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Mittwoch, 12. Oktober, 16.50 Uhr.

Zwischenstände: Walnussernte mittlerweile nicht bei einem, sondern eher bei drei statt zwei Zentnern. Aber jetzt lässt’s nach. Trotzdem: Sensationell fruchtbar, der alte Baum. – Apfelwein-Gärung scheint langsam zu enden. Nach zehn Tagen kommt nur noch alle vier, fünf Sekunden ein leises Blubb. – Clavicula: Mühsam erholt sich das Eichhörnchen. – Glosse für die Pfarrer-Zeitschrift geschrieben. Zu bezweifeln, ob zur Zufriedenheit der Auftraggeber.
Dem Rätsel von Dr. Hauschild am nächsten kam Dr. Börgens (Vorschlag zur Güte: Klaus Mann). Ich blieb ahnungslos, bis Dr. Hauschild mailte: Wenn einer mein Rätsel lösen kann, dann doch der Autor der Baumhausbeichte. Was lesen denn die Kinder heimlich? – Ach so, klar: Hanno Buddenbrook.

In der Theodizee-Debatte  auch von Dr. Hauschild Versöhnliches: Mit Frau Börgens gibt es eigentlich nichts, was wirklich trennt. Ich fand es eben nur anmaßend, den Schlusspunkt unter eine Debatte setzen zu wollen. »Wir beantworten hier die Theodizee-Frage nicht«. Woher weiß sie das? Aber ansonsten: kein Streit, keine Ressentiments oder ähnliches. Denn die Theodizee ist nun wirklich schwierig, jedoch bleibt sie immer auch für die moderne Theologie – vor allem für deutsche Christenmenschen im Angesicht von Auschwitz – und für Gläubige – oder sollte doch – ein Stachel. Ohne sie weiter zu diskutieren und wach zu halten, wird jede monotheistische Religion zum Fundamentalismus oder Fideismus. Die Lösung? Habe ich angedeutet.

Hans-Ulrich Hauschild hat eine Abhandlung über die Oikodizee (seine Wortschöpfung) geschrieben, in Fortsetzung und Parallele zur Theodizee-Diskussion, doch dazu später. Am Freitag erscheint im Blatt ein »Anstoß« mit Blog-Auszügen zum gestrigen Thema Burnout, zum Mail-Dialog in Sachen Doping mit Prof. Treutlein sowie zur Entspannung ein Rückgriff auf alberne Sonntagmorgenplauderei. Zum gestrigen Burnout-Dialog mit Matthias Weidner eine Stellungnahme und Ergänzung:
 

Dieser Mail-Verkehr mit Herrn Weidner war interessant zu lesen. Bei aller »Intimität« möchte ich eine paar Randbemerkungen anbringen, denn es gibt eine ganze Reihe von Aspekten, die schwierig anzusprechen und zu erklären sind, aber wenigstens angerissen werden sollten.
Zunächst finde ich es mutig von Herrn Weidner, dass er sich zumindest hier schon so weit öffnet. Denn selbst so ein Blog wie der Ihrige, ist doch schon eine Form von Öffentlichkeit, in die sich viele Betroffene gar nicht erst wagen würden.
Ich bin von Kindheit an hochgradig schwerhörig, trage seit Jahrzehnten Hörgeräte und hatte dabei das Glück, mit kompetenten und verständnisvollen Personen in Kontakt zu kommen … und mit deren Gegenteil. Vor 17 Jahren erlitt ich bei einem Arbeitsunfall – es lag gleichzeitig eine ziemliche Stress-Situation mit Mobbing und anderen Begleiterscheinungen vor – einen Hörsturz und habe seitdem einen Tiefton-Tinnitus. Zu der Zeit war Tinnitus noch gar nicht in dem Maße »Mode-Krankheit« wie heute.
1. Anmerker: der Begriff »Mode-Krankheit« ist leider ein Fehlgriff. Es gibt Leiden, die es schon lange gibt, die aber erst unter bestimmten Umständen ins Licht der Öffentlichkeit kommen.
Wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, aufgrund eigener Aktivitäten (gerade noch rechtzeitig) und mit Hilfe meines HNO-Arztes (und unter Einschaltung von Betriebsrat und Personalabteilung) relativ zügig in gute Behandlung zu kommen, dann wäre ich wahrscheinlich auch im Burn-out gelandet… oder sogar bei Schlimmerem.
2. Anmerker: Burn-out und Tinnitus als »unsichtbare Leiden« sind ungleich gefährlicher als z.B. sichtbare Verletzungen, im Extremfall sogar als Verluste von Gliedmaßen. Das Umfeld sieht nichts und weiß nicht, wie es damit umgehen soll.
Das hatte ich bei der Schwerhörigkeit schon über Jahrzehnte erfahren. Ich musste immer wieder von Neuem erklären, dass es nichts bringt, wenn die Leute mich dann anschreien, sondern dass sie mich einfach direkt ansprechen sollten, ihren Mund nicht verdecken usw. Ich hatte allerdings gelernt, damit recht offensiv umzugehen.
In der Therapie und folgender Behandlung und eigener »Weiterbildung« in der Problematik von Symptomen, Syndrom und dem Leidensdruck, habe ich gelernt, damit umzugehen, mir selbst einiges vom Druck zu nehmen UND ich hatte das Glück, bei einem Bereichswechsel auf eine Gruppe von Kollegen zu stoßen, die mit mir und meinen Problemen zurecht kamen.
3. Anmerker: Ich war bei einem großen Unternehmen, da ging das. Ansonsten ist es sicher problematisch, aber zu überlegen, in wie weit eine berufliche Veränderung hilfreich sein kann.
Leider wird häufig erst dann auf solche Syndrome aufmerksam gemacht, wenn es den ein oder anderen Prominenten erwischt hat und der dann auch in die »Offensive« geht.
Ich gebe Herrn Weidner absolut recht, der »Normalpatient« wird dabei in den Hintergrund gedrängt; es bleibt nur die Hoffnung, dass zumindest weitere Forschung und Therapie-Maßnahmen einsetzen, die in Zukunft zu besseren Behandlungen führen. Verbesserte Information ist manchmal ein erster Schritt. Leider sind dabei Halb-Informationen und reißerisch aufgemachte Artikel auch an der Regel und können mehr verderben als verbessern.
Abschließend: ein Problem ist dabei auch die Form der Kommunikation. Nicht jeder kann sich gleich gut schriftlich ausdrücken, da helfen auch Smileys und Emoticons nicht immer. Gerade bei solchen Themen (da schließe ich jetzt den Bogen) wie »Leiden« und »Glauben« ist wohl das persönliche Gespräch kaum zu ersetzen, weil persönliche »Gefühle« mit hineinspielen. Das herüber zu bringen kann sehr schwierig sein bzw. man muss sich dazu gut oder sogar sehr gut kennen. Ich hatte Ihre, lieber gw, Darlegungen offenbar teilweise von Anfang an anders aufgefasst als Herr Weidner. (Walther Roeber)

Und nun noch Neues zur Oikodizee. Oder: einige Anmerkung zum Verhältnis von Bürger, Staat und Gesellschaft. Umfangreich, anspruchsvoll, aber die Mühe lohnt sich:

 

Zwei »Ereignisse« haben mich veranlasst, erneut zur Feder zu greifen. Na ja, die Feder ist ja heute eher eine Metapher, ist es seit 150 Jahren. Dennoch: ich greife.
Was hat es mit der Überschrift auf sich? Oikodizee? Eine Wortschöpfung als Parallele zu Theodizee. Die hatten wir im Blog und ich will mich nicht noch einmal dazu äußern. Bedeutet: die Verteidigung des Glaubens an wirtschaftliche Entscheidungen vor dem Forum der theoretischen Vernunft. Und diese, so könnte man sagen, ist genau so gescheitert wie eben die Theodizee. Diese im Angesicht des Erdbebens von Lissabon 1755, jene im Angesicht der Finanzkrise 2008. Der Crash von 2008 sollte für die ökonomische Wissenschaft nun eine ähnliche Rolle spielen wie das Erdbeben von 1755 für die Theodizee. Es ginge also um eine Art Säkularisierung des ökonomischen Wissens. Dies aber würde bedeuten: Ökonomie ist nicht mehr als jede andere Religion: eine Angelegenheit des Glaubens, den es zu verteidigen gilt im Angesicht des in diesem Fall gesellschaftlichen Desasters der Dominanz der Ökonomie in der Gesellschaft.
Frühe Vertreter des Liberalismus haben von der »metaphysischen Würde« der klassischen Wirtschaftswissenschaft gesprochen und verlangt, sie sollte sich von ihren deterministischen Modellen verabschieden. Sie forderten eine zweite ökonomische Aufklärung. Ihre These war durchaus radikal: Sowohl die sozialistische Planwirtschaft wie auch ein liberaler Marktradikalismus operieren mit deterministischen Ideen und glauben, die Zukunft planbar und vorhersehbar machen zu können. Man kann – dies soll hier ausgedrückt werden – daran zweifeln, ob Märkte und Wettbewerb wirklich so ideale und faire Veranstaltungen sind, wie der Liberalismus das annimmt. Geht es nicht eher darum, sich Marktvorteile zu verschaffen? Ist die Kapitalakkumulation nicht ein sehr effizientes Mittel, sich aus dem unbequemen Wettbewerb freizukaufen? Und weiter: für welche Märkte gilt eigentlich der Liberalismus, also der Kapitalismus in der Spielart des 21. Jahrhunderts? Am Ende wohl sicherlich nicht für Dienstleistungen, bei denen man sich keine Marktvorteile verschaffen kann. Also für alle Bereiche, bei denen ein entschiedener Wille der Gesellschaft etwas zu gestalten, mit dem man nicht wirklich Geld verdienen oder verschwenden kann, im Vordergrund zu stehen hat: der Daseinsvorsorge und dem sozialen Ausgleich.
Die Herren Sargent und Sims erhalten nun die Auszeichnung »für ihre empirische Forschung über Ursache und Wirkung in der Makroökonomie«. Heißt es in einer Meldung zur Verleihung des Nobel– Preises für Ökonomie. Beide, so heißt es in Kommentaren weiter, sind weit entfernt von dem Gedanken, dass es Situationen geben könnte, in denen Interventionen des Staates erforderlich werden könnten. Sie vertrauen den weitsichtigen und rationalen Entscheidungen des Marktes. Sie stehen damit in einem krassen Gegensatz zu anderen Ökonomen, mit Bofinger – dem Wirtschaftsweisen – und Hickel aus Bremen. Beide vertreten eher eine Art Neo-Keynesianismus, der die Notwendigkeit staatlichen, also öffentlichen, Handelns in bestimmten Situationen sieht. Und sie bestätigen damit wohl, wie Recht jene frühen Vertreter des Liberalismus haben: auch unsere beiden Nobel-Preisträger vertreten eine Art metaphysischen Determinismus. Klärt sie auf, klärt uns auf. Die Religion hat ihre Aufklärung seit vielen Jahrhunderten erledigt – oder andere haben das für sie erledigt, wie I. Kant – in der ökonomischen Wissenschaft warten wir noch darauf.

Warum schreibe ich das? Wenn schon gut bezahlte und wissenschaftlich ausgewiesene Ökonomen – auch in der Frage etwa des Euro, der Bankenrettung und Griechenlands – so weit auseinander stehen, wie soll denn selbst der interessierte Bürger noch eine Urteil haben, das den Stammtisch verlässt, wenn ihm nichts, aber auch gar nichts erklärt wird. Bankenrettung die Zweite? Nicht erklärt, so wenig, wie die Erste. Und solange das so ist, erlaube ich mir, Zweifel an der Redlichkeit, der Notwendigkeit und Sachbezogenheit von Bankenrettungsschirmen anmelden zu dürfen. Es entsteht der Eindruck, dass zunächst immer noch all das für »alternativlos« erklärt wird; dann aber – weiter nur Eindruck – verdient eine so genannte »Elite« an der Börse oder als Vorstand und Aufsichtsrat, durchaus aber auch in mittelmanagement – ähnlichen Positionen viel Geld an dieser Rettung. Klärt uns angemessen auf oder startet die Aufklärung gegen die Religion des Kapitals. Auch die Causa Griechenland überlassen wir genau so lange der Bildzeitung, dem Stammtisch oder Geschichtenerzählern im Anstoß solange keine ernsthaften Erläuterungen in die Öffentlichkeit kommen. Ich bin ein alter Mann und nicht länger bereit, dieses zu akzeptieren. Ein Wortspiel dazu: Warum werden aus den Losern in den Etagen der Banken Gewinner, während genau darüber die wirklichen Verlierer in einer Gesellschaft auch immer Verlierer bleiben?
Da haben wir zum zweiten den Lokalbezug mit strukturell ganz ähnlichen Sachverhalten. Ich habe, während ich dieses schreibe, eine Pressemitteilung des CDU – Oberen Möller vor mir liegen, und ich befinde mich in der vollständig unerwarteten Lage, die Herren Möller, Haumann und Rausch plötzlich hinsichtlich ihrer Positionen (persönlich bleibt es mir gleichgültig) nicht abwegig zu finden. Herr Möller hat in vielem, was er in seiner neuesten Pressemitteilung schreibt, Recht. Wobei ich allerdings die Seitenhiebe auf das Menschliche in unserer Oberbürgermeisterin nicht mit vollziehe. Die Stadtregierung ist eine einzige Enttäuschung. Man hätte genau so gut bei der alten bleiben können, natürlich ohne Grün. So aber bläht man nicht nur den Verwaltungsapparat heftig auf, sondern lässt auch noch einen nicht schlechter qualifizierten Stadtrat mit – wohl – relativ hoher Dotation seine Freizeit gestalten. Dies mag politisch im Kalkül aufgehen und auch eine Usance sein, für uns Bürger bleibt es ein – um das mindeste zu sagen – erklärungsbedürftiger Vorfall. Nur, erklärt wird gar nichts, allenfalls in dafür geschaffenen Zirkeln aus der selbst ernannten Gießener Elite. Landesgartenschau, Kletterwald, Bahnhofsvorplatz, »fünf statt drei« (das dürfte rechnerisch so etwa hinkommen), keine Beteiligung, dies war versprochen, 350 gefällte Bäume, enttäuschte Sportvereine: das ist die Zwischenbilanz aus der Sicht eines Bürgers, dem man nichts erklärt. Also: Herr Möller liegt richtig, auch wenn er es vermutlich keinen Deut besser machen würde, denn auch die Vorgängerregierung hat nichts erklärt und nicht beteiligt; aber diese hatte es auch nicht so plakativ versprochen.
Ich weiß nicht, wie viele Menschen in Gießen – abgesehen eben von jener Lokalelite – die Gartenschau oder den Kletterwald wirklich wollen. Wenn man etwas erklärt, dann mit ökonomischen Win – Win – Geschäften. Wie in der großen Politik, bei der ich ja eben noch war. Es kann ja sein, dass das alles wichtig und notwendig ist, dass sogar die Stärkung der Führungsmannschaft in der Stadt zur Unterstützung der Hauptamtlichen im Interesse einer guten Stadtpolitik notwendig ist, dass die Gartenschau wirklich gut und nützlich ist; aber: die Kaltschnäuzigkeit, mit der all das verbreitet und vertreten, oder eben nicht vertreten, wird ohne hinreichende Erklärungen – das verstört doch. Ich persönlich will all das nicht; und ob es noch viele andere gibt, die es ähnlich sehen, weiß ich nicht. Wenn doch: dann »tut was«. Die versprochene Beteiligung ist das jedenfalls nicht. Und die Ökonomie rechtfertigt nicht, auf keinen Fall, die Verschandelung des Schiffenberg und die vollständige Umgestaltung Gießens zugunsten eines nur für Minderheiten interessanten Megaevents.
Hier zwei Stellungnahmen, die skizzieren könnten, was in der Ökonomie auf dem Spiel steht, wie unterschiedlich man die Dinge sehen kann und wie dringend die Gefühle aufgeklärt werden müssen:
Prof. Rudolf Hickel, Bremen, am 29.9.11 an die Vorsitzende des Haushaltsauschusses des Bundestages:
Schließlich muss… die Sanierungsstrategie von einer die Gesamtwirtschaft belastenden Einsparstrategie (Austeritätspolitik) auf einen Ausbau einer modernen Wirtschaftsstruktur mit dem Ziel der nachhaltigen Stärkung eines ökologisch fundierten Wirtschaftswachstums, umgeschaltet werden. Griechenland zeigt, wie durch tief greifende Kürzungen der Staatsausgaben und die Erhöhung von Massensteuern die Binnenwirtschaft in die Rezession gezwungen wird. Geht die gesamtwirtschaftliche Produktion in Folge der Einlösung der Zielgröße Senkung der Neuverschuldung schneller zurück, dann muss am Ende die Defizitquote steigen. Diese Rezessionsspirale kann nur durch eine Stärkung der Wirtschaftsaktivitäten durchbrochen werden.
Prof. Clemens Fuest, Universität Oxford aus eben diesem Anlass:
Es besteht allerdings die Gefahr, dass die erweiterten Mittel des EFSF nicht zur Flankierung eines Schuldenschnitts oder zur Überbrückung vorübergehender Liquiditätsprobleme eingesetzt werden, sondern zur dauerhaften Unterstützung überschuldeter Staaten und letztlich schrittweise zur Errichtung einer Transferunion, in der einzelne Mitgliedsstaaten die Kosten übermäßiger Staatsverschuldung auf andere abwälzen und die Staatsverschuldung insgesamt weiter anwächst. Damit einher geht das Problem, dass die Erweiterung der Rettungsschirme die Anreize für die Mitgliedsstaaten untergrübt, Anstrengungen zu unternehmen und notfalls unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, um ihre Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen.
Der eine Ökonom unterbreitet hilfreiche Vorschläge, wie Strukturreformen ohne Gefahr für die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt und ihre Weiterentwicklung in Angriff genommen werden können, der andere warnt nur und äußert einen Verdacht. Welch Unterschied. Und wieder: wir bitten um Aufklärung. Stammtischökonomie vs. vernünftiges Handeln im Angesicht der Krise. (Hans-Ulrich Hauschild)

Baumhausbeichte - Novelle