Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Freitag, 14. Oktober, 17.00 Uhr.

Manchmal ist es gut, dass die Zeitungskolumne meist schon vor dem Erscheinen der Zeitung online steht. So war nur zwei, drei Stunden online  zu lesen, dass Henni Nachtsheim vor dem Spiel gegen Herford sein neues Lions-Lied singen würde. Ich war beim Nachschauen in die falsche Spalte geraten (an diesem Tag spielt Bad Nauheim gegen Herford), Gaby Bresslein hat’s gemerkt – Danke, Gaby! Wichtig vor allem: Der Fehler ist nicht nur online berichtigt, sondern wird erst gar nicht in der Druckausgabe stehen, und die liegt mir immer noch viel näher als der Blog (sorry, ihr Nur-Online-Leser; dafür kriegt ihr die Kolumnen ja auch für lau).
Noch ein Lapsus von mir: Die Wortschöpfung »Oikodizee«  habe ich fälschlich Dr. Hans-Ulrich Hauschild zugeschrieben, der sich nicht mit fremden Federn schmücken möchte:

Das Wort »Oikodizee« ist nicht meine Wortschöpfung, ich glaube, das habe ich auch nicht behauptet. Wenn der Eindruck entstanden ist, bitte ich um Entschuldigung. Gefunden habe ich diesen sehr passenden Begriff bei dem Berliner Literaturwissenschaftler Joseph Vogl, der über die Zukunft des Kapitalismus in der FR vom 28.9. ein sehr wegweisendes Interview gegeben hat. Ob es seine Wortschöpfung ist, das weiß ich nicht – ich fand sie so nahe liegend, dass ich die Quelle nicht genannt habe. Aus diesem Interview stammen dann noch zwei oder drei andere kurze Formulierungen; im Wesentlichen jedoch ist die Zielrichtung meiner Darstellung auch von mir formuliert und vorgedacht.
Ich danke Ihnen aber für die Veröffentlichung. Vielleicht kommt ja auch dazu eine kurze Diskussion zustande.

Wer über 20 Jahre lang jährlich mindestens einmal in Griechenland war, nicht als Pauschalurlauber, sondern auf eigene Faust, wer schon auf zwanzig oder mehr Inseln geschlafen hat, die schwierige griechische Sprache wenigstens ansatzweise gelernt hat (alla mono ligo; ligaki), griechisches Essen und die Ägäis, ihr Licht, ihr Meer, ihre Sonne liebt, Schlampigkeit, Vetternwirtschaft, Staatsverachtung und -ausnutzung, Umweltschweinereien und ähnliche Sünden großzügig als Folklore abgetan und sich nie von seinem Philhellenismus hat abbringen lassen, den trifft die Krise mit umso größerer Wucht (nicht materiell persönlich, sondern im griechenfreundlichen Herzen), weil er das alles hätte voraussehen müssen. Er wusste zum Beispiel, dass bei griechischen Kommunalwahlen der gewinnt, der die meisten Wähler bzw. deren Angehörige im Staatsdienst unterbringt (man musste nur  am Vorabend einer Wahl abends auf der Paralia promenieren, um diese öffentliche Mauschelei zu erahnen), er wusste auch, dass nicht nur das Klima und das gesunde Olivenöl ihren Teil dazu beitrugen, dass Griechenland so viele Hundertjährige hatte, sondern dass  gestorbenen Omas und Opas einfach nicht gemeldet wurden, so dass die Familie bis zum St. Nimmerleinstag die Rente kassieren konnte. Der ist jetzt allerdings gekommen – alle Rentenempfänger mussten sich melden … 120 000 haben es nicht getan bzw. nicht mehr tun können.
Nur ein kleines von fast unzähligen Beispielen, die an deutschen Stammtischen kursieren, aber leider im Gegensatz zu vielem, was dort kursiert, einfach wahr ist (aber auch bei uns gibt’s ähnliche Beispiele!). In Griechenland scheint es jetzt jedenfalls aussichtslos, die über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen zu zerschlagen und erfolgversprechend neu anzufangen. Wer immer so gelebt hat, wie die Griechen lebten, wird jede Veränderung zum persönlich Schlechteren mit allen Mitteln bekämpfen (wäre das bei uns anders?). Hoffnungslosigkeit für »meine« Griechen beschleicht mich jedenfalls, wenn ich diese ausführliche (von mir noch  gekürzte) Katastrophenmeldung in der Griechenland-Zeitung lese:
 

 

Bis zum Donnerstag kommender Woche versinken Athen und viele andere Landesteile in einer regelrechten Protestwelle. Hintergrund ist die Ratifizierung eines Multi-Gesetzes, das drastische Gehalts-, Lohn- und Rentenkürzungen vorsieht. Auch die Beziehungen Arbeitgeber-Arbeitnehmer sollen dadurch teilweise grundlegend verändert werden. Nach Vorgaben der »Troika«  soll dieses Gesetz bis spätestens Donnerstag kommender Woche (20. Oktober) vom Parlament verabschiedet werden.  Um dies zu verhindern, oder um zumindest ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen, streiken und demonstrieren zahlreiche Arbeitnehmer. Besonders aktiv sind bestimmte Gruppen des öffentlichen Sektors wie etwa bei der Müllabfuhr, bei den Verkehrsbetrieben, Zöllner, Finanzbeamte – die durch ihre Aufgabenbereiche entsprechenden Druck auf die Öffentlichkeit ausüben können.
Am kommenden Mittwoch und Donnerstag (19. und 20. Oktober) werden die zwei größten Gewerkschaftsverbände, öffentlicher Dienst (ADEDY) und Privatwirtschaft (GSEE), gemeinsam einen 48-stündigen Generalstreik durchführen. Daran werden sich u. a. die Fluglotsen beteiligen. Falls der Streik nicht rückgängig gemacht wird, dürfte der Flugverkehr an diesen beiden Tagen zusammenbrechen. Am 19. Oktober findet die Zentrale Demonstration um 11.00 Uhr am Athener Pedion tou Areos Platz statt. Am 20. Oktober wird ab 11.00 Uhr vor dem Parlament am Syntagma-Platz protestiert.
Am heutigen Freitag legen zum zweiten Tag in Folge die Angestellten der Athener öffentlichen Nahverkehrsmittel ihre Arbeit nieder. Einzige Ausnahme bildet die Vorortbahn Proastiakos. In ihren Depots bleiben ganztägig die blauen Stadtbusse, die Oberleitungsbusse (Trolley), die Straßenbahnen (Tram), die Elektrobahnen (ISAP) und U-Bahnen (Attiko Metro). Der Arbeitsniederlegung haben sich am Freitag auch die Besitzer von Taxilizenzen angeschlossen, die ebenfalls die Handbremse hochziehen.
Das Horrorszenario von öffentlichen Nahverkehrsmitteln im Dauerstreik verbunden mit akutem Benzinmangel, wodurch auch der private Fahrzeugverkehr zusammen brechen könnte, kehrt nun wieder auf die Tagesordnung zurück. Ab Freitag traten die Zöllner für 10 Tage in den Ausstand. Weil dadurch keine Treibstofflieferungen mehr abgefertigt werden können, könnte das in Windeseile zu leeren Zapfsäulen führen. Ein ebenfalls auf zehn Tage angesetzter Streik der Angestellten der Raffinerien von Hellenic Petroleum (ELPE) wurde hingegen abgebrochen, nachdem sich die Regierung bereit erklärte, für die Mitarbeiter dieses vom Staat kontrollierten Unternehmens tarifliche Sonderregelungen beizubehalten. ELPE-Mitarbeiter erhalten u.a. 18 Monatsgehälter pro Jahr.
Alle Angestellten des staatlichen Senders ERT, der Kommunalsender sowie der Nachrichtenagentur APE-MPE befinden sich seit Donnerstag in einem zweitägigen Streik. Am kommenden Dienstag wollen die Journalisten aller öffentlichen und privaten Medien (Fernsehen, Radio und Zeitungen) ganztägig ihre Arbeit verweigern. Sie treffen sich am Dienstag um 11.00 Uhr zu einer Protestaktion vor den zentralen Büros ihrer Gewerkschaft ESIEA in Athen.
In den Protest treten ab Freitag und bis zum kommenden Mittwoch (19. Oktober) die Rechtsanwälte. Ebenfalls ab Freitag dieser Woche und bis zum kommenden Freitag (21. Oktober) wollen die Mitarbeiter der Gesundheitskontrolle und der Sozial- und Rentenversicherungskasse IKA ihre Arbeit verweigern. Sie protestieren unter anderem gegen die vorgesehene Entlassung von 5500 Angestellten mit unbefristeten Zeitverträgen.
Der Panhellenische Verband der IKA Angestellten (POSE-IKA) will am Samstag, dem 15. Oktober, gemeinsam mit 22 weiteren Verbänden von Staatsangestellten eine Protestkundgebung um 10.00 Uhr vor dem zentralen Gebäude der POSE-IKA im Zentrum Athens durchführen.
Am kommenden Montag, dem 17. Oktober, wollen auch die Seemänner für 48 Stunden ihre Arbeit niederlegen, was den Schiffsverkehr in dieser Zeit zum Erliegen bringen wird. Ab Montag werden die Angestellten des Finanzministeriums für zehn Tage ihrer Arbeit fern bleiben. Am Dienstag (18. Oktober) schließen sich ihnen die Bankangestellten, für zwei aufeinanderfolgende Tage, an.
Auf den Straßen von Athen und Thessaloniki haben sich mittlerweile rund 100.000 Tonnen Müll angehäuft. Hintergrund ist die Besetzung der zentralen Mülldeponien in den beiden größten Städten des Landes seit Anfang Oktober. Experten warnen, dass nun die öffentliche Gesundheit extrem in Gefahr sei, es wird auf Seuchengefahr hingewiesen, man spricht von einer tickenden »Gesundheits-Bombe«.

 

Gute Nacht, Griechenland?

Baumhausbeichte - Novelle