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Anstoß (vom 19. Oktober / “Nachdruck”: Tendenz positiv?)

In loser Folge begeben wir uns mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit unveränderten (aber gekürzten) »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, nicht zuletzt auch die eigenen. Ob eine der ersten »gw«-Kolumnen zu den Irrungen gehört? Urteilen Sie selbst.
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Der Bundesausschuss für Leistungssport (BAL) hat in einer ersten umfassenden Montreal-Bilanz die »positive Erscheinungsdynamik« im bundesdeutschen Leistungssport hervorgehoben. Tendenz also positiv? Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Bilanz als Augenwischerei der praxisfernen BAL-Theoretiker. So muss die durchaus erfreuliche Medaillenausbeute kleiner und im Bewusstsein der Öffentlichkeit nur am Rande existierender Sportarten wie Segeln, Schießen, Dressurreiten, Bahnradsport und Fechten statistisch die herben Enttäuschungen in den olympischen Kernsportarten Schwimmen, Leichtathletik, Boxen oder Hockey ausgleichen, damit diese Milchmädchenrechnung einen positiven Saldo erhält. Mit diesem Kunstgriff baut der BAL dem bundesdeutschen Leistungssport ein monumentales Kartenhaus, dessen schwindelerregende Höhe von »Luschen« wie der Dressur-Mannschaftsreiterei gestützt und Trümpfen wie Schwimmen und Boxen belastet wird. Kein Wunder, dass dieses wacklige Gebilde nur in den Köpfen nationenwertungssüchtiger Funktionäre entstehen und existieren kann.
Den BAL kümmert dies wenig. Seit aus dem vielbelächelten, kompetenzlosen Bundesausschuss, der mit Feuereifer graphische Darstellungen zu Trainingsprozessen und Wettkampfergebnissen erstellte und in meterhohen Aktenschränken verstauben ließ, eine Art Sportministerium mit bedeutenden Weisungsbefugnissen geworden ist, stehen die BAL-Angestellten unter Erfolgszwang. Sie müssen ihre Daseinsberechtigung mit Medaillen beweisen, und die sind in materialintensiven oder gar elitären Randsportarten am problemlosesten zu gewinnen. Es gibt schließlich nur wenige Nationen, die es sich wie die beiden rivalisierenden deutschen Staaten leisten können und wollen, Hunderttausende für Windkanalversuche mit bayerischen Schlittenfahrern und ihren rutschenden Untersätzen oder für das Ausklügeln von auftriebsintensiven Anzügen für sächsische Ski-Weitspringer auszugeben. Ganz zu schweigen von den hauchdünnen Seidenreifen, die zwei Jahre im Halbschatten gelagert werden müssen, ehe sie erfolgversprechend auf die Felgen superleichter Rennräder gezogen werden können.
Viele Länder machen bei diesem sportlichen Wettrüsten nicht mehr mit, so dass der BAL von der hohen Warte der eigenen »positiven Entwicklungsdynamik« aus Japan, Frankreich, Großbritannien und Italien zu Ländern mit »zurückgehendem Trend« abwerten kann. Beim BAL hat eben eine Kompetenz- und keine Bewusstseinserweiterung stattgefunden. Wenn die schwierigen Probleme in den olympischen Kernsportarten nicht gelöst werden (wie kann man mithalten angesichts massiver und dirigistischer Förderungsmaßnahmen in den sozialistischen Ländern, in denen der Leistungssport aus verschiedenen, vor allem auch sozialen Gründen einen größeren Stellenwert besitzt und selten kritisch reflektiert wird?), wird sich angesichts chancenloser deutscher Schwimmer, Leichtathleten, Boxer oder Turner niemand mehr für Olympische Spiele interessieren, während der Bundesausschuss für Leistungssport die Erfolge von Dressurreitern, Kleinkaliberschützen und Solingseglern dazu benutzt, dem deutschen Sport eine führende Rolle in der Welt anzudichten.
 2. Oktober 1976
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Dressurreiter als »Luschen« zu bezeichnen, würde ich heute – beim heiligen Totilas! – nicht mehr wagen. Aber dass die Gesamtpleite der DDR auch an deren Investitionen für den Sieg im sportlichen Klassenkampf gelegen haben könnte, ist auch heute noch ein hübscher Gedanke.
 (gw)

Baumhausbeichte - Novelle