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Montag, 10. Oktober, 17.35 Uhr.

Soeben die berührende Mail eines Kolumnen-Lesers aus Lollar zum Thema Burnout (und wie ich in der Kolumne darauf eingegangen bin)  gelesen und beantwortet. Wenn er zustimmt, veröffentliche ich den Dialog im nächsten Blog.

In der ”Ohne weitere Worte”-Kolumne (siehe Link “gw-Beiträge Anstoß) zitiere ich u.a. das Streiflicht der Süddeutschen, den neuen Schriftsteller-Stern Jan Brandt (den dicken Roman gekauft, wenn Ruges DDR-Buch ausgelesen ist, gehe ich ran, mit großen Erwartungen) sowie den Archäologen Raimund Wünsche. In allen drei Veröffentlichungen habe ich auch andere Passagen notiert, die ich liebend gerne in OWW übernommen hätte. Sie sind aber zu lang, würden den Layout-Rahmen sprengen. Und das ist der Vorteil des Blogs: Hier passt alles rein. Quod erit demonstrandum (sagt die hochgestapelte Mittelmäßigkeit mit Angeber-Stolz auf das Tempus):

Fanden Sie es bei den Philharmonikern nicht auch so herrlich, wie das dreigestrichene C im Raum stand? Was halten Sie eigentlich von unserem Theaterintendanten und dessen metaphorischer Zerstörungskraft? Kennen Sie Treidlhubers Werk über zu Unrecht vergessene Pioniere des inhaltsloses Reims? Das sind Fragen, von den Besserwissern lässig vorgebracht, die sich niemand gerne stellen lässt. Vor allem dann nicht, wenn sich der eigene Kulturbegriff auf den Besuch von Heimspielen der Borussia beschränkt und man insgesamt eher der philharmonieferne Typ ist, der das hohe C als Mittel gegen die Spätfolgen des Oktoberfests begreift. (SZ-Streiflicht)

Ich hatte nicht mit der schriftstellerischen und sozialen Inkompetenz und der demoralisierenden Aura meiner Mitstipendiaten gerechnet.  Der eine erzählte mir stundenlang von seiner traurigen DDR-Kindheit (Eltern, Alkoholiker, Heimkind, NVA-Dienst). Als ich gerade ansetzte, dem ein anderes Klischee, meine wundervoll privilegierte BRD-Kindheit, gegenüberzustellen, sagte er: “Du musst mir nichts von dir erzählen, das interessiert mich sowieso nicht.” (Jan Brandt in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Vielleicht ist die Krise die einmalige Chance, das alte System zu ändern. Wie das funktioniert, beschreibt ein Witz, der in Griechenland kursiert. Petrus will die Himmelspforte renovieren und holt dafür drei Angebote ein. Der Albaner verlangt 600 Euro - 200 für die Farbe, 400 für die Arbeit. Der deutsche Handwerksmeister will tausend Euro – 300 für die Farbe (bei der Himmelspforte muss es Qualitätsfarbe sein), 300 für die Arbeit und 400 für Steuer und Versicherung. Der Grieche will 3000 Euro  und erklärt dem geschockten Petrus, warum: “Tausend für mich, tausend für dich, zweihundert für die Farbe, fünfhundert, damit der Deutsche sein Angebot zurückzieht – und dreihundert für den Albaner – irgendwer muss die Arbeit ja machen.” (Raimund Wünsche im FAZ-Interview)

Wird im Blog gebunkert, daraus werde ich mich noch bedienen, entweder in der Anstoß-Kolumne oder in der Nach-Lese im Feuilleton, demnächst als mm-Urlaubsersatz.

Die Wer-bich-ich?-Frage von Dr. Hans-Ulrich Hauschild ist noch nicht beantwortet. Walther Roeber tippt auf Prinz Charles, ich selbst habe immer noch keine Ahnung, obwohl Dr. Hauschild neue Hilfestellung gibt:

Zu meinem “Rätsel”: Ich hätte vielleicht hinzufügen sollen: Wer mich noch nicht kennt, erfährt mehr von mir und meinen geistigen und moralischen Kapazitäten, wenn er die “Baumhausbeichte” liest.

Nee, ich habe nicht den geringsten Anhaltspunkt. Wenn kein Blog-Leser hilft. werde ich Dr. Hauschild um Auflösung bitten.

Ich wundere mich über Ihren Ehrgeiz, das Feld der Teilnehmer punktemäßig auseinander zu ziehen. Einmal hatten Sie ja eine Frage, die nur von fünf (sechs, mit Ihrem Kollegen?) Personen richtig beantwortet worden ist, die nach Frank Bascombe. Diese Personen stellen die jetzige absolute Spitzengruppe. Aber insgesamt hat die Bascombe-Frage etwas Verdruss ausgelöst, wenn ich es richtig deute. Und das war bestimmt nicht Ihre Intention, als Sie mit dem Spiel begonnen haben.
Sagen wir so: Sie haben keine “Ausreißer”, sondern einen Peloton, der größer ist, als Sie vorher erwartet haben. Ist doch prima, wenn so viele Leute erfolgreich Spaß an der Rätselei finden, oder?
Das alles hat auch etwas mit Ihrem Aufsatzthema “Der Zweite ist der erste Verlierer” zu tun, einem Satz, den Sie ja nicht gelten lassen, wenn ich Sie richtig verstanden habe.
Sie könnten weniger richtige Antworten provozieren, wenn Sie ein strenges Zeitlimit gäben. Da ja der Zeitpunkt der Kenntnisnahme der Frage nicht festgelegt ist, ist das aber nicht befriedigend.
Ich neige dazu zu sagen: Lassen Sie alles, wie es ist – als ein Spiel, eine zweckfreie, lustbetonte Beschäftigung, die die “grauen Zellen” anregt, zu manchem Erkenntnisgewinn führt, also einfach Spaß macht. Und wenn es Ihnen selbst keinen Spaß mehr macht, hören Sie auf. (Sylvia Börgens)

So machen wir’s! Dr. Börgens sei gedankt, sie hat mich überzeugt. Kein zwanghaftes Selektieren, lieber bleibe ich bei dem, was Dr. Hauschild schreibt:

Das Ganze hat aber eben auch damit zu tun, dass Ihr Anstoß geradezu ein “höheres Indianerspiel” (Odo Marquard) ist, ein Spiel für halbwegs Erwachsene, die aber in Ihrer Seele Kind geblieben sind; das Beste, was ein erwachsener Mensch auch sein kann.

Bliebt mir nur noch die kleine Hoffnung, dass Dr. Hauschild und Dr. Börgens, zwischen denen es im Blog eine Irritation (Thema Theodizee) gab, diese vielleicht doch noch halbwegs ausräumen.

 

Baumhausbeichte - Novelle