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Sonntag, 30. Oktober, 5.45 Uhr.

Um diese Zeit wurde früher zurückgeschossen. Vor sechs in die Redaktion zu kommen, bedeutet auch, vom Nachtwächter argwöhnisch beäugt zu werden, wenn man die Sonntags-FAZ aus dem Briefkasten zieht. Um sechs ist Wachtwechsel, die Nachtwächter davor kenne ich nicht (und umgekehrt), danach kommen die Nachtwächterinnen, wir kennen uns. Meist junge Frauen, Studentinnen?, die die Zeit nutzen, am Laptop zu arbeiten oder Bücher zu lesen.

Fünf Uhr fünfundvierzig bedeutet auch, noch die lärmende ARD-Rocknacht hören zu müssen statt die sanft in den Tag geleitenden HR-Impressionen. Die Rocknacht-Musik ist nicht für Frühaufsteher, sondern für Spätheimkehrer. Und wenn’s mal ruhiger wird, nölt und knautscht James Blunt. Warnmeldung: Toter Fuchs liegt bei Memmingen auf der Fahrbahn. Mein neuer Fuchs (ja, es ist nicht der alte räudige liebgewonnene Vorstadt-Fuchs, der schnürt wohl zusammen mit dem Memminger Kollegen in den ewigen Jagdgründen herum) war auch gestern wieder sehr lebendig. Zum dritten Mal hintereinander sah ich ihn auf der Wiese unterhalb des Hohensolmser Waldes nach Mäusen buddeln, er blickt auf, sieht mich auf dem Rad, rennt schnell, aber nicht hastig zurück in den Wald, mit wehender buschiger Lunte (ja, so nennen wir “Horst wird Förster”-Leser den Schwanz bei Fuchs und Marder), dabei recht nah meinen Radweg kreuzend. Im Gegensatz zum Vorstadt-Räudo würdigt er mich aber keines Blickes.

Fünf Uhr fünfundvierzig. Nacht-Meldungen: Schnee-Chaos in New York, Autobahn-Überfall auf einer Raststätte bei Stuttgart. Vermummte VfB-Fans greifen BVB-Bus an, plus Verfolgungsjagd. Beides beiseite gelegt für die Montagsthemen. Ansonsten noch keinen Plan dafür, aber das  kenne ich ja und macht noch keine Leere-Seiten-Panik.

Fünf Uhr fünfundvierzig. So früh war ich seit Jahren nicht hier. Beim letzten Mal, war wohl auch Sommerzeit-Wende, blinkte am Telefon die Nummer des Verlegers. Noch schlaftrunken, aber schon alarmiert, zurückgerufen. War was in der Nacht? Produktionsprobleme? Ist wer tot? Es läutet lange. Dann der Dialog (beider Stimmen verschlafen, belegt, leicht krächzend): “Was’n los?” – “Was’n los?” – “Was los ist?” – “Ja, was’n los?” – “Frag ich Sie.” – “Wieso?” Undsoweiter. Stellte sich heraus, dass der Anruf vom Freitag Abend und mittlerweile unwichtig war und ich am Samstag das Telefon nicht beachtet hatte. Der Verleger zeigte menschliche Größe: Statt sauer zu sein, lachte er. Ich wünschte noch eine gute Nacht.

Baumhausbeichte - Novelle