Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 29. Oktober)

Zu beklagen sind zwei »tragische Todesfälle« im Motorsport. Ja, zu beklagen. Aber »tragisch«? Ist es gefühlskalt, diese tödlichen Unfälle als Berufsrisiko abzuhaken? Gesucht: das richtige Wort dazu.
*
In der Snowboard-Szene gilt »The Art of Flight« als bester Actionsportfilm aller Zeiten. Regisseur Curt Morgan wird vom »Spiegel« gefragt: »Ein Fahrer bricht sich den Kiefer, ein anderer wird von einer Lawine begraben, ein dritter kommt auf Krücken aus dem Krankenhaus. Ist das extreme Risiko Grundlage ihres Films?« Antwort: »Nein, es ist ein Geschmacksverstärker.«
*
Das richtige Wort! Auch ein böses Wort. Geschmacksverstärker. Glutamat. Oder morgen in Indien: Curry.
*
Das Risiko ist im Fußball allerdings höher als im Motorsport. Für Polizisten. Die Pokal-Randale ist ein Skandal. Hauptsächlich, weil es acht Verletzte gab. Alles Polizisten. Wäre auch nur einem der Gewalttäter ein Härchen gekrümmt worden, hätte er wohl die UN-Menschenrechtskommission eingeschaltet. Der Polizei wird manchmal vorgeworfen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel nicht einzuhalten. Hier zu Recht! Wenn die Polizei, die unsere Sicherheit garantieren soll, von Gewalttätern angegriffen wird, die unsere Sicherheit gefährden, stimmt bei einem Verletzungsverhältnis von acht zu null keinesfalls die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Umgekehrt wäre richtig. Mindestens.
*
Ich könnte zum Wutbürger werden. Wenn mir dieses Wort nicht Pickel auf die Nase treiben würde. Wutbürger sein ist schick und fein. Sogar Hoeneß ist einer. Nach dem Hannover-Spiel wutbürgerte er wegen Pinto. Der sei ein Schauspieler. Mag sein. Aber auch Schauspieler haben das vom Schiedsrichter verbürgte Recht, nicht über die Seitenlinie getreten zu werden. Und dass Boateng beim Rudelbilden aggressiver schubste als Schulz, hat jeder gesehen, der keine bayerische Wutbürgerbrille trug. Hoeneß hätte nicht wutbürgern und herummeniggen, sondern Hannover zur großen Leistung gratulieren und das Spiel abhaken sollen. Überhaupt scheinen die Bayern Probleme zu haben, fair verlieren zu können. Dabei würde ihnen, die sowieso die Besten sind, kein Zacken aus der verdienten Krone fallen, wenn sie zugäben: Hannover war klasse, Glückwunsch!
*
Noch mal zur Randale: Sind die Täter nur »einige wenige Idioten«, wie so gerne beschwichtigt wird? Damit macht man es sich aber viel zu einfach. Im Westen, siehe Eintracht, sind es oft ganz »normale« Alltagsbürger, für die eine Fan-Schlacht rund ums Stadion zu den wochenendlichen Freizeitvergnügungen gehört. Des jungen Spießers Lebens-Geschmacksverstärkung? Ein Kick mit, siehe oben, überschaubarem Risiko? Im Osten, siehe Dynamo, fragt sich, ob nicht alte Seilschaften junge Daseinsgefrustete als nützliche Idioten instrumentalisieren. Egal wie, egal ob hüben oder drüben: Wer die Gemeinschaft angreift, müsste ein vielfach höheres Risiko tragen, dabei zu Schaden zu kommen, als die (Gesetzes-)Hüter dieser Gemeinschaft. Dann wäre der Spuk schnell zu Ende.
*
Apropos Spuk: Bei der Vorbereitung der »Staatsdoping«-Kolumne (vom 30. September) fiel mir im Internet auf, dass mich alte DDR-Kader wegen meiner Tatsachen-Behauptung, dass in der Bundesrepublik Doping gefordert und gefördert wurde, in ihren Publikationen zu einem Kronzeugen machen wollen, dass die DDR in Sachen Doping kein bisschen schlechter gewesen sei als die BRD. Hei, ihr alten Kameraden, damit das mal klar ist: Euer Staat war eine miefige Diktatur des Proletariats von Spießern, Spitzeln und Denunzianten, wer ihn sich zurückwünscht, ist selbst ein solcher, und in der alten Bundesrepublik wurde beim Doping zwar gelogen und gemauschelt, aber es wurden keine Kinder im Staatsauftrag zwangsgedopt! Gruseliger, als von euch vereinnahmt zu werden, ist nur . . .
*
. . . Halloween. Zu verdanken haben wir diese Heimsuchung … dem Irakkrieg! Damals fiel Fasching ins Wasser, die »Fachgruppe Karneval im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie« (DVSI) suchte nach Möglichkeiten, den Umsatzeinbruch auszugleichen, stieß auf die US-Tradition des Halloween, und ein DVSI-Funktionär bombardierte Zeitungsredaktionen mit PR-Artikeln, in denen er pries, welch feine Sache dieses Halloween sei. Später sagte er einmal dem »SZ«-Magazin: »Es hat vier Jahre gedauert, dann war es Kult.« Und das, obwohl die Amis mit ihrem Halloween eigentlich Österreich und nicht uns beglücken wollten. Oder heißt es etwa Hallofrankfurt? Wenn schon albern, denn schon: Der ultimative Beweis, alt geworden zu sein, ist dann geführt, wenn man »Halloween« nicht spontan mit Grusel-Kürbissen assoziiert, sondern mit . . . »Peter Nidetzky«. Hallowien! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle