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Sport-Stammtisch (vom 15. Oktober)

Atomalarm bei der Turn-WM! Die Sensationsmeldung erweist sich nicht nur als elefantöse Mücke, aus der eine »Ente« gemacht wurde, sondern bestätigt auch, was Prof. Dr. Joachim Breckow, Biophysiker am Institut für Medizinische Physik und Strahlenschutz in Gießen, am Dienstag auf unserer politischen Hintergrundseite über »Tsunami, Fukushima und die Medien« geschrieben hat. Verpasst? Bitte nachlesen, sehr zu empfehlen.
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In Tokio werden geringere Strahlenbelastungen gemessen als in den meisten europäischen Hauptstädten, aber wen interessiert’s, wenn nur die Sensation interessiert? Unvergessene Beobachtung nach Tschernobyl: Zwei 90-Jährige, beim Spaziergang von einem Schauer überrascht, hetzen humpelnd in Panik über zwei-, dreihundert Meter bis unter ein Vordach. Die Wahrscheinlichkeit, vom Herzinfarkt dahingerafft zu werden, lag gegenüber der, vom Regen einen Strahlenschaden zu erleiden, bei etwa 99,9:0,01 Prozent.
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Wer keine Probleme hat, macht sich welche: Das Bundesministerium des Inneren droht den Sportverbänden mit Strafen, wenn diese auf ihren Nationaltrikots den Bundesadler nicht strikt von den Verbandssymbolen trennen. Ausnahme, natürlich, der Fußball. Der genießt Bestandsschutz. Warum? Weil der DFB zu stark ist, um den BMI-Quatsch mitmachen zu müssen?
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Apropos zu stark: Nach den letzten beiden Länderspielen stellen auch ernsthafte Menschen und Medien die Frage, ob die aktuelle deutsche Nationalmannschaft die stärkste aller Zeiten ist, und oft lautet die Antwort sogar: Ja. In der medialen Konsequenz gilt der EM-Sieg als vorweggenommene Tatsache und nur als Vorspiel für den WM-Triumph zwei Jahre später. Einziger, aber kaum noch ernsthafter Konkurrent: Spanien. Schon Holland gilt als willkommenes Opfer, Frankreich, England, Kroatien und all die anderen Fußball-Zwerge werden kaum noch wahrgenommen. Das kann eigentlich nur schief …
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… nee, nicht unken. Über die Unke zurück zu den Tieren. Zunächst zum Hund, auf den die bayerische Justizministerin Beate Merk gekommen ist. Nicht, weil sie jetzt beim CSU-Parteitag abgestraft wurde – das sind interne Vereinsquerelen. Sondern: Weil sie bei der Frauen-WM im Sommer das Spiel Schweden gegen Australien in Augsburg besuchte, wobei während der ganzen Zeit der Motor ihres Autos lief. Insassen: Chauffeur und der Hund der Ministerin. Entschuldigung der Ministerin: Die Klimaanlage habe laufen müssen, sonst wäre es dem Hund zu heiß geworden. Jeder, der am anderen Ende der Leine sozialisiert wurde, kann das verstehen. Auch, dass sie ihn nicht mitgenommen hat ins Stadion. Das wäre erst recht Tierquälerei gewesen.
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Wegen der Hitze dort, nicht wegen des Frauenfußballs! (Uff, gerade noch die Kurve gekriegt). Zum Adler: Den hat die Eintracht als hessischen und nicht als Bundesvogel auf der Brust, daher gilt für ihre Trikots sogar erweiterter Bestandsschutz. Auch für Löwen hat der Hesse ein Herz: Henni Nachtsheim singt am Sonntag vor dem Spiel gegen Duisburg in der Ballsporthalle als »Verneigung vor allen, die es geschafft haben, das Eishockey in Frankfurt am Leben zu halten«, erstmals seinen Song: »Neue Löwen im Revier.«
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Otto A. Böhmer, ebenfalls alter Freund und Mitmacher dieser Kolumne, hat eine neue Erzählung veröffentlicht: »Schlafe, träume, flieg« (Edition Faust), mit Illustrationen von Fritz Weigle, besser und bestens bekannt unter seinem Künstlernamen F. W. Bernstein, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule und Schöpfer einer ihrer wichtigsten Maximen: »Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.« Robert Gernhardt verlor einst den erbittert geführten und dem Vernehmen nach erst durch brutale Waffengewalt entschiedenen Maximen-Wettkampf mit seiner Version: »Die größten Kritiker der Molche waren früher ebensolche.« Vielleicht wurden die Elche den Molchen vorgezogen, weil man sonst tierisch nahe am Lurch von Heinz Erhardt geblieben wäre: »Mal trumpft man auf, mal hält man stille, / mal muss man kalt sein wie ein Lurch, / des Menschen Leben gleicht der Brille: / man macht viel durch.«
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Dazu ein schöner (und für uns Schluss-) Satz aus Böhmers Erzählung: »Am Ende, alt geworden, weiß man, dass man nichts weiß (…), aber wir haben daran ein Genügen, das aus einer merkwürdigen Trosteinsamkeit erwächst; werde, der du bist, meint sie, und du gewinnst leibhaftige Würde.« Ein leibhaftig würdevolles Wochenende wünscht:  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle