Archiv für November 2011

Dienstag, 29. November, 18.00 Uhr.

Lange an Auflösungskolumne (für Donnerstag) und 18. Runde (für Freitag) gebastelt, mit einem (für mich) kompliziert zu bauenden Lösungs-Beispiel (Namen in waagerechten Reihen miteinander verschoben, so dass in einer senkrechten Reihe der gesuchte Name zu erkennen ist). Zu stolz, stur und verbissen, fachlichen Rat zu beanspruchen, daher dauerte es so ewig lange.

Fachlichen Rat hätte ich aber in Sachen „Respekt“ einholen sollen, statt nur im Internet bei Wikipedia & Co. nachzugucken. Das holt ein geschätzter ehemaliger Kollege aus unserem Verlag nach. Danach folgen einige Mails von WBI-Teilnehmern mit ihren Lösungswegen zum „Neckar-Mann“.

Zu Ihren Anstoß vom Montag interessiert mich, woher Sie die Begriffe „Schmutztitel“ und „Respektblatt“ kennen; hier insbesondere Ihre Erklärung dazu. Der Begriff  „Respekt“ als Bezeichnung des Seitenrandes ist mir neu, „Schmutztitel“ kenne ich mit anderer Erklärung und für Ihr „Respektblatt“ kenne ich den Begriff  „Schimmelbogen“ (s. Anhang). Zum „Schmutztitel“: Dieser Begriff stammt aus der Frühzeit der Buchherstellung als Druckerzeugnis und bezeichnet die erste Seite des Buchblocks (dies ist das gesamte Buch ohne Einband). Diese erste Seite war keineswegs unbedruckt, sondern am Kopf (also oben) ist eine Zeile gedruckt, welche den Autor und den Titel beinhaltet. Dies hatte folgende Bewandnis: Die Bücher wurden damals ungebunden verkauft. Wenn ein Drucker auf die Messe fuhr, wurden seine Bücher in Fässern verpackt transportiert. Da waren leichte Beschädigungen und Verschmutzung nicht auszuschließen. Um später beim Verkauf aus der Vielzahl der Bücher das richtige zu finden, war der Titel klein, aber gut lesbar, aufgedruckt. Da diese erste Seite durchaus leicht  verschmutzt sein konnte, nannte man sie „Schmutztitel“. Übrigens: Bei „ordentlich“ produzierten Büchern pflegt man diese Tradition (erste Seite des Titelbogens mit Autor und Titel in Grundschrift) immer noch. Was Ihre Erklärung des Begriffs betrifft, vermute ich, dass Sie ihn mit „Vorsatz“ verwechseln. Das ist festes Papier, das im Format des Buchblocks zwischen ebendem und der Buchdecke geklebt wird (vorne und hinten) und damit die Verbindung zwischen Inhalt und Umschlag bildet (meist unbedruckt, ist Teil des Einbandes)  (Wolfgang Pappe)

 
Jetzt erst mal ein Dankeschön für dieses Rätsel, auf dessen Lösung mich – so hoff ich doch – mein Lieblings-Songwriter gebracht hat. Billy Joel, der Piano Man, dessen „River of Dreams“ und „Honesty“ („such a lonely word“)  ich aus Ihrer Rätselstellung doch noch herauslesen konnte. Zugegebenermaßen melde ich mich jetzt erst vor Toresschluss, weil es mir beim ersten Lesen doch etwas zu verschachtelt war  (was will er denn diesmal von uns…?). Ach, Billy Joel, was waren das für wunderbare Konzerte in der Festhalle, auch das, in dem er im Oktober 1990 völlig verkatert auf die Bühne kam, und anlässlich des Todes von Leonard Bernstein ein „West Side Story“-Medley improvisierte,  was stecken da für Geschichten hinter seinen Liedern, beispielsweise „Vienna“ mit einem starken Bezug zu seiner Familie…. Jetzt schweife ich aber mal ab, aber, Entschuldigung, beim erneuten Lesen des Rätsels und dem Blitz der Erkenntnis kamen diese Erinnerungen alle wieder hoch… Bevor ich die Lösung vergesse, es handelt sich wohl um Josef Neckermann, der aufgrund der Enteignung Karl Joels sich mit dessen Geschäft die Basis für seinen Neckermann-Versand unter die Hufe riss (Nachzulesen in „Die Neckermanns“ und im Dokumentarfilm „Die Akte Joel“ thematisiert). Aber ganz ehrlich, ohne Billy Joel wäre ich nicht drauf gekommen… (Norbert Fisch)
 
Es ist immer wieder interessant , wie Sie die Zusammenhänge darstellen. Bei dieser Runde ging es über „Mississipiman“ Mark Twain und  „Piano-Man“ Billy Joel , dessen Opa Kaufmann Karl Amson Joel  zu Neckar-Mann  Josef Neckermann. Der entscheidende Hinweis war für mich die Sache mit Ihrem Lieblingslied Honesty.
Der Weg zu Billy Joel war gegeben und damit quasi „de käs gegesse“.  (Paul-Gerhard Schmidt aus Mücke)
 
 
Jedesmal wenn ich Billy Joel im Radio höre oder einen Livemitschnitt im Fernsehen ( 3 Sat) sehe, ärgere ich mich über meinen, eigentlich nicht so ausgeprägten, Geiz. Bei seinem hoffentlich nicht letztem Auftritt in der Festhalle erschien mir der Preise für eine Karte einfach nur als Wucher. Nachdem ich aber mit Augen und Ohrenzeugen dieses und eines anderen Konzerts in Los Angeles gesprochen hatte,b iss ich mir im nachhinein in den Ar…..!  Da gibt man manchmal Geld für einen Mist aus und da packt einen der Geiz. In der Hoffnumg, dass Billy sich noch lange gut hält und er gehegt und gepflegt wird, spare ich jetzt schon mal für die Karte.  …..ach ja und sein Opa hatte wohl mit Josef Neckermann zu tun. (Andreas Kautz)

Das war (für mich) eine harte Nuss. Fast hätte ich aufgegeben. Ich gratuliere zur gekonnten Verrätselung des Gesuchten   (Josef Neckermann) . Mark Twain war kein Problem, aber führte überhaupt nicht weiter, schon gar nicht die „Flößerzunft“. Der Musiker musste noch leben, Amerikaner sein, ein bewegtes Privatleben haben. Da gibt es einige. Aber wie erfährt man etwas über die Familie und dann noch den Opa? David Hasselhoff kann es auch nicht sein. (Ob Herr Steines dessen Songs mag? Lange habe ich im Sportbereich gesucht, um einen historischen Zusammenhang zu Deutschland zu finden. (Olympia 1912  – 1936, Sportfunktionäre? – „deutscher Sport“ – vielleicht ein Turner? Es blieb der Musiker (Pop? Jazz? Country?) , die Begriffe Alkohol, Scheidungen, Drogen – ein weites Feld. Kurz vor dem Aufgeben stieß ich heute auf die Zeile „Ohne die Nazis hätte es Billy Joel nie gegeben“, dann ging es ganz schnell. Ich habe auch einiges über Neckermann erfahren,was ich so nicht wusste, sogar die Neckarflößer ergeben jetzt einen Sinn. Leicht war’s nicht,  bis zum nächsten Mal. (Manfred Stein)

Lieber gw, hübsche Idee, den “ Mississippiman“ Mark Twain und die Flößer vom Neckar, die „Neckarmänner“, in Beziehung zu setzen. Ein später Nachfahre der letztgenannten war ein gewisser Josef Neckermann, und dieser ist die gesuchte Person der aktuellen Rätselrunde. Ich konnte mich an ein Interview mit dem Sänger Billy Joel („Honesty“; „Piano man“) erinnern, welches vor einiger Zeit durch die Presse ging. Darin war die Rede von einem Großvater des Künstlers, dem in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland großes Unrecht zugefügt worden war. Der Großvater, ein deutscher Jude, mußte damals seine florierende Textilhandelsfirma zwangsweise und zum Spottpreis an einen deutschen Arier verkaufen- eine Folge des Programms zur „Arisierung“ der deutschen Wirtschaft. Josef Neckermann griff zu und übernahm den Betrieb, und nicht nur diesen, sondern noch einige andere, deren jüdische Besitzer ebenfalls zum Verkauf weit unter Wert gezwungen worden waren. Trotz dieser unrühmlichen Vergangenheit gelang es Neckermann nach dem Krieg, geschäftlich wieder Fuß zu fassen und ein beachtliches und lange erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Anfang der 1950er Jahre mußte er eine relativ geringe Summe an Billy Joels Großvater zahlen, von einer echten Entschädigungsleistung oder gar einer Rückgabe der Firma und ihrer interessanten Immobilien blieb er verschont. Übrigens hat sich Billy Joel vor einigen Jahren mit den Enkeln von Josef Neckermann getroffen. Man hat wohl über die damaligen Verwicklungen gesprochen, aber Billy Joel hat die Sache nicht weiter verfolgt, schon gar nicht auf juristischem Wege. Einen jahrelangen Prozeß mit letztlich unsicherem Ausgang muß sich ein Mann, der zig Millionen Platten, nein, Tonträger, wie das heute heißt, abgesetzt hat und noch weiter absetzt, nun wirklich nicht antun. Wie es mit Neckermann weiterging ist bekannt: unglückliche Geschäftspolitk, Überschuldung und der Verkauf des Unternehmens an die Karstadt AG. In Erinnerung geblieben ist Josef Neckermann aber in erster Linie als höchst erfolgreicher Dressurreiter und Medaillensammler, später dann als umtriebiger und fleißiger Spendensammler für die Deutsche Sporthilfe. Alles in allem eine zwiespältige Persönlichkeit , ein Lebenslauf mit Licht und viel Schatten, und gerade deswegen so interessant und der Beschäftigug wert. Es hat viel Spaß gemacht, und außerdem habe ich wieder einiges dazugelernt. (Dr. Paul Limberg aus Linden)

Vorab: ein wunderbares Spitzenrätsel!!! Ooonästiieeee... is such a lonely word, everyone is so untrue...

Wie oft habe ich das  mitgeschmettert!! Und das war mein Schlüssel zur Lösung!! 

Von Piano-man Billy Joel zu JOSEF NECKERMANN (der isses nämlich) war's dann nicht mehr schwer, dessen dramatische Familiengeschichte per Wikipedia zu recherchieren.

Nochmal: Super!! (Dr. Joachim Bille)

 

 

Über Redlichkeit, Anständigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit gelangt man zu
„Honesty“ von „Pianoman“ Billy Joel. Auch einer meiner Lieblingsmusiker.
Der Großvater von Billy Joel war der Deutsche Karl Amson Joel. Dieser
gründete eines der ersten deutschen Versandhäuser. Als Jude mußte er 1938
diesen Versandhandel an Josef Neckermann quasi verschenken. Womit wir bei
unserer gesuchten Person wären: Der zweifache Olympiasieger im
Dressurreiten Josef Neckermann.  Die Vorfahren von Herrn Neckermann waren Flößer und als „Männer vom  Neckar“ in die Zunftordnung eingetragen.
Bei dem Floß-Fan dürfte es sich um Mark Twain handeln. (Andreas Hofmann)

 

Aufgrund ihrer (zu) vielen Tipps eine leicht lösbare Aufgabe. Bei der gesuchten Person handelt es sich um eine durchaus janusköpfige Persönlichkeit. Auf der einen Seite ist Neckermann als „honourable man“  bekannt, der im Sport als zweifacher Goldmedaillengewinner im Dressurreiten und als langjähriger Vorsitzender und fleißiger Spendensammler der Stiftung Deutsche Sporthilfe gefeiert wurde. Auf der anderen Seite steht der Unternehmer Neckermann, der als NSDAP Mitglied und SA Angehöriger im Dritten Reich zum Profiteur wurde. Er beteiligte sich an der Zwangsarisierung jüdischer Unternehmen und machte große Gewinne bei der Versorgung der Wehrmacht mit Uniformen und der Zwangsarbeiter mit Bekleidung. Eine von Neckermann arisierte Firma war z.B. das Textilherstellungs- und Versandhausunternehmen von Karl Joel, dem Großvater von „piano man“ Billy Joel ( Lieblingssong von gw : „Honesty“). P.S.  – Die Beschreibung einer Floßfahrt wurde von Mark Twain verfasst, der sich 1878 auf Deutschland-, bzw. Europareise befand.  – Der Name Neckermann lässt sich zurückführen auf dessen Vorfahren, die als „Männer vom Neckar“ Flößer waren. (Karola Schleiter)

 

 

Richtig schwer war das nicht: Der Ami ist Billy Joel, der „Piano Man“. Ihr Lieblingslied von ihm ist „Honesty“ – meins übrigens „My Life“. Der Gesuchte ist Josef Neckermann, eine der Galionsfiguren des deutschen Sports, der einen Teil seines Vermögens der Arisierung des Vermögens der Großeltern von Billy Joel verdankt. Dank des „WELT“-Interviews weiß ich jetzt, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie Billy. Und was rate ich jetzt für den Rest des Monats ;-)? (Dr. Sylvia Börgens)

 

Neckermann macht’s möglich. Damit ist die Sporthilfelegende Josef Neckermann, der Gesuchte der 18. Runde – Wer bin ich ?, der als Firmenübernehmer von Karl Amson Joel dann auch mit dem deutschen Sport sehr viel zu tun hatte. Hier nun mein Lösungsvorgehen : Sehr schnell habe ich aus der Welt „Google“ Kugel „den Flößer“ und Floß-Fan Mark Twain , alias Samuel Langhorne Clemens, herausgefischt, der als Amerikaner „ Mississippiman“ den „Necker…“Neckar auf dem Floß hinab gefahren ist und so erlebt hat : „ Die Bewegung des Floßes ist gerade die richtige; sie ist träge, gleitend, sanft und geräuschlos; sie beruhigt alle fiebrige Betriebsamkeit, schläfert alle nervöse Hast und Ungeduld ein; unter ihrem beruhigenden Einfluß schwindet jeglicher Ärger, Verdruß, Kummer, der den Geist quält, und das Leben wird zum Traum.“ Nun galt es auf ehrliche Art die musikalische Ich-Person, den amerikanischen Landsmann des Flößers, herauszufiltern. Diese setzt ja eben auf auch Ehrlichkeit, die momentan insbesondere sehr einsam dasteht und insoweit als ein einsames Wort gilt. „Amerikanisch“ Englisch übersetzt heißt Ehrlichkeit „Honesty“, was die Ich-Person Billy Joel musikalisch beschreibt. Diese wiederum hat einen ganz ehrlichen Großvater, Karl Amson Joel, der 1938 auf ganz „..ehrliche“ Art von „Neckermann macht’s möglich“ beerbt worden ist. Die Ich-Person  Billy Joel und dessen Bruder Alexander haben das dann auch vor ein paar Jahren dank Beate Thalberg den Enkeln der Sporthilfelegende ehrlich wortlos wissen lassen. (Peter Storm)

 
 
 
Ich schreibe Ihnen zum allerersten Mal, weil ich glaube , die richtige Lösung Ihres Rätsels zu kennen.
Mein Vorschlag:Billy Joel -Piano Man – River of Dreams – Großvater Karl Amson Joel gründete 1938 gut gehendes Textilversandhaus in Nürnberg – da jüdische Familie Umzug 1934 nach Berlin – Versandhaus und Villa wird von Josef Neckermann zum Spottpreis erworben – Familie Joel flieht – nach 5o jahren kommt Enkel Billy zu Besuch nach Nürnberg und trifft Neckermann-Enkel – Wurzeln der Familie Neckermann:1508 – Männer vom Neckar – eingetragen in Zunftordnung als Flößer. Die Lösung ist :Josef Neckermann  –  Dressur-Reiten. (Beate Dachauer)

 

 

Nun hätte jedoch Ihre geradezu hochliterarische  und dazu voller Geschichtswahrheiten steckende Rätselkonstruktion mehr als lakonische Antworten verdient. Ich verkneife mir angesichts des naturwissenschaftlichen Diktums jede Weitschweifigkeit und wundere mich lediglich, dass derartige Rätsel von maßgeblicher Stelle politisch unwidersprochen bleiben. Ich widerspreche nicht, sondern betone ausdrücklich, dass solche Konstruktionen auch inhaltlich meine volle Zustimmung finden. Denn: es handelt sich doch nun immerhin um eine Kultfigur des deutschen Wirtschaftswunders ebenso wie des deutschen Sports. Und die Enkel dieser Figur haben dies ja wohl genau so gesehen: Als Julia Neckermann überzeugt behauptet, ihr Großvater habe „dadurch Widerstand geleistet, dass er Arbeit für die Gefangenen geschaffen hat“, ist das Gespräch sehr bald zu Ende. Und weiter: Der Musiker Billy Joel  berichtete von einem Treffen mit den Neckermann-Enkeln. Dabei hätten diese erklärt, ihr Großvater habe Gutes tun wollen, indem er die deutschen Soldaten in Russland mit Winterkleidung versorgte. „Und ich dachte: Das muss ja ein ungeheurer Trost für die russischen Soldaten gewesen sein, dass Neckermann die Firma meines Großvaters dazu gebrauchte, der Wehrmacht hilfreich unter die Arme zu greifen, die gerade in Russland einmarschiert war.“ So weit so gut zu Josef Neckermann, der »Mississippiman«, der ja recht eigentlich ein Neckarmann war. Genau diese Maskierung des Neckars zum Mississippi bringt auf die Spur, denn dass Sie, lieber gw., das Rätsel, dem man ja sofort den Mark Twain ansieht, so leicht machen und Neckarmann schreiben, habe ich nicht angenommen. Die zugrund liegende Geschichte zu den Flößern auf dem Neckar stammt aus „A Tramp Abroad“.  (Dr. Hans-Ulrich Hauschild)

Veröffentlicht von gw am 29. November 2011 .
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Sonntag, 27. November, 17.10 Uhr.

Nachtrag zum Hinweis im Morgen-Blog zur „Wer-bin-ich?“-Veröffentlichung: Auflösung von Runde 17 und Text für Runde 18 werden derart umfangreich, dass gesplittet werden muss: Auflösung kommt am Donnerstag ins Blatt, Text für Runde 18  am Freitag. Soviel schon jetzt: Den Text zu schreiben hat Spaß gemacht. Fragt sich nur, ob auch die Rater wieder ihre Freude haben werden. Sportkenner bestimmt, Nur-Googler ganz gewiss nicht. Bis dann!

Veröffentlicht von gw am 27. November 2011 .
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Sonntag, 27. November, 6.25 Uhr.

Erste Mail in der Box, um 1.42 Uhr (Absender ist wieder einmal in einer anderen Zeitzone unterwegs):

Hallo gw;  ich hoffe doch, dass ich jetzt nicht irgendwo etwas verpasst habe: War nicht für diese Woche die Auflösung WBI eingeplant? Oder ist nur etwas dazwischen gekommen? Etwa der Schießhund? Grüße aus warmen Gefilden… Ihr Walther Roeber

Nein, nichts verpasst. Aber nicht die Auflösung, sondern der Einsendeschluss war eingeplant, und zwar für den 26. November. Aufgelöst wird am Mittwoch, mit Liste und neuem Rätsel. Neue Art, ungoogelbar, aus zwei Teilen bestehend und mit zwei Punkten bewertet. Die Auflösung kann ich aber im Blog schon vorreichen, umfangreicher, als im Blatt möglich, mit Originaltext und eingeklinkten Auflösungen der Hinweise.

»Die Bewegung ist träge, gleitend, sanft und geräuschlos; sie schläfert alle nervige Hast ein; unter ihrem beruhigenden Einfluss schwinden Ärger, Verdruss, Kummer, und das Leben wird zum Traum.« * Diese Sätze (vom »Wer-bin-ich?«-Redakteur zwecks Entgooglisierung leicht verändert) hat ein Landsmann (Mark Twain) von mir geschrieben, der Deutschland zu Fuß und zu Floß bereist hat (1878 auf dem Neckar) und unter seinem Künstlernamen („Mark Twain“ = „Marke zwei“ bei den Mississippi-Lotsen; 2 Faden = 3,60 m / richtiger Name: Samuel Langhorne Clemens) weltberühmt wurde. Mich wundert nur, dass er sich nicht „Mississippiman“ genannt hat, zu Ehren der Flößer in Deutschland, die auf diese Art in die Zunftordnung eingetragen wurden und so zu ihren Namen kamen. Sie glauben, ich schweife ab? Gewiss nicht. Auch nicht, wenn ich Ihnen verrate, dass einer meiner Songs zu den Lieblingsliedern des »Wer bin ich?«-Redakteurs gehört. Wie heißt der Titel in Ihrer Sprache? Ik spräke ein klaines bisskän Deutsch (Original-Zitat). Redlichkeit? Anständigkeit? Offenheit? Ehrlichkeit? Viele Synonyme für ein einsames Wort (Honesty . . . is such a lonely word). Mich wundert auch, dass der Redakteur dieses und nicht mein berühmtestes Lied (Piano Man) bevorzugt, das wiederum zu einem Synonym für meinen Namen geworden ist. Aber das ist seine Sache. Was meine Sache ist, sollte Sie gar nicht interessieren. Meine Hochzeiten, meine Scheidungen, meine Tiefzeiten, der Alkohol, mein Selbstmordversuch mit einem Reinigungsmittel, als ich eine Affäre mit der Frau eines Band-Kumpels hatte (der mich dennoch rettete) – alles Schnee (haha!) von gestern und für Sie unwichtig. Was vorgestern war, bringt Sie eher zum Ziel: Mein Großvater (Karl Amson Joel aus Nürnberg, Besitzer eines Textil- und Versandunternehmens, das „arisiert“ wurde), wie übel ihm mitgespielt wurde und wer daran schuld war. Mit den Enkeln dieses Mannes habe ich mich vor ein paar Jahren getroffen. Sie sagten, ihr Opa habe nur Gutes tun wollen. Okay. Es war nicht ihre Schuld. Aber »Gutes getan« hat er meinem Opa ganz sicher nicht. Und dieser Mensch wird hier gesucht, nicht ich (Billy Joel) oder mein Opa oder der Floß-Fan. Mein Name führt sie nur zu ihm und die Flößer zu seinem Namen (Neckar-Mann) und der hat, im Gegensatz zu mir und dem Floß-Fan, sehr viel mit Sport, mit deutschem Sport zu tun. Wer ist es? (Josef Neckermann, Versandunternehmer, Dressurreiter, Goldmedaillengewinner, Erfinder der Sporthilfe)

 „Neckermann war bereits 1933 der Reiterstaffel der SA beigetreten und wurde 1937 als Mitglied 4516510 in die NSDAP aufgenommen. Im Jahr darauf entstand durch die (ebenfalls durch „Arisierung“ erzwungene) Übernahme des Unternehmens  von Karl Amson Joel (dem Großvater des US-Sängers und Komponisten Billy Joel) – er hatte sich in Nürnberg und in Berlin ein florierendes Textilherstellungs- und -versandunternehmen aufgebaut – die Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann.“ (Wikipedia)

So, jetzt noch schnell ein Blick auf die letzten Meldungen der Nacht:

2:28 Uhr: Tausende Zombies im Zentrum von Mexiko-Stadt / 4:20: Landgericht Gießen: Keine Mietkürzung wegen Baulärm auf Nachbargrundstück / 4:39: Tukur: Zweiter «Tatort» ist total verrückt / 5:15: Polizei räumt Gleise für den Castor-Transport / 6:15 Uhr: «Le Monde»: Keine Moral in der Politik

Nicht nur in der Politik. Und nun ran an die Montagsthemen.

 

 

 

Veröffentlicht von gw am 27. November 2011 .
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Mittwoch, 23. November, 11.15 Uhr.

So, in diesem Moment habe ich die „Nachdruck“-Kolumne online gestellt. Gestern noch lange daran herumgekürzt (nicht am alten Text, sondern an den neuen Anmerkungen), um den Kollegen heute Abend das Leben nicht zu schwer zu machen, denn neben dem Anstoß müssen die beiden aktuellen Champions-League-Spiele auf die erste Sportseite. Wird schwierig, denn trotz aller Kürzungen ist die Kolumne ein Riesentrumm geworden. Hätte ich nicht gekürzt und wären die Themen noch dazu gekommen, die gut dazu gepasst hätten (Nachrichtenmagazin, Algerien, Friedek, ein berühmter Radfahrer), hätte ich die erste Seite komplett mit der Kolumne zugeschrieben. Wär ja auch mal ein apartes Ding.

Heb ich mir’s halt für Samstag auf. Das heißt, die Nachrichtenmagazin-Geschichte wohl eher nicht. Da geht es darum, dass ein Nachrichtenmagazin, für sein Archiv und seine peniblen Recherchen be- und gerühmt, vor vielen Jahren einmal frech abgeschrieben hat. Von mir. Und dass ich es beweisen konnte. Es ist allerdings so lange her, dass ich den Anlass (Doping?) vergessen habe und auch im elektronischen Archiv nicht fündig wurde. Der Beweisgrund ist ein ähnlich peinlicher (aber zum Glück verjährt) wie die Peinlichkeiten (für FAZ und mich) in der Nachdruck-Folge „Novembergedanken“. Ich hatte in einer gewissen Angelegenheit (wie gesagt: vergessen, worum es ging) schlampig recherchiert und um ein gewisses Faktum herum andere „Fakten“ kreativ herbeifantasiert, und ausgerechnet diese kreative Fantasie wurde von dem Magazin  später als knallhart selbst recherchierte Tatsache verkauft. Da ich für die „Nachdruck“-Serie in allen meinen alten Artikeln (es sind tausende) wühle, werde ich irgendwann darauf  stoßen und dann diese jetzt noch – wegen Vergesslichkeit – kryptisch klingenden Sätze mit dem richtigen Sachverhalt verständlich machen. Vielleicht macht’s aber auch vorher schon „klick“. Gestern habe ich bestimmt eine Stunde lang hoch konzentriert versucht, den „Klick“ herbeizuzwingen, aber das kennt ja jeder, so etwas geht immer total in die Hose.

In die Hose. Schönes Stichwort. Einmal, ich war frustriert wegen eines mich enttäuschenden Kugelstoß-Wettkampfs, fabrizierte ich ohne zweideutige Absicht den zweideutigen „Spruch des Tages“ für die Bild-Zeitung: „Wenn mein Ausstoß nicht schnell genug ist, geht alles in die Hose.“

Dass Charles Friedek versucht, die Sesselfurzer mit ihren eigenen bürokratischen Mitteln zu schlagen, hat weniger mit Sport als mit Sophismus zu tun, hat aber meine volle Sympathie. Das und dass der „berühmte Radfahrer“ (wie heißt er bloß?; hier hab ich keine senile, sondern juristische Amnesie)  ehrlich überzeugt gewesen sein muss, nicht mit Clenbuterol gedopt zu haben, dass er das Kälbermastmittel aber schon lange vorher als trojanisches U-Boot in seine Blutbahn geschickt haben muss, wo es in der Warteschleife rumschipperte, bis es, fast schon vergessen, zur Unzeit wieder auftauchte, das hebe ich mir alles für die Samstags-Kolumne auf. Bis dann.

Halt, nein. Hab ja Algerien vergessen. Kommt auch auf den Samstags-Zettel: Mein heuchlerisches Entschuldigungs-Telegramm 1982 an die algerische Botschaft, mit dem ich mich selbst reinlegte, und dazu das aktuelle Nachhaken. Jetzt aber wirklich: Bis dann!

Veröffentlicht von gw am 23. November 2011 .
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Dienstag, 22. November, 18.30 Uhr.

Morgens (für mich) jetzt zu kalt zum Draußenfahren. Aber das Treten im Keller auf dem alten Heimtrainer ist ätzend langweilig. Beim Draußenfahren vergeht die Zeit wie im Flug, im Keller steht sie. Trotz DVD-Gucken. Mittlerweile komme ich bei »Lost«, deren erste Staffel mir Henni Nachtsheim vor etwa zwei Jahren geschenkt hat, langsam zum Schluss (Mitte sechste Staffel). Bin gespannt, ob sich das alles einigermaßen logisch und human löst. Anderenfalls wäre diese massenhafte Totschlägerei nur  pseudo-mythischer Gewalt-Exzess. Was sagen eigentlich Pädagogen und Psychologen dazu?

Apropos Pädagogen und Psychologen:
Als langjähriger BVB-Fan habe ich mit Interesse die Einschätzungen zu den »Benotungen« von Götze gelesen. Von der Sache halte ich Ihre Einschätzung für korrekt, aufgefallen ist mir, dass die notorisch BVB-freundliche Sportredaktion der Ruhr-Nachrichten einen präzisen Blick hatte, ich will die Noten nicht vorenthalten:
http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/spielerzeugnis/
Als Zyniker könnte man vermuten, dass die RN Götze nicht zu hochloben wollen, damit er  möglichst lange beim BVB bleibt – aber als Optimist hoffe ich, dass Götze weiß, wo er die nächsten drei – fünf Jahre eine spielentscheidende Rolle spielen wird. Eher beim BVB als bei den in schöner Regelmäßigkeit genannten Clubs. (Walter Lochmann)

Walter Lochmann ist  Diplom-Pädagoge und leitet die Bad Vilbeler Kairosagentur, Bad Vilbel). Kairos (griech.) ist der »günstige Augenblick«, der dem Menschen nach Auffassung der Antike schicksalhaft entgegentritt und von ihm zu nutzen ist. Heute als »Die Gunst der Stunde nutzen« und »Die Gelegenheit beim Schopf packen« gebräuchlich. Kairophobie gilt als die Unfähigkeit, sich zu entscheiden.

Der Name von Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim) ist Kolumnen- wie Bloglesern wohlbekannt, als kritisch-konstruktive Begleiterin sowie als in der WBI-Spitzengruppe  Topplatzierte.  In unserer Wetterauer Zeitung ist heute mehr über sie zu erfahren. Für die Leser unserer anderen Zeitungen zwischen Alsfeld und Gießen folgt der WZ-Artikel.

Liebevolle Erinnerung kann das Leben bereichern

Diplom-Psychologin und Trauerbegleiterin Dr. Sylvia Börgens stellt bei »Friedberg lässt lesen« ihr drittes Buch »Wie aus Trauer Neues wächst« vor

(em). Wer einen geliebten Menschen verliert, schaut oft in eine graue Leere. Die Welt scheint ihre Farben verloren zu haben. Das Gefühl, nicht über den Verlust hinwegzukommen, ist erdrückend. Das war der Ausgangspunkt der jüngsten Veranstaltung der Reihe »Friedberg lässt lesen« in der Bindernagelschen Buchhandlung mit der Autorin Dr. Sylvia Börgens. Die Diplom-Psychologin und Trauerbegleiterin kennt solche Krisen aus der Arbeit in ihrer Beratungspraxis, aber auch aus eigener Erfahrung. Sie verlor ein Kind im Säuglingsalter.
Börgens leitete zusammen mit dem katholischen Pastoralreferenten Joachim Michalik und später mit Norbert Albert Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene und setzt diese Arbeit jetzt mit Seminartagen im Kloster Ilbenstadt fort. Ihr drittes Buch »Wie aus Trauer Neues wächst« ist ein ebenso bewegendes wie authentisches Dokument, das die Zuhörer rasch in seinen Bann zog. Sehr anschaulich beschrieb Börgens, was nach dem Tod eines Partners, eines Kindes oder eines besonders nahestehenden Menschen geschieht. Auch wenn eine längere Krankheit vorausging, auch wenn es um die Beerdigung herum viel zu organisieren und damit eine gewisse Ablenkung gab, folge eine Schock- oder Lähmungs-Phase. Man könne nicht glauben, dass das Bett des Kindes jetzt für immer leer bleibt, dass der Partner nicht am Abend in seinem Lieblingssessel sitzt und der Tag in Gemeinsamkeit ausklingt.
Man wolle sich verkriechen, habe keine Kraft mehr für Außenkontakte – die Autorin sprach von einem »Notabschalteprogramm von Körper und Seele«. Nach der Betäubung kehrten die Gefühle zurück, eine schmerzliche Phase beginne. »Warum musste er so früh sterben?«, »Habe ich auch alles getan?«, »Hätte ich für die Pflege meinen Arbeitsplatz aufgeben sollen?« – es seien Fragen wie diese, mit denen sich der Trauernde selbst quäle. Erinnerungen kämen hoch, man mache sich Vorwürfe, weil man mit dem Partner gestritten oder dem Kind etwas verboten habe. Scheinbar Versäumtes provoziere zum Grübeln: »Hätten wir doch die Norwegen-Reise früher gemacht…«
Besonders schlimm sei diese Phase, wenn ein Verschulden Dritter, etwa bei einem Verkehrsunfall, eine Rolle spielt. Wut und Zorn seien dann unvermeidlich. Börgens betonte die Bedeutung dieser konfrontativen Phase als notwendige Verarbeitung, warnte aber davor, so stehen zu bleiben. Sie lud zum »Abschied und Neubeginn« am Ende eines akuten Trauerprozesses ein und berichtete von einem Vater, der sich nach dem Verlust seines Sohnes so unruhig und so getrieben gefühlt habe, dass er sich gesagt habe: »Ich muss was mit den Händen tun.« Er habe das Metallgitter eines Kellerfensters ausgeschnitten und es zu einem Kreuz umgeschmiedet, das er auf das Grab legte – die Phase anstrengender körperlicher Arbeit habe ihm Erleichterung verschafft und sei zugleich ein Zeichen des liebevollen Abschieds gewesen.
Börgens betonte den Wert solcher Rituale in der Trauerbewältigung. So berichtete sie von der schmerzlichen Situation eines jungen Ehepaares, dessen Drillinge zu früh geboren wurden. Nur eines der Kinder war lebensfähig. Die Eltern bestanden darauf, alle drei zu taufen. Mit ihrem Namen bekamen sie eine Identität, wurden zu Persönlichkeiten, auch wenn sie kaum gelebt hatten.
Die Autorin ging auch auf die individuelle Persönlichkeit des Trauernden ein, schilderte eher extrovertierte Menschen, die mit vielen anderen über den Verlust reden und sich ausweinen müssen, aber auch die Zurückgezogenen, die alles mit sich selbst ausmachen. Sie lud dazu ein, sich neuen Aufgaben zu öffnen, neue Beziehungen einzugehen oder bestehende zu aktivieren. Als schönes Beispiel nannte sie die Initiative einer Mutter, die ihre Tochter durch eine Krebserkrankung verlor und jetzt als Ehrenamtliche auf einer Krebsstation für Kinder mitarbeite.
In Übereinstimmung mit anderen Trauerbegleitern wandte sie sich auch engagiert gegen allzu schroffe Theorien, die Jahrzehnte lang propagiert wurden: »Man muss loslassen und ein neues Leben anfangen!« Dagegen machte sie Mut zur liebevollen Erinnerung, die ein Leben bereichern könne, das mit neuen Impulsen, aber auch in Loyalität zum Verstorbenen weitergehe.
Sowohl während der Lesung als auch während des anschließenden Gesprächs herrschte eine dichte Atmosphäre. Die Zuhörer, unter ihnen etliche aktuell von Verlusten betroffen, dankten Börgens mit Beifall, aber auch mit persönlichen Worten.

Veröffentlicht von gw am 22. November 2011 .
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