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Sport-Stammtisch (vom 8. Oktober)

Vor dem Türkei-Spiel bereicherte der »Kicker« die Integrationsdebatte, indem er ein altes Kanzlerinnen-PR-Bild (das mit dem nacktbrüstigen Özil) überraschend neu interpretierte: »Gelungene Integration: Angela Merkel besuchte Mesut Özil in der Kabine.« Merkel kann sich eben gut integrieren. Sie hat ja auch nach der Wende erfolgreich geübt.
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Der Courage-Preis der Woche geht an Gonzalo Castro. Der Leverkusener schießt das 1:0 gegen Wolfsburg, läuft demonstrativ zur Bank und umarmt den Kollegen Renato Augusto, über den Bayer-Boss Wolfgang Holzhäuser zuvor öffentlich gelästert hatte, er sei nur ein »Alibi-Fußballer«. Später setzt Castro verbal einen drauf: Er glaube nicht, dass Holzhäuser dies gesagt habe (obwohl er wusste, dass er’s gesagt hatte), denn: »Herr Holzhäuser weiß, dass man sowas nicht in der Presse sagt. Sowas muss man unter vier Augen besprechen.« Eine Ohrfeige mit Stil.
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Wolfsburg? Da war doch noch was? Ach so, ja: Schon zum dritten Mal fährt ein ICE an der vorgeschriebenen Haltestelle Wolfsburg vorbei. In dieser Woche Anlass für viele hämische Glossen. Nicht bei uns! In unserer Kolumne wurde schon viel Gift verspritzt gegen die KdF-Stadt, aber jetzt halten wir’s mit dem alten Spruch, dass nicht einmal Pferde auf jemanden treten, der am Boden liegt. Wir wiehern nur leise vor uns hin.
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Überflüssigste Frage der Woche: Waren unsere Wembley-Helden 1966 gedopt? Minimale Spuren von Ephedrin seien bei drei deutschen Spielern gefunden worden, wird jetzt nach obskurer Faktenlage kolportiert. Die sachlich und rechtlich unsinnige Debatte »injorier« ich erst gar nicht, freue mich aber für die »Sun«, die das Thema genüsslich aufarbeitet (obwohl sie sonst mit anderen Bällen jongliert) und feixend die Begründung nachlegt, warum die Deutschen den Ball nicht hinter der Linie gesehen hatten: Weil sie high waren und alles doppelt sahen.
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Beitrag zum Griechen-Bashing: In Bremen spielt ein Werder-Profi namens Sokratis Papastathopoulos, und weil das niemand außerhalb Griechenlands unfallfrei aussprechen kann, taufte ihn Werder kurzerhand und offiziell in »Sokratis« um, nicht ohne die Fans per Pressemitteilung wissen zu lassen, wie sie bei der Verlesung der Aufstellung zu reagieren haben: Wenn der Stadionsprecher »So ….« ruft, sollen die Fans vollenden: »…kratis«. Gratis also. Umsonst, wie die Griechen von uns Geld kriegen? Umsonst im doppelten Sinn? Nein, »gratis« heißt ja wörtlich »für den Dank«. Den kriegen wir allerdings auch nicht, denn die Griechen kriechen nicht vor Dank, sondern bekriegen uns.
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Aber deutscher Hochmut kommt vor dem Fall. Ein hochrangiger Polizist führt einen Prozess gegen den Freistaat Bayern, den er auf Dienstbefreiung verklagt – für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in der Unterwasserfotografie in der Türkei. Man einigt sich auf einen Vergleich: nur zwei Tage Dienstbefreiung. Hart für den Polizisten, denn er war bei den Unterwasserfoto-Weltmeisterschaften 2005 und 2009 noch komplett dienstbefreit. Wenn das mal nicht zum Burn-out führt!
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Der ist übrigens mittlerweile auf Platz eins der Liste deutscher Krankschreibungen angekommen (stinknormale Arbeitsunfälle nur noch auf Platz zwei). Ob’s am immer härter werdenden Arbeitsleben, an der PR-Arbeit vieler Titelgeschichten oder an Trittbrettfahrern liegt? Statt einer Antwort der Witz, über den laut Witzforschung jeder lacht: Zwei Männer unterhalten sich. Sagt der eine: »Manchmal frage ich mich, was schlimmer ist: Ignoranz oder Apathie.« Sagt der andere: »Das weiß ich nicht, und es interessiert mich auch nicht.«
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Wort der Woche, vom tauchenden Polizisten, der seinen Sport als perfekten Ausgleich lobt: »Unter Wasser spricht mich keiner an.« Und wenn Sie, liebe Leser, beim Behördengang wieder einmal keinen Ansprechpartner finden, wissen Sie jetzt: Abgetaucht! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle