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Montagsthemen (vom 10. Oktober)

Unterschied zwischen Marx, Lenin, Falco, Schwarzenegger und Sebastian Vettel: Der Hesse baut sein Denkmal selbst. Die Denkmale der anderen wurden von Fans errichtet. Das kleinste der vier, obwohl lebensgroß, steht im Kurpark von Gars in Niederösterreich und ehrt den Sänger Falco. Von Gars über Graz nach Thal: Dort wurde an diesem Wochenende fast gleichzeitig ein überlebensgroßer (ca. drei Meter) großer Bronze-Arnie enthüllt, im Garten von Schwarzeneggers Geburtshaus. Mickrig klein allerdings gegen die Karl-Marx-Porträtbüste in Chemnitz, 40 Tonnen schwer und 7,10 Meter gesichtshoch. Chemnitz hat seinen alten Namen Karl-Marx-Stadt zwar gerne abgegeben (allerdings nicht ganz so gerne wie Wolfsburg sein »KdF-Stadt«), blieb aber stolz auf den größten Stein-Kopf der Welt. Bis Chemnitz jetzt erfuhr, dass Ulan Ude einen 7,70 Meter hohen und 42 Tonnen schweren Lenin-Kopf besitzt (wobei »Ulan Ude« eine russische Stadt ist und nicht der Kampfname des SPD-Spitzenkandidaten in Bayern). Größer als alle diese realen Denkmale aber ist das virtuelle unseres außergewöhnlichen hessischen Landsmannes, der an anderer Stelle im Blatt noch gebührend gefeiert wird.
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Zwischen den Länderspielen und ohne Bundesliga die Rest-Nachrichtenlage gecheckt – gescheckt. In Saragossa nimmt ein Stier sein Recht auf zivilen Ungehorsam in Anspruch und durchbohrt mit einem Horn das Gesicht des Toreros, der ihm den Degen zwischen die Augen stecken wollte. Wird sobald nicht wieder vorkommen, denn Stierkampf ist auch in Spanien out, dazu bedarf es nicht einmal des kommenden Verbots, denn kaum ein Spanier geht noch hin. Die Anfänge des Desinteresses an ihrem ureigenen »Sport« habe ich selbst erlebt, vor einem Dutzend Jahren in Sevilla, am Rande der Leichtathletik-WM: Viertelvolle Arena, in der vor gelangweilt wirkenden Zuschauer und mit müder Routine der Akteure Stier um Stier abgestochen wurde.
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Toter als der Stierkampf ist bald nur der Kampfstier selbst, denn der »toro de lidia«, eine eigene Rasse, entstanden aus alten keltischen Beständen und dem germanischen Auerochsen ähnelnd, wird bei totalem Stierkampf-Verbot nicht mehr gezüchtet und daher aussterben. Ein Schicksal, das auch einigen anderen Tierarten droht, wenn wir alle Vegetarier werden.
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Dann gibt es Rind und Schwein nur noch als Denkmal, lebendig lediglich, weil sie als Vergleiche hinken. Immerhin weniger hinkend als die Vergleiche der Eisschnellläuferin Pechstein. Die in eine komplizierte Doping-Affäre verstrickte vielfache Olympiasiegerin griff nach dem Tod von Robert Enke peinlich daneben, als sie ihre Lage mit der Gemütsverfassung des Torwarts vor dem Suizid verglich. Hintersinn: Wenn ihr mich weiterhin so behandelt, dann … seid ihr dran schuld! Nun vergleicht sie sich nicht weniger peinlich mit Amanda Knox. Oder ist der Vergleich ein (sich selbst) treffender? Der »Engel mit den Eisaugen« leugnete das, wovon fast alle überzeugt waren, so lange, bis er mangels gerichtsfester Beweise freigesprochen wurde.
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Schlusswort dieser »gescheckten« Kolumne, gesprochen von Edmund Husserl (kein Leser von uns, sondern Begründer der Phänomenologie): Echte Erkenntnis ermöglicht »erst der allseitig entschränkte Horizont«. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle