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Wer bin ich? (17. Runde)

Zerknirscht muss zugegeben werden, dass in den bisherigen 16 Runden die Frauen krass unterrepräsentiert waren, zumal »Halla« als einzige zu erratende »Frau« nicht so richtig als Entlastungszeugin anerkannt wird. Wer als Kolumnist immer wieder von seiner »liebsten Zielgruppe« schreibt, sollte mehr Frauen in die Rätselrunde bringen. Also Frauenquote? In unserer Kolumne? Schon heute? Drei sehr viel leichter zu beantwortende Fragen als die folgende: Wer ist Nummer 17?
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Als Sportler war ich nicht bekannt, aber aktiv: Ich lief ausdauernd auf Skiern, spielte in einem bei uns beliebten Mannschaftssport und boxte auf ebenfalls passablem Niveau. Auch auf meinen Reisen von Afrika bis in die Antarktis waren sportliche Fähigkeiten nützlich, ebenso in einem Krieg, in dem ich mitmischte, wofür ich sogar geadelt wurde. Mit dem Sport in Verbindung gebracht werde ich aber bis heute durch eine Ente. Eine Zeitungsente. Ich saß auf der Pressetribüne und sah … nichts. Noch nichts. Gelangweilt schaute ich mir den Fotografen an, der hinter seinem Ungetüm von Stativkamera stand und auf das wartete, was kommen sollte. Und dann geschah das Erstaunliche, das Entsetzliche, aber auch das Großartige, und dennoch beziehungsweise gerade deswegen musste der Fotograf fast zehn endlos lange zehn Minuten warten, bis er die Szene im Kasten hatte. Der Fotograf bekam sein Bild, und zu den Mythen der Sportgeschichte gehört, dass auch ich darauf zu sehen sein soll, bei einer verbotenen Aktion. Die Zeitungen schrieben die Falschmeldung voneinander ab, bis sie nach Jahrzehnten als gesicherte Wahrheit galt. Und gilt. Denn viele glauben noch heute daran, so wie auch ich einst an die Echtheit von Fotos glaubte, auf denen Feen zu sehen waren. Natürlich gibt es Feen, daran zweifle ich noch immer nicht, hier oben fliegen genug davon herum, aber damals hat mich ein Fälscher reingelegt, was mir angesichts des Berufes, den ich auf Erden ausüben ließ, doch ein wenig peinlich ist.
Auf dem legendären Sportfoto ist ein Regelverstoß zu sehen, der fast exakt der Definition von Doping entspricht: eine verbotene »leistungsunterstützende« Maßnahme, allerdings nicht unphysiologischer Art, sondern sehr menschlich. Doping kannten wir auch gar nicht, denn es gab noch keine Dopingregeln. Wegen Strychnin wurde also niemand disqualifiziert, auch nicht wegen Kokain, was einem, nun ja, Teil von mir sehr gelegen kam, denn so, wie Daniel Düsentrieb sich mit einem Hammer auf den Kopf schlug, um sein Denkvermögen zu steigern, ließ ich das gleiche mit Kokain tun, eine weniger schmerzhafte Methode, zumal ich als Arzt wusste, wie man es dosierte und injizierte – zum Beispiel einem Mann, der viel bekannter ist als ich, aber ohne mich gar nichts wäre. Die Frage ist also nicht, wer ist er, sondern: Wer bin ich?
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Zu schwierig? Zu leicht? Vermutung: Schwieriger als Röhrl, leichter als Bascombe, die zuletzt zu Erratenden. Einsendeschluss: 31. Oktober. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle