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Dienstag, 11. Oktober, 16.15 Uhr.

Als begeisterter Stammleser Ihrer Kolumnen, die zum Glück nicht nur mit Sport zu tun haben und deren Fundiertheit zum einen und deren sprachliche Gewandtheit zum anderen ich sehr schätze, fühlte und fühle ich in zunehmenden Maße das Bedürfnis, Ihnen eine Rückmeldung zur Behandlung des Themas »Burnout« im »Anstoß« zu geben. Dies tue ich heute als Betroffener, der ich, obwohl weder Promi, noch Spitzensportler, noch Topmanager, sondern nur Angestellter, Familienvater und Normalbürger, Anfang des Jahres von dieser »Modekrankheit« erwischt wurde, jetzt im zehnten Monat arbeitsunfähig bin und mich nun in der beruflichen Wiedereingliederung in das Berufsleben zurückkämpfe. Insofern mag es bei meiner Rezeption der einschlägigen Passagen in Ihren Kolumnen gewisse Sensibilitäten geben. Jedenfalls habe ich das Gefühl, daß Sie das Thema »Burnout« nicht sehr ernst nehmen. Wenn dies so wäre, weil Sie nicht auf gewisse Modethemenzüge mit aufspringen wollen (u.a. zwei SPIEGEL-Titel und ein SPIEGEL-Wissen-Heft, mind. Ein FOCUS-Titel, mind. zwei STERN-Titel in diesem Jahr), könnte ich das verstehen. Wenn es darum geht, den Medien-Hype um prominente Betroffene wie eben Ralf Rangnick – zu dem ich im folgenden noch komme – zu kritisieren, hätten Sie meine volle Sympathie. Wenn es so wäre, daß in irgendeiner Ecke Ihrer sonst so empathischen Persönlichkeit doch die Vorstellung haust, daß Burnout gerade in Mode und daher keine ernstzunehmende Entwicklung ist, fände ich es sehr schade. Daß ich aus Ihren Texten nicht ableiten kann, ob einer der o.g. Aspekte oder vielleicht noch ein ganz anderer Sie leitet, mag schon eine Rückmeldung an Sie sein. Darüberhinaus würde ich Ihnen gerne aus der Sicht eines Betroffenen einige Denkanstöße geben.

1) Definition »Burn-out-Syndrom« (Quelle: WIKIPEDIA)

»Burnout ist keine Krankheit mit eindeutigen diagnostischen Kriterien …, sondern eine körperliche, emotionale und geistige Erschöpfung aufgrund beruflicher Überlastung und wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht bewältigt werden kann.  Die ersten wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema wurden 1975 vom amerikanischen Psychiater Herbert Freudenberger und 1976 von der Sozialpsychologin Christina Maslach (University of California) geschrieben … . In diesen grundlegenden Arbeiten wird das Burnout-Syndrom als Reaktion auf chronische Stressoren im Beruf beschrieben. Es hat drei Dimensionen: (1) eine überwältigende Erschöpfung … durch fehlende emotionale und physische Ressourcen (Energien) als persönlicher Aspekt, (2) Gefühle des Zynismus und der Distanziertheit … von der beruflichen Aufgabe … als zwischenmenschlicher Aspekt und (3) ein Gefühl der Wirkungslosigkeit … und verminderter Leistungsfähigkeit als Aspekt der Selbstbewertung (Selbstbild)…“

Sie sehen: so neu ist der Begriff »Burnout« nicht und eine Krankheit ist er auch nicht, sondern ein Syndrom. Dieser Begriff stammt, wie Sie als Freund der Hellenen sicher wissen, aus dem Griechischen:

»Das Syndrom (griechisch syn~: zusammen~, mit~ und drómos: der Weg, der Lauf) ist in der Medizin und Psychologie das gleichzeitige Vorliegen verschiedener Symptome (= Krankheitszeichen) deren ätiologischer (= ursächlicher) Zusammenhang mehr oder weniger bekannt ist oder vermutet werden kann, aber die Pathogenese (= Entstehung und Entwicklung) nicht.« (Quelle: WIKIPEDIA)

Diese verschiedenen Symptome sind nach meiner Beobachtung bei mir und bei Mitpatienten zum einen schulmedizinisch teils nicht erklärbare körperliche Beschwerden wie z.B. Hörsturz, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Magenschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, starkes Schwitzen, allgemeine Abgeschlagenheit, zum anderen psychische Probleme wie Panikattacken, Phobien oder Depressionen.

2) Rolf Rangnick (R.R.) und »Otto Normalpatient« (O.N.)

Den Medien konnte ich – kurzgefaßt – entnehmen,

· daß R.R. die Entscheidung getroffen hätte, wegen starker Erschöpfung eine Pause zu machen

· daß Vorstand, Spieler, Trainerkollegen Respekt und Anerkennung bezeugten

· daß der Schalker Mannschaftsarzt meinte, daß R.R. in einigen Monaten wiederhergestellt sei, «… nach einer Zeit kann der Betroffene wieder auf ganz normalem Niveau arbeiten.« (Rarreck, Thorsten, zitiert in Theweleit,Ddaniel, »Schalke 04: Rangnick zieht die Reißleine«, in: Stuttgarter Zeitung v. 22.09.2011). Man hätte da tolle Programme.

Wenn R.R. einen richtigen Burnout hat, entscheidet er erst mal gar nichts mehr. Er hatte gar keine Alternative als die »Pause«, in der er hoffentlich wirklich in Ruhe gelassen wird und die richtige Behandlung findet. Ich erlaube mir anzumerken, daß es R.R. als Einkommens- und Vermögensmillionär deutlich leichter hat, mal eine Pause einzulegen als O.N., der von seinem Gehalt eine Familie ernähren muß und es sich eigentlich nicht leisten kann, nach sechs Wochen auf Krankengeld gesetzt zu werden.

Ich finde es auch schön, daß R.R. soviel Anerkennung und Respekt für seine Entscheidung bekommt. Ein 57 Jahre alter Mitpatient in meiner Reha wurde während der Reha-Maßnahme arbeitslos, weil sein Arbeitgeber die Chance nutzte, seinen befristeten Arbeitsvertrag nicht mehr zu verlängern. Da war es mit Respekt und Anerkennung nicht weit her.

Zum Glück hat R.R. einen Mannschaftsarzt, der tolle Programme für die Burnout-Behandlung kennt. O.N. muß auch viel Glück haben: einen Arzt zu finden, der die Symptome erkennt (und sich nicht scheut, eine »Modekrankheit« zu diagnostizieren), einen Facharzt zu finden, der Termine für Kassenpatienten hat. der Zeit hat zum Zuhören und Kenntnisse über die richtigen Medikamente, einen Psychotherapeuten zu finden, der Kassenpatienten behandelt und »schon« innerhalb der nächsten drei Monate mit der Therapie beginnen kann, und schließlich eine Rehabilitationsmaßnahme zu bekommen. Dazu braucht er neben Glück Eigeninitiative und auch Durchsetzungsvermögen; Eigenschaften also, die gerade bei diesem Krankheitsbild verloren gehen.

Ich finde es mutig, daß R.R. so offen mit seiner Krankheit umgeht, läuft er doch Gefahr, in die »Psycho-Ecke« gestellt zu werden (wie O.N. auch). Meine Befürchtung ist, daß hier falsche Schlußfolgerungen gezogen werden: kommt vor, Behandlung läuft wie auf Schienen, in ein paar Monaten alles wieder o.k., Freunde und Kollegen passen schon auf.

Bei O.N. ist das nicht der Regelfall. Diese Krankheit ist sehr tiefgreifend. In der Reha wurden wir immer wieder vor die Frage gestellt: »Wollen Sie hier nur auftanken und weiterfahren oder wollen Sie auch mal über Ihre Fahrweise nachdenken?« Nach meiner Erkenntnis muß ein Betroffener seine »Fahrweise ändern«, wenn er nicht zu den 30% der Patienten gehören will, die einen Rückfall erleiden (zur Rückfallquote Quelle: Bayerischer Rundfunk, Fernsehen, Sendung « Gesundheit!« am 04.10.2011, 19:00).

Lieber gw, ich hoffe, daß ich Sie jetzt nicht mit Informationen überschüttet habe, über die Sie längst verfügen oder die Sie gar nicht haben wollten. Ich schließe mit dem Zitat eines Satzes von Sven Hannawald, den er so oder so ähnlich in der letzten Woche bei einer einschlägigen Ausgabe der Talkshow »Maybritt Illner« gesagt hat:

»Wer einen richtigen Burnout hat, macht darüber keine Witze.« (Matthias Weidner)

Herzlichen Dank für Ihre wichtigen und mich berührenden Ausführungen. Ich kann Ihnen nur zustimmen, und wenn ich es richtig sehe, liegen wir nicht nur nicht weit auseinander, sondern auf gleicher Wellenlänge. Wäre es nicht so, würde ich die Auseinandersetzung mit Kritik nicht scheuen, das gehört einfach dazu. Ich habe nachgeschaut, was ich zuletzt (26. September) dazu geschrieben habe (das in Bezug auf Ihre Mail Entscheidende fett hervorgehoben):

»Burnout, eine Vorstufe zur Depression, ist eine schlimme Sache. Mitgefühl für alle, die daran leiden. Aber dass seit Deisler und Enke daraus eine Volkskrankheit wurde, neun Millionen Deutsche betroffen und 15 Prozent aller Krankschreibungen darin begründet sind (und ein großer Prozentsatz der Frühverrentungen), lässt ahnen, dass Rangnicks Fall diese Zahlen weiter erhöhen wird. Für die einen schweres Schicksal, für andere bequemer Ausweg? Zumal die Krankheit nicht so leicht zu diagnostizieren ist wie ein, nun ja, Schlüsselbeinbruch. Wenn aus dem Burnout eine Modekrankheit wird, geht das letztlich zu Lasten derer, die nicht den Ausweg suchen, sondern sich abgrundtief ausweglos fühlen.«

Ich kenne mich weder aus eigener Erfahrung noch aus intensiver theoretischer Beschäftigung mit dem Thema aus, könnte mir aber vorstellen, dass dieses Sich-abgrundtief-ausweglos-Fühlen (mit den Komponenten geistige Lähmung, Entschlusslosigkeit) wichtige Symptome eines, ja, Syndroms sind, unter dem zu leiden ich mir fürchterlich vorstelle (und das in lebensbedrohliche Depression münden kann). Um so schlimmer, wenn es Menschen gibt, die solche Symptome – des eigenen Vorteils wegen und/oder weil es ein recht bequemer Ausweg in manchen schwierigen Lebenssituationen sein kann – nur vorgeben oder stark übertreiben (in milderer Form lauern sie wohl latent in uns allen). Der einzige Dissens, den ich zwischen uns sehen könnte, ist meine Vermutung, dass es, je mehr darüber in der uns bekannten Aufmachung und Art berichtet wird, die Zahl der Trittbrettfahrer steigen wird und auch schon deutlich gestiegen ist. Und das eben, auch nur meine Meinung, letztlich zu Lasten derer, die nicht den Ausweg suchen, sondern sich abgrundtief ausweglos fühlen.
Ich würde Ihre Mail, meine Antwort und Ihre eventuelle Reaktion gerne in den Blog zur Kolumne stellen und am Samstag im »Sport-Stammtisch« darauf hinweisen. Sind Sie einverstanden?

Da sehen Sie mal, wie selektive Wahrnehmung wirken kann. Den von Ihnen zitierten Text habe ich natürlich auch gelesen, aber nicht in dem von Ihnen gemeinten Sinne verstanden, obwohl doch sehr klar formuliert. Die von Ihnen geäußerte Befürchtung des Surfens auf der Burnout-Welle ist nicht von der Hand zu weisen. Wie hoch der Anteil der »Surfer« an der Gesamtzahl der Betroffenen ist, läßt sich naturgemäß nicht sagen. Ich kann mir allerdings schlecht vorstellen, daß jemand dieses Syndrom ausschließlich simuliert, denn das würde großes schauspielerisches Talent, verbunden mit der Bereitschaft, absichtlich schlechte Arbeitsleistungen abzuliefern, erfordern. Und bei allen möglichen Untersuchungen bis hin zur Reha-Maßnahme kann man jederzeit auffliegen.
Tatsächlich vorhandene Symptome in diese Richtung zu deuten, erscheint mir näherliegend. Ob das schlecht oder gut ist, vermag ich nicht zu sagen, denn wir kennen ja nicht die Dunkelziffer der nicht erkannten Erkrankungen. Wenn es also eine erhöhte Sensibilität gibt, die letztlich zur richtigen Behandlung führt, wäre das ja nicht schlecht.
Insgesamt würde ich es begrüßen, wenn durch die Fälle »Rangnick« oder auch »Hannawald« das Verständnis für die Betroffenen wächst. Wichtig dabei ist mir, daß wir ja nicht neun Millionen erkrankte Top-Manager, Promis und Spitzensportler haben, sondern daß offensichtlich auch ganz »normale« Menschen betroffen sein müssen, die noch unter ganz anderen Zwängen stehen als die prominenten Kranken. Die sind mir in der letzten Zeit in der Berichterstattung zu kurz gekommen.
Ich schätze es sehr, wie Sie mit uns Lesern umgehen und daß Sie so individuell auf Feedback reagieren. So werde ich zum noch begeisterteren (ist das korrekt?) Leser. Gerne können Sie unseren kleinen Austausch auf Ihrem Blog veröffentlichen.  (Matthias Weidner)

Dankeschön. Kleine Änderung: Der Hinweis auf diesen Dialog (mit kurzen Auszügen) soll schon am Freitag im Blatt erscheinen, in einer Kolumne, die Zeitungsleser auf dieses Thema und auch andere hinweist, die parallel zur Druckausgabe in “Sport, Gott & die Welt” oder auch nur dort (von Theodizee bis Tanklager) eine Rolle spielen.

Baumhausbeichte - Novelle