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(Nicht) normal!

Liebes Eintracht-Tagebuch,
in den letzten Wochen habe ich mal wieder in Büchern von Oliver Sacks gelesen. Der ist englischer Neurologe und hat mehrere sehr erfolgreiche Bücher über seine besonders interessanten Patienten geschrieben. Eines z. B. heißt »Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte«, ein anderes »Der Tag, an dem mein Bein fortging«.

Er beschreibt hochspannende Fälle von Schizophrenie, vermeintlichen Wahrnehmungsstörungen, Spleens usw. Auffallend ist dabei sein spürbarer Respekt gegenüber den Menschen, die er da beschreibt.
Er stellt sie nämlich nicht einfach als verrückt dar, sondern gesteht ihnen zu, dass das, was sie sehen, fühlen und erleben, aus ihrer Sicht normal ist. Ja, je länger man seine Geschichten liest, umso mehr begreift man, dass es eigentlich gar keine allgemeingültige Begriffsbestimmung von Normalität gibt, sondern nur jede Menge unterschiedlicher Normalitätsvorstellungen.

Jetzt fragst Du bestimmt, warum ich Dir das erzähle. Ganz einfach! Als ich das kapiert habe, war ich regelrecht erleichtert! Weil es mir sowohl im Nachhinein als auch im Voraus so einiges erklärt. Denn wenn Du Fan von Eintracht Frankfurt bist, Dich aufmerksam umschaust und genauso aufmerksam zuhörst, und vor allem alles Gehörte für bare Münze nimmst, weißt Du irgendwann nicht mal mehr ansatzweise, was normal ist und was nicht.

Als wir letzte Saison zur Saisonmitte Siebter der 1. Liga waren und die Europa League in greifbare Nähe gerückt war, hieß es bei vielen meiner Kumpels: »Ei ja, so wie der Skibbe die trainiert, is des normal!« Als ein paar Monate danach der Abstieg feststand, hieß es bei denselben Kumpels: »Ei ja, so scheiße wie der die trainiert hat… normal!« Und genauso ging es auch in dieser Saison weiter. Als die schnell zusammengestellte Mannschaft sich erst mal schwertat, hieß es »Des wird eh nix mim Uffstieg! Was ja auch normal ist bei dem zusammegewörfelte Haufe!« Als man mit Friend und Idrissou weitere Stürmer verpflichtete: »Jetzt versuche se es mit der Brechstange! Normale Form von Verzweiflung!« Als beide sofort das Tor trafen: »Is doch normal, dass Du, wenn Du so welche kaufst, sofort flexibler wirst!« Dass die Mannschaft jetzt endlich erstmals auf einem direkten Aufstiegsplatz steht: »Normal!« Dass sie endlich auch ansehnlich spielt und technisch ihren Gegner oftmals deutlich überlegen ist: »Normal!«

Und weißt Du was, Tagebuch? Ich glaube, das war hier schon immer so! Wenn ich so an all die vielen Jahre zurückdenke, in denen ich diesem Verein stets mein Fußballherz zu Füßen gelegt habe, dann glaube ich, mich an mindestens 10 000 weitere »Normal« erinnern zu können. Vermutlich gehört das zu diesem Verein wie zu sonst keinem. Außerdem zeugt es ja auch von einer gewissen Flexibilität!

Allerdings sollten wir es genau mit dieser Flexibilität auch nicht übertreiben.  Vor ein paar Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem jungen Mann aus einem Eintracht-Fanclub. Wir redeten über alles Mögliche. Den Saisonverlauf, die Mannschaft, etc. Irgendwann ging es auch um Fankultur. Er erzählte mir, dass die Mitglieder seines Fanclubs gerne immer mit Kind und Kegel, sprich der kompletten Familie, zu den Heimspielen anreisen würden.

Es gäbe allerdings, wenn auch nicht mehrheitlich, durchaus Hardliner in anderen Fanvereinigungen, die das immer noch für falsch hielten. Was gelegentlich zu harten Kontroversen und mitunter auch Bedrohungen führen würde. Wow! Ich gebe zu, dass ich solche Geisteshaltungen spätestens zuletzt im frühen Steinzeitalter angesiedelt hätte. Mein Gesprächspartner jedenfalls meinte dann in fast versöhnlichem Ton, dass halt jeder seine eigene Sichtweise hätte.
Und genau da, liebes Eintracht-Tagebuch, hört es auf mit der großzügigen Auslegungsbereitschaft. Wenn heutzutage ein männlicher Fußballfan, ob jung oder alt, echt der Überzeugung ist, dass Frauen und Kinder in einem Stadion nix zu suchen hätten, weil man sich dann z. B. besser die Fresse einhauen kann, dann können wir nicht achselzuckend sagen: »Ist halt für die normal!«

Wenn sogenannte Fans, wie zuletzt in Kassel, dem Trainer aufgrund ihnen nicht genehmer Ergebnisse mit Mord drohen, dann ist so was erst recht auf keinen Fall normal! Es ist einfach nur asoziale gequirlte Scheiße! Und selbst wenn ich mir den Vorwurf der politischen Korrektheit einfange: Nur wir, die wir auch mit Frauen und Kindern und Oppas und Ommas und Hunden und Wellensittichen zum Fußball gehen, und die Trainer nicht gleich bei der ersten Gelegenheit lynchen wollen, sind normal! So einfach ist das. Was ich übrigens auch Oliver Sacks geschrieben habe. Worauf er mir vollkommen recht gegeben hat!

 In diesem Sinne!

 Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle