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Brocken und Gulliver

Liebes Eintracht-Tagebuch,
vor ein paar Tagen hatte ich ein hochinteressantes Gespräch mit meinem Kumpel Brocken. Wir saßen in der kleinen Sitzecke einer hiesigen Bäckerei, aßen abwechselnd Puddingstückchen und belegte Brötchen mit Kalbsleberwurst, als er mir erzählte, dass er sich die Neuverfilmung von »Gullivers Reisen« mit Jack Black auf DVD angeschaut hatte. Und dass ihm sowohl der Film als auch die Story sehr gut gefallen hätte. Statt ihm zu verraten, dass ich diese Geschichte selbstverständlich kannte und schon als Jugendlicher die Originalversion von Jonathan Swift gelesen hatte, stellte ich mich unwissend.
»Erzähl doch mal, um was geht’s denn da?« »Pass uff, da ist so’n Typ, der verunglückt mit’m Schiffsche, dann wacht er irgendwann uff, liegt am Strand, und um ihn rum lauter so klaane Hüpper, die ihn gefesselt habbe!« »Was für ›klaane Hüpper‹?« »Ei Zwersche, Du Depp! Die nemme ihn jedenfalls gefange, abber irgendwann hilft er ihne en paar Mal in bedrohliche Situatione, dadefür finden sie ihn dann doch gut und mache ihn quasi zum Könisch. Und irgendwann später isser plötzlich in nem annern Land, wo nur riesische Riesen lebe, die ihn in nem Puppehaus gefange halte!« »Riesige Riesen – aha! Und des war’s dann?«
»Naa! Da befreit er sich natürlich …« »Logo!« »… und kommt dann noch e ma zu dene klaane Hüp… also dene Zwersche, und dann heiratet er zum Schluss!« »Ne Zwergin?« »Doch keine Zwerschin! Seine Kollegin, die ihm dadehin nachgereist is!« »Und dann bleiben die für immer da?« »Nee, die fahren dann zurück und leben dann unner ihresgleichen.«
»Klingt gut, Brocken!« Der Gesichtsausdruck meines gewichtigen Freundes änderte sich plötzlich, und seine eben noch fast kindliche Begeisterung wich einer beeindruckenden Ernsthaftigkeit. »Und weißte, was mir am näschste Tag klar geworn ist…?« Ich schüttelte den Kopf und wartete stumm und gespannt auf das, was jetzt kam. »Mir is klar geworn, dass die Geschichte von diesem Gulliver und seinen Reisen im Prinzip gleischzeitisch die Geschichte von Eintracht Frankfurt ist. Oder annerster gesagt: Wenn es so was wie den Gulliver der Gegenwart gibt, dann isses die Eintracht!« »Aha!«, antwortete ich, was so viel bedeutete wie: »Ich hab keine Ahnung was du meinst!« Aber Brocken wartete ohnehin auf keine Reaktion meinerseits, sondern freute sich vor allem, mir seine Erkenntnisse auszubreiten.
»Also, ich geb dir en Beispiel: Letzte Saison war die Eintracht nach de Hinrunde Siebter! Also war sie für viele Vereine, die hinner ihr standen, ne Nummer zu groß und erstema net erreichbar. Ganz zu schweische von dene Zweitligisten!« »Ja und?« »Kapierste des net? Für all die war die Eintracht, des was für die Zwersche de Gulliver war! En Riese!« »Ja?« »Ja! Aber als die Eintracht dann plötzlich abgestiegen war, war sie plötzlich net mehr so groß, sondern aus der Sicht von allen Vereinen über ihr plötzlich en Zwersch! Genauso wie beim Gulliver, als er plötzlich des Land gewechselt hat!«
Brockens Augen leuchteten, während mich seine hüpfenden Backen und sein fülliger Hals an diese Wackelbildchen von früher erinnerten. »Und so war es ja schon immer. Ruff … runner … ruff … runner! Abgestiegen, uffgestiegen, abgestiegen, uffgestiegen. Mal Riese, mal Zwersch! Genau wie de Gulliver! Des is doch en super Vergleich, oder?« »Naja«, antwortete ich, »nur ist ja die Eintracht beileibe nicht die einzige Fahrstuhlmannschaft. Was ist mit Bochum, Bielefeld, Hertha usw.? Die waren auch schon zig Mal Riesen und dann wieder Zwerge. Die waren auch schon oft Gulliver.«
Brockens Euphorie schien jäh gestoppt. Seine freundschaftliche Haltung mir gegenüber allerdings auch. »Des kann man überhaupt net vergleiche!«, brummelte er. »Ach ja? Und warum nicht?« »Weil … weil …« Sein Blick schweifte unruhig über die Glastheke mit den Backwaren hin und her, so als würde er irgendwo zwischen Brezeln, Laugenbrötchen und Quarktaschen die richtige Antwort vermuten. Was anscheinend tatsächlich der Fall war. Denn schon stoppten seine eben noch unruhigen Pupillen und fixierten nun wieder mich. »Weil de Gulliver, wie ich es ja auch in dem Film gesehen hab, en sympathische Typ is. Und des Wort kannste bei Bochum, Bielefeld oder so ja wohl vergessen! Des passt nur auf einen sympathischen Verein. Und da gibt’s halt nur einen! Oder siehst du des annerster?«
Grinsend gab ich auf. So hanebüchen und an den Haaren herbeigeholt diese These auch zu sein schien, ich mochte das, wenn er Dinge gnadenlos durch die rotschwarze Brille betrachtete. »Nein, natürlich nicht. Eintracht Frankfurt ist definitiv der Gulliver des deutschen Fußballs, da hast du komplett recht!« Er nickte zufrieden. »Bleibt aber noch was zu klären, lieber Brocken. Wie das nämlich am Mittwoch beim Pokalspiel gegen Kaiserslautern ist. Welche Gulliver-Version sind wir denn da?« »Des is doch einfach! Vorm Spiel sind wir als Zweitligist de Zwersch. Nach’m Abpfiff net mehr!« In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle