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Montagsthemen (vom 31. Oktober)

Pinkelpause. Ich sitze im Auto, warte an der Raststätte auf meine Mitfahrer. Als sie zurückkommen und einsteigen, stürmen plötzlich zehn bis zwölf Vermummte auf uns zu, rütteln an den Türen, bedrohen uns, schlagen gegen die Fenster, treten Beulen in die Karosserie. Sie reißen die Klappe zum Kofferraum auf, zerren Tüten und Taschen heraus, in Panik starte ich den Wagen, rase davon, auf die Autobahn, meine Mitfahrer alarmieren per Handy die Polizei, die Vermummten verfolgen uns, jagen uns, bedrängen uns, dann endlich Blaulicht, Polizei, wir atmen auf, die Gefahr ist überstanden. Später erfahren wir: Die vermummten Gewalttäter sind gestellt worden. Aber nur einer von ihnen wird festgenommen und ist, lesen wir später im Polizeibericht, »inzwischen wieder auf freiem Fuß«. Bandenkriminalität, Raubüberfall, versuchte schwere Körperverletzung, aber nicht mal U-Haft, nicht eine Nacht hinter Gittern. Ein Skandal? Nicht, wenn nicht wir, sondern BVB-Fans im Auto sitzen und die Vermummten VfB-Fans sind. Geschehen am Samstag auf der Autobahn bei Heilbronn. Und nun alle, das Kampflied der Ultras: »Lustig ist das Randale-Leben, schlagen wir straflos drauf los / Dürfen nur nicht den Fan-Schal vergessen, dann bleiben die Bullen harmlos.«
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Und die Fußball-Verantwortlichen in Vereinen und Verbänden? Alle reden salbungsvoll gegen Gewalt, einige schmeißen sich klammheimlich ran (»Die Ultras sind unsere Jungs«, ein Eintracht-Vorstandsmitglied), und allen Ernstes wird über die Zulassung von Pyrotechnik im Stadion diskutiert.
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Diskutiert wird auch über aktives und passives Abseits und absichtliches und unabsichtliches Handspiel. Da hier alles Ansichts- und Auslegungssache ist, hilft auch die in dieser Kolumne seit der Erfindung bewegter Bildaufnahmen propagierte Video-Hilfe nicht. So kann man über Ya Konans kürzliches aktives? passives? Abseits genauso lange und fruchtlos diskutieren wie über Rauls absichtliches? unabsichtliches? Handspiel. Eigentlich hilft da nur: Egal ob absichtlich oder unabsichtlich, aktiv oder passiv: Hand ist Hand, Abseits ist Abseits. Ein Patentrezept. Allerdings mit allen Nachteilen von Patentrezepten. Aber vielleicht mit mehr Vorteilen als ohne.
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Nicht ganz ohne . . . nein, nicht krampfhaft nach Übergängen suchen. Lieber die bewährte Monty-Python-Methode: Und nun zu einem ganz anderen Thema. Nicht ganz ohne (upps!) ist die an eine Tatsachenbehauptung grenzende Vermutung, dass ein Rosenkrieg die Steueraffäre der Schiedsrichter  ins Rollen gebracht hat. Oder ein Stinkmorchelkrieg? (Wie sieht eigentlich eine Stinkmorchel aus? Mal nachschauen … uii!) Jedenfalls saß, als bei seinem ehemals besten sehr jungen Freund Kempter frühmorgens die Polizei klingelte, sein ehemals bester sehr alter Freund Amerell vor der Tür im Auto. Ob er sich dabei genüsslich einen … nun ja: Ast lachte, ist nicht überliefert und nicht aufklärbar, im Gegensatz zu der Frage, warum und woher Amerell wusste, was nur der Staatsanwalt wissen durfte.
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Noch so ein Schimpf-und-Schande-Thema: Die erstaunliche spanische Erfolgsgeschichte im Weltsport mit laxen Dopingkontrollen zu erklären, ist eine fahrlässige Vereinfachung. In Wahrheit sind die Dopingkontrollen in Spanien nicht lax, sondern nicht existent. Das oberste spanische Gericht hat vor wenigen Tagen höchstrichterlich angeordnet, dass Dopingkontrollen zwischen elf Uhr am Abend und sechs Uhr am Morgen verboten sind. Was im Klartext heißt: Gedopt wird ab sofort um 23.01 Uhr, ihr wisst ja, wie das geht, um spätestens um 6.01 Uhr sauber zu sein. Viva Espana! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle