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Sport-Stammtisch (vom 22. Oktober)

Griechenland-Pleite mal andersrum: Dortmund in Piräus, das war eine ungeordnete Insolvenz, und wer aus Sympathie für den Klopp-Klub seine Europa-Hoffnungen in den BVB investiert, erhält als Rendite nur Enttäuschung, voriges Jahr in kleiner Euroleague-, jetzt in großer Champions-League-Münze. Und auch wir Gutwilligen, die den Borussen immer zugestanden haben, die bessere Mannschaft gewesen zu sein, müssen langsam einsehen: Wer so oft glaubt, besser gewesen zu sein und dennoch verliert, war ganz einfach schlechter. Im Fußball entscheiden keine Stilnoten, sondern Tore, ähnlich wie im, sagen wir mal, Hochsprung: Wer in ästhetisch ansprechendem, ausgefeiltem Stil hoch über die Latte schwebt, sie aber reißt, verliert gegen den, der sie unspektakulär einfach überspringt. Auf den BVB übertragen: Fatal vor allem, dass Gegner ohne große Stars und ohne große Spielkultur mit einfachsten Mitteln den Dortmunder Selbstberauschungsfußball lahmlegen können.
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Klopp und der BVB müssen nun zeigen, dass sie keine Einsaisonfliegen sind. Da die Hoffnung zuletzt stirbt: Das Zeug dazu haben sie. Beide. Trainer und Spieler. Aber sie stehen am Scheideweg, auch einer wie Mario Götze, der zu Recht hoch Gelobte, aber leider über alle Maßen Hochgelobte. Obwohl von seiner psychischen Statur her vor dem Karrierehemmer des Abhebens gefeit scheinend, fiel er zuletzt eher durch blasierte Tricksereien auf (Reporter Fuss nannte es in Piräus einmal »halbseriös«) als durch konstruktive Umsetzung seiner unzweifelhaft genialischen Anlagen. Dem Jungen hilft man jetzt am besten, wenn man ihn nicht mehr mit Messi vergleicht, auch das alberne »Götzinho« sein lässt und ihm nicht mehr mit vorwegnehmendem Genialitäts-Bonus in der Spielerbewertung immer eine Note besser gibt, als er es verdient hatte.
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Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft genießt einen solchen Bonus in Vorwegnahme erhoffter künftiger Leistungen. Zu überbieten ist immer noch der Erfolg jener im Nachhinein unterbewerteten Völler-Mannschaft, die 2002 bei einer Nicht-Heim-WM im Endspiel stand und gegen Brasilien nur durch viel Pech und den titanischen Vater aller Torhüter-Fehler verlor. Erstaunlich nun: Den Bonus scheinen nur die Medien zu vergeben, das interessierte Publikum dagegen bleibt nüchtern auf dem Boden. In einer repräsentativen Umfrage glauben zwar rund drei Viertel der Befragten an den Einzug ins Viertel- und noch die Hälfte ans Halbfinale, aber nicht einmal 20 Prozent trauen dem Löw-Team den EM-Titel zu – verblüffend sachlich und fachlich gegenüber dem medialen Trend, der den EM-Titel als Muss und nur Zwischenstation zum WM-Triumph einordnet.
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Anderes Thema, aber wir bleiben beim Fußball. Matthias Reutzel macht in Erinnerung an ein altes »Anstoß«-Thema darauf aufmerksam, dass Trainer Armin Veh seinen Spielern nach dem Freitags-Sieg in Bochum bis Dienstagnachmittag trainingsfrei gegeben hat und das nach dem Wissen unseres Lesers (und Eintracht-Statistikers) bereits zum wiederholten Mal. Nun habe ich schon zu oft über den Melina-Mercouri-Tag (»Sonntags nie«) und den Friseursalon-Tag (Montags geschlossen) in der Fußball-Bundesliga gelästert, um dieses in anderen Sportarten unbekannte (sonst wäre es dort tödlich) Phänomen weiterhin ernsthaft zu kommentieren. Vermutung: Da dies durch die Bank alle Trainer so halten wie Veh, geht man jetzt am besten davon aus, dass die scheinbaren Trainingsfrei-Belohnungen nur vorgeschobene Argumente sind für unaufschiebbare privat zu erledigende Angelegenheiten der Trainer, die zudem, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden, ihre Trainingsfreizeiten schon bei der jährlichen Trainertagung festlegen. Vielleicht eine neue Aufgabe für unseren Statistiker aus der Wetterau: Stimmt es, dass im Saisonschnitt jeder Trainer seiner Mannschaft gleich viele freie Tage schenkt?
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Bleibt nur noch eine Frage offen: In »Sport-Bild« gibt Lothar Matthäus eines seiner legendären Interviews und tritt dabei wieder traumwandlerisch sicher ins Fettnäpfchen (Beispiel folgt in »Ohne weitere Worte«). In einer Sache hat er allerdings absolut Recht: Er verstehe nicht, sagt er, warum sich Spieler über ihn lustig machen, weil er im Kühlschrank die Joghurts nach dem Verfallsdatum sortiert. Ich auch nicht. Ich verstehe sogar nicht, dass es Menschen gibt, die ihre Joghurts im Kühlschrank NICHT nach dem Verfallsdatum sortieren. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle