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Mittwoch, 19. Oktober, 12.00 Uhr.

Umdisponiert: Statt Trainertagungs-Satirchen (“Trainingsfrei”) für Donnerstag den kleinen Griechenland-Text aus dem Blog in die Zeitungs-Kolumne redigiert, als Begleitung zum BVB-Spiel in Piräus. Das andere, oft und allzu oft bemühte Trainings-Thema bekommt am Samstag nur ein paar Sätze im “Sport-Stammtisch”. Fertig und abgeschickt ist auch der Text für die Vierteljahresschrift der Pfarrer (mit dem vorgegebenen Arbeitstitel “Schon der Zweite ist der erste Verlierer”). Wider Erwarten prompt sehr positive Resonanz statt des befürchteten “Thema verfehlt” erhalten. Froh darüber, da mir der Text wichtig ist. Die Zeitschrift erscheint erst im Januar, vorher will ich die Glosse weder im Blog noch im Blatt veröffentlichen.

Was folgt, erschließt sich Blog-Lesern besser, wenn sie den Mail-Dialog mit Prof. Treutlein nachlesen, also erst mal im Blog zurückblättern. – Haben Sie? Dann los:  

Nachdem ich inzwischen die Zeit gefunden habe, mich mit Ihrem im besten Sinn ebenso unterhaltsamen wie spannenden »Sport-Leben« zu beschäftigen, möchte ich Sie doch zu einem von Ihnen erwähnten Punkt kontaktieren. Ich tue das schriftlich, um – Ihre Wortwahl – eine standrechtliche Erschießung wegen Nicht-Erscheinens vor unserer Kommission zu vermeiden. Und ich tue das auf die »Gefahr« hin, mich in Ihrem Blog wiederzufinden.

Es geht, Sie werden es vermuten, um Ihren Satz zu Prof. Keul:

»Mit Keul hatte ich relativ wenig zu tun, ich wurde bei ihm zwei-, dreimal turnusmäßig gesamtuntersucht, habe ihn auch in Sachen Doping um Rat gefragt (und ihn bereitwillig bekommen), so wie ich ihn kennengelernt habe, hat er aber nicht direkt Dopingmittel verordnet oder verabreicht, die Hände machte er sich sicher nicht schmutzig, dafür war er viel zu ehrpingelig und eitel auf seine sportgesellschaftliche Führungsstelle bedacht. … Beide [Keul und Klümper] als Köpfe einer bundesdeutschen Mafia zu stilisieren, ist zu viel der Unehre.«

Mit der Mafia, da haben Sie völlig recht, ist das eine ganz andere und viel zu ernste Sache. Nicht nur aus Patriotismus würde ich dieses Wort am liebsten ganz und ausschließlich der sizilianischen Cosa Nostra und kalabresischen ‘Ndrangheta vorbehalten. Schon die neapolitanische Camorra gehört für Puristen nicht eigentlich auf eine Stufe mit diesem Klassiker-Duo.

Der Rest ist eigentlich und auch in Italien organisierte Kriminalität oder noch trivialer pure Netzwerkkriminalität. Mit der die eigentliche elitär-bewusste Mafia kaum etwas zu tun haben will.

Wie weit nun Prof. Keul und Prof. Klümper »Köpfe« eines Netzwerkes, gar eines Dopingnetzwerkes, waren, ist natürlich eine ganz andere Frage. Die direkte Antwort darauf können oder konnten nur beide selber geben. Und soweit ich das verstanden habe, würden sie schon die Frage entschieden als Beleidigung zurückweisen.

Eine indirekte Antwort können jedoch Zeitzeugen geben oder zumindest dabei helfen, eine solche zu finden. Und ich meine bewusst Zeitzeugen und nicht – in der Mafia-Analogie – »pentiti«, also »Reuige« oder Kronzeugen.

Ein pentito ist von einer ganz anderen, nämlich existentiellen Kategorie. Er hat mit seinem Bruch der Omerta« sein Todesurteil besiegelt. In meiner Zeit und Arbeit in Rom für die Spezialeinheit Direzione Investigativa Antimafia habe ich mich mit einigen der damals wichtigsten Pentiti getroffen, und hätten die Mafia-Kommandos die Gelegenheit gefunden, sie hätten das halbe Ristorante umgebracht, um den einen zu erwischen. So wie man seine beiden Söhne und gesamte männliche Verwandtschaft, zwölf Personen, aus Rache für seinen Verrat einen nach dem anderen ermordet hat.

Dass er im Zeugenschutzprogramm des FBI eines natürlichen Todes starb, empfand er womöglich als seinen letzten, ganz persönlichen Triumpf. Seine eigenen Morde hat er nie bereut, dem Mörder seiner Söhne hat er im Gericht bei der Gegenüberstellung verziehen, da sie – wie er bei seinen dutzend Morden – nur Befehle ausgeführt hätten.

Doch zurück zum Thema: Wenn Sie als Zeitzeuge schreiben, Sie hätten von Prof. Keul nicht Dopingmittel, aber doch Dopingberatung breitwillig bekommen, dann werden Sie sicher verstehen, dass mich diese Aussage sehr interessiert und ich zurückfrage: Prof. Keul wusste also präzise über mehrere (welche?) Jahre hinweg um Ihre Dopingpraxis, er kannte wohl auch Ihre entsprechend dopingbelasteten Leberwerte und hat Ihnen Ratschläge gegeben, welche Dopingmittel Sie wann, wie lange und wie dosiert am effektivsten einnehmen. Stimmt das?

Beste Grüße aus Leuven,

Letizia Paoli

Prof. Dr. Letizia PAOLI
LINC, Leuven Institute of Criminology
K.U. Leuven Faculty of Law

Sehr geehrte Frau Paoli,

Sie haben Recht, Ihre Mail lasse ich mir für den Blog natürlich nicht entgehen. Vor allem aber wegen Ihrer ungemein spannenden Ausführungen zur Mafia. In Sachen Doping kann ich Ihnen dagegen nicht weiterhelfen, fürchte ich. Wenn Sie, wie Sie sagen, das »Sport-Leben« gelesen haben, wissen Sie so gut wie alles, was ich weiß. Ich habe es kurz vor und nach dem Tod meines Freundes Ralf Reichenbach in mehreren Schüben geschrieben, ohne Strategie, ohne Recherchen, ohne Notizen, aus der Erinnerung heraus und manchmal fast wie in Trance. Bearbeitet habe ich es nur insofern, als ich in das Rohmanuskript noch einige eigene Zeitungsartikel eingearbeitet sowie  Ralfs (“Jan”) Namen (und einige weibliche um ihn herum)  verfremdet habe (würde ich heute, nach all den Jahren, nicht mehr tun). Insofern ist alles, was in dem Text steht, absolut authentisch und wahr (so weit man der eigenen Erinnerung trauen kann, Sie kennen das Thema). Wenn es Ihnen  hilft, versichere ich hiermit, alles, insbesondere die Doping-Passagen, nach bestem Wissen und Gewissen wahrheitsgemäß geschrieben zu haben und dazu zu stehen.
Verschwiegen habe ich nichts, jedenfalls nichts Wesentliches. Sie müssen wissen, oder wissen es vielleicht aus dem Text, dass ich ein fast manischer Einzelgänger war, ohne Kontakt zu Gruppen, schon gar nicht offiziellen, die Doping-Netzwerke hätte betreiben können. Ich glaube auch nicht, dass es welche gab, sondern dass, entsprechend unseres gesellschaftlichen Systems, Eigeninitiative Betroffener die Hauptrolle spielte (Aktive, Trainer,  Freunde, Betreuer, Vereinsärzte usw.). Aber das ist nur eine nicht wissende Vermutung, Sie wissen darüber mit Sicherheit viel mehr als ich.
Zu Ihrer Keul-Frage: Nein, er kannte Dosierung und Dauer der Einnahme nicht, sondern von mir nur die Tatsache, dass. Ich erinnere mich  vage an seine Anabolika-Untersuchungen (von 1969?), die ich damals gelesen und über die ich einmal mit ihm gesprochen hatte, auch über die von ihm in dieser Untersuchung beschriebenen erhöhten Leberwerte, die aber bei Absetzen der Anabolika wieder absänken. Das sagte er mir auch, als ich ihn wegen aktueller Besorgnis aufsuchte (siehe »Sport-Leben«; Doc = Klümper, Kollege = Keul): »Zum Vergleich lasse ich mich auch vom Kollegen des Doc untersuchen. Die Werte sind besser, aber immer noch besorgniserregend. Erst der Doc kann mich beruhigen » … usw.
Als Zeitzeuge tauge ich also nicht viel, da in mir keine ungehobenen Doping-Schätze schlummern. Ich bekenne auch, beim durch Ihre Mail inspirierten Nachlesen von »Doping-Leben« manchmal selbst gestaunt zu haben über diese seltsame Phase meines Lebens, die mir heute in großen Teilen sehr fremd vorkommt und von der ich einiges sogar total vergessen hatte. Das war damals auch ein Grund, den Text zu schreiben: Die Erinnerung an erlebte Dinge, die weit über meine sportliche Randexistenz  hinaus von sporthistorischem Belang sein könnten, niederzuschreiben, bevor die Erinnerung verblasst.

Baumhausbeichte - Novelle