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Mittwoch, 5. Oktober, 12.30 Uhr.

Die 17.Wer-bin-ich?-Runde ist geschrieben und wird in Kürze online gestellt. Muss zuvor noch einige Google-Tests machen. Zwei Wörter habe ich schon gelöscht, da sie per Suchmaschine sofort zur Lösung führten. Apropos gelöscht: Prof. Gerhard Treutlein bittet darum, die in unserem Mail-Dialog zitierten Zeilen der Kommissions-Vorsitzenden zu löschen. Wird sogleich erledigt. Es folgt eine (wie er sagt: letzte) Stellungnahme von Dr. Hans-Ulrich Hauschild zu jenem anspruchsvollen Thema, bei dem ich aus Respekt und Selbstbescheidung nicht dazwischenquatsche.

Den Begriff Bashing weise ich scharf zurück, weil ich Frau Käßmann nicht in einem pejorativen Sinne öffentlich beschimpft habe, sondern lediglich eine, wenn auch etwas pointiert formulierte, Gegenmeinung, die eine Teilnehmerin an diesem Blog zuletzt  ja übrigens zu meiner Verwunderung trotz ihres Bashing – Vorwurfes  auch noch bestätigt hat, geäußert habe – und dies in einem sachlichen Zusammenhang, nämlich der Gnaden- und Prädestinationslehre Martin Luthers, zu der ich allerdings in tiefem Misstrauen stehe. Warum, ja das eben ist eine Frage der Theodizee, wie ich finde.

Im Übrigen ist Theodizee keineswegs die Frage nach der „Rechtfertigung Gottes“, sie war an ihrem aufklärerischen Ursprung die Frage der der Rechtfertigung des Glaubens vor dem Forum der theoretischen Vernunft  an einen gütigen und allmächtigen Gott im Angesicht moralischer und physischer Übel und ist in ihrem Kern eine Auseinandersetzung zwischen Theismus und Atheismus. Diese Frage ist nicht still zu legen, durch keine Auflösung dieser logischen Widerspruchsproblematik, welche Auflösung  entweder durch Depotenzierung der Allmacht Gottes, durch die Relativierung der Güte Gottes oder, dies ist das Übliche und eben jene Bonisierung des Übels, von der ja am Ende auch die Blogteilnehmerin in ihrem Beispiel (fundamentalistisches Christentum) spricht und die sie ebenfalls offenbar und mit Recht abscheulich findet. Umso weniger verstehe ich die Einwände der Leserin.

In der Psychotherapie will ich nicht dilettieren; jedoch habe ich Frankl neulich auch gelesen, und zwar seine „Metaphysische Konferenz“ aus dem Jahre 1946. Auch daraus geht, und das finde ich ganz richtig, hervor, dass der Mensch auch im Leiden seine Würde nicht verlieren darf und Selbstbehauptung überlebensnotwendig ist. Das aber ändert nichts daran, dass die Frage nach der Verantwortbarkeit des christlichen Glaubens nicht nur individuell gestellt und beantwortet werden darf,  sondern eben auch generell – und als Verpflichtung für die gesamte Menschheit –  nicht still gelegt werden darf.

Die Theodizeefrage  ist, wie ich versuche zu sagen, nicht still zu legen. Wer dies versucht, immunisiert sich gegen Kritik am christlichen Gottesverständnis (oder er gibt es auf); vor allem aber verspielt man dann die Möglichkeit, die vorhandenen Lösungswege zu begehen. Welche sind das? Zum einen ist überhaupt noch nicht abschließend darüber entschieden, ob „alles Versuche in der Theodzee“ wirklich zum Scheitern verurteilt sind, selbst vor dem entscheidenden Forum der theoretischen Vernunft. Zwar ist es richtig, dass auch sehr kluge Menschen, zu denen ich mich nicht zähle, an dieser Frage gescheitert sind, eben weil es sich um ein logisches Widerspruchsproblem handelt, jedoch muss man immer wieder die Frage stellen, ob es nicht doch vor der Vernunft zu verantworten ist, an Gott zu glauben. Hier biete ich zwei Antworten, die aber beide eher in die „politische Theologie“ gehören (die ich persönlich sehr schätze).

So wurde die Verpflichtung auf Frieden und Gerechtigkeit zum bestimmenden Grundmotiv etwa für Bonhoeffers „religionsloses Christentum“.  Damit verband sich die Überzeugung, dass nicht die Reinheit des eigenen Gewissens, sondern die konkrete Verantwortung für das Leben und die Zukunft anderer Menschen der Leitgedanke christlicher Ethik sei. Bonhoeffer ließ sich von diesem Gedanken so sehr bestimmen, dass er das „Dasein für andere“ zum prägenden Begriff der Ethik und die „Kirche für andere“ zum prägenden Begriff der Lehre von der Kirche werden ließ. Denn:

„ Nicht der religiöse Akt macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben“.

Die großen Ereignisse der Weltgeschichte werden hiermit von unten, aus der Perspektive der „Machtlosen, Unterdrückten, Ausgeschlossenen und Verhöhnten, kurz der Leidenden betrachtet.“ Der zweite Gewährsmann ist J.B.Metz, der Hauptvertreter der katholischen politischen Theologie. Dieser vertritt dezidiert jene politische Theologie, die die „politische Dimension des Glaubens in Theologie einbaut“. Wichtig ist, dass Metz die „Entprivatisierung des Glaubens und der Theologie“ reklamiert. Nach Metz ist Hauptaufgabe der politischen Theologie, das Verhältnis von Theorie und Praxis, Religion und Gesellschaft, Kirche und Gesellschaft und Eschatologie, also christlicher Heilserwartung und politischer Geschichte zu bestimmen. Diese beiden Stimmen: Bonhoeffer und Metz messen offenbar der politischen Geschichte eine große Bedeutung zu, so dass Glauben dauerhaft in seiner Verpflichtung vor den in dieser Geschichte leidenden Menschen sich bewähren muss. Der einmalige, die Naturgesetze durchbrechende Akt der Menschwerdung Gottes wird insofern geschichtlich, als dieser Akt uns immer wieder verpflichtet, nicht passiv auf das Heil, also passive Eschatologie, zu warten, sondern es aktiv zu befördern – Gott hat nur uns, er selbst ist Mensch geworden, um uns den Auftrag zur Vollendung einer Menschengeschichte zu geben, die alles Leid beendet. Leiden ist danach niemals Gottes Strafe, sondern unser Versäumnis, den Auftrag Gottes auszuführen. Jedenfalls in der politischen Geschichte. Christentum wird so alltäglich im Sinne der Entspiritualisierung und historisch. Wenn man es befreiungstheologisch formuliert: Christentum wird zur ausschließlichen Option für die Armen. Dies kann man – und tut es auch – „authentische Theodizee“ nennen. Theodizee eben vor dem Forum der praktischen Vernunft, die die Frage nach dem Warum genau nicht stilllegt und dennoch handelt.

Ich fasse meine Kleinigkeiten mit folgender Geschichte zusammen, die sich jeder/jede nach ihrer/seiner Auffassung selbst erklären kann. Sie entspricht aber dem, was ich oben ausgeführt habe und hält die Frage offen:

Der Schriftsteller und Auschwitz – Überlebende Elli Wiesel erzählt folgende Geschichte: 

„Eine kleine Gruppe Juden hatte  sich im von Nazis besetzten Europa in einer kleinen Synagoge zum Gebet versammelt. Mitten im Gottesdienst stürmte plötzlich ein fremder Jude, der ein wenig verrückt war – denn alle frommen Juden waren zu jenem Zeitpunkt ein wenig verrückt – zur Tür herein. Schweigend hörte er einen Augenblick zu, wie die Gebete aufstiegen. Langsam sagte er „Pst, Juden! Betet nicht so laut, sonst hört euch Gott. Dann erfährt er, dass in Europa noch ein paar Juden am Leben geblieben sind.“ (Hans-Ulrich Hauschild)

Baumhausbeichte - Novelle