeder kennt das: Da geht man erstmals seit vielen Jahren zu einem Klassentreffen, und die alten Geschichten, die dort erzählt werden, hat man selbst ganz anders in Erinnerung: Schöner oder unangenehmer, prägender oder belangloser, mit anderen Details und anderen Konsequenzen. Jedenfalls: ganz anders. Jene Klassenkameraden jedoch, die sich in den Jahren zuvor regelmäßig getroffen hatten, stimmen in ihren Erinnerungen überein – sie haben sich diese Geschichten oft genug erzählt und das Erzählte angeglichen, per Erinnerungs-Update.
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Aber an was erinnern wir uns überhaupt? An das, was war? Was wahr war? Oder an das, was uns die Erinnerung als wahr vorgaukelt? Durch ihren Filter schönt sie manchem die Vergangenheit und blendet Unangenehmes aus, was sie bei anderen, selbstquälerischer Veranlagten, um so stärker betont.
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In diesem Sinne finden wir das, was wahr war, weniger in Autobiographien, sondern eher in Romanen, obwohl deren Autoren meist strikt ablehnen, ihre Figuren und Beschreibungen deckungsgleich auf sich und ihr Leben beziehen zu lassen. In diesem Bücher-Herbst häufen sich nun die Erinnerungs-Romane, deren Autoren die jüngere deutsche Vergangenheit heraufbeschwören und detailliert beschreiben. Wie Jan Brandt, der mit Gegen die Welt als Favorit auf den Deutschen Buchpreis galt, aber gegen In Zeiten des abnehmenden Lichtes von Eugen Ruge unterlag. Brandt (Ostfriese aus Leer) beschreibt pedantisch, ja manisch pedantisch, was in seinem Protagonisten Daniel Kuper (Ostfriese aus »Jericho«) und um ihn herum vorgeht und zu beobachten ist. Zum Beispiel aus der Dachluke, wo er den »Überblick über das ganze Dorf hat«, auf: »die Bahngleise, das Stellwerk, die Molkerei und Schlachterei (…), die Post, Schuh Schröder, die Schmiede und Eisenwarenhandlung von Didi Schulz (…) die Praxen von Doktor Ahlers und Doktor Hilliger, Friseur Dettmers, Bäckerei Wessels, Fisch Krause, Kanzlei Onken, die Blumentenne, Textil Vehndel (…) Farben Benzen, Solar Hanken, Polsterei Tinnemeyer, Elektro Plenter« . . . die Nach-Lese würde ohne die Auslassungen (…) aus allen Nähten platzen.
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An dieser Stelle kann keine Empfehlung für oder Warnung vor Brandts Werk ausgesprochen werden, denn es sind erst 700 der über 900 Seiten gelesen (auf einer steht 336 Mal hintereinander das Wort »Mais«, aber das nur am Rande). Doch der Eindruck verfestigt sich, dass diesem in jedem Fall außergewöhnlichen Buch, an dem Brandt fast zehn Jahre geschrieben hat, ein paar weitere Wochen gut getan hätten, zwecks mutiger Kürzungen – und dass Brandt, bei aller Fiktion, in Daniel Kuper mehr von sich verrät, als er in einer wahrheitsverpflichteten Autobiographie verraten würde.
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Was auch für Ruge gilt, dessen Roman halb so dick und mehr als doppelt so schnell gelesen ist. Doch über In Zeiten des abnehmenden Lichtes ist schon so viel Positives geschrieben worden, dass ich kurz das Negative streife: »Hier handelt es sich um nichts weiter als um einen schalen Aufguss Uwe Tellkamps (…) Kein weiteres Wort über die Flachbrüstigkeit eines Eugen Ruge« (Tilman Krause in Die literarische Welt). Mein Eindruck ist eher zwiespältig: Der eines spannend und leicht zu lesenden, kaum verhüllt auf eigener Familiengeschichte beruhenden Romans einer linientreu kommunistischen und später bröckelnden DDR-Dynastie. Was die Lesefreude mindert: Keine von Ruges Figuren wächst dem Leser ans Herz, und »die spießig-piefig nivellierte Gesellschaft mit ihrer alles überwölbenden, grauenvollen Tristesse« (Krause ganz allgemein über die DDR) drückt ebenfalls aufs Gemüt.
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Auch Eine Dorfgeschichte gehört in die Reihe der boomenden Erinnerungsbücher. »Es ist freilich keine neue Erkenntnis der Katharina Hacker, dass Erinnerung nur ein Amalgam aus Realität und Fiktion ist. Die Erinnerung ist nicht gerecht, sondern gehorcht einer eigenen Wahrheit« (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Denn: »Persönliche Erinnerungskultur dient als Korrektiv der offiziellen Geschichtsschreibung (Süddeutsche Zeitung über diese »stark autobiographisch geprägten« Bücher).
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Welche und wie viel Wahrheit hätten Sie denn gerne? »Norbert Pötzl hat schon die zweite Biografie über den Krupp-Chef Berthold Beitz geschrieben. Die erste durfte nicht erscheinen« (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«). Beitz hatte Pötzl beauftragt, eine autorisierte Biografie zu schreiben, die er aber später doch nicht autorisierte. Pötzl schrieb jetzt eine vollkommen neue, eine andere, und da fragt sich: Welche ist die wahre? Welche die glaubwürdigere? Pötzl hatte wohl eine Biografie verfasst, die nicht mit dem Erinnerungs-Filter von Beitz zu vereinbaren war.
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»Manipulierte Erinnerungen. Im Gedächtnis des Menschen lassen sich Ereignisse verankern, die nie stattgefunden haben«, schreibt die Welt auf ihrer Wissen-Seite. Fazit: »Gedächtnisinhalte lassen sich nachträglich verändern. Das wollen Wissenschaftler nutzen, um traumatische Erinnerungen bei Patienten zu löschen.« Und: »Auch das gezielte Einpflanzen kompletter Lebensereignisse, die nie geschehen sind, ist möglich.«
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Oft aber nimmt das Gehirn die Manipulation in die eigene Hand bzw. Hirnwindung. Dann helfen nicht mal fotografische Gegenbeweise. Erinnern Sie sich an die Ehec-Epidemie? An die verzweifelte Suche nach dem Erreger? Da »schon das Gedächtnis gesunder Menschen naturgemäß sehr unzuverlässig ist, wenn es darum geht, die Vergangenheit zu rekonstruieren« (Süddeutsche Zeitung; folgende Zitate ebenfalls aus der SZ), waren die Erkrankten bei der Suche keine große Hilfe. Den Durchbruch gab es, als Experten des Robert-Koch-Institutes zweifelsfrei herausfanden, »was 19 erkrankte Teilnehmer von fünf verschiedenen Reisegruppen in Restaurants gegessen hatten. Auf den Schnappschüssen der Urlauber immer wieder zu sehen waren: Sprossen.« Dass Fotos »weitaus unbestechlichere Zeugen der Vergangenheit als das menschliche Erinnerungsvermögen« sind, bestätigte sich auch, als einige der Erkrankten sogar abstritten, Sprossen gegessen zu haben, obwohl die Sprossen auf ihrem Teller klar zu erkennen waren.
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Allerdings sind nicht alle Fotos »unbestechliche Zeugen der Vergangenheit«. Manchmal weiß es die Erinnerung dann doch besser – wie früher bei Gruppenfotos kommunistischer Sowjetpolitiker, wenn einer von ihnen erst liquidiert und dann retuschiert wurde. Fotos können sogar sehr bestechliche Zeugen der Gegenwart sein. Aber über Partnerschaftsanzeigen ein ander Mal. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle