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Montagsthemen (vom 4. Oktober)

Nicht nur nach Ostern und Pfingsten gibt es die »Montagsthemen« am Dienstag, sondern auch nach einem Wochenende, an dem scheinbar Ostern, Pfingsten, die deutsche Einheit und der gesamte Sommer auf einen Tag gefallen sind.
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Und nach einem Wochenende, an dem stante pede und kickenden Fußballfußes verifiziert wurde, was zuvor im »Sport-Stammtisch« stand: Dass der BVB viel besser ist und der FC Bayern längst noch nicht so gut wie ihr jeweils aktuelles Immitsch. Womit ich leider befürchte, Ernst Jünger zu bestätigen (»Wer sich selbst kommentiert, geht unter sein Niveau«), was ich gerne vermeiden würde. Beides: Jünger zu bestätigen und unter mein Niveau zu gehen (bin ich Limbo-Tänzer?).
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Let’s limbo some more (kennen Sie noch? Von Chubby Checker): Bin ich ein quengelnder Muppet-Opa? »Das hat schon einiges von ›Komm-her-geh-doch-fort-heer-meeh-doch uff‹-Altherrengequengel, da geht Ihnen die geistige Frische verloren, mein Lieber! Zum Beispiel Ihr Unverständnis über das Abschneiden der Piraten in Berlin, zum Beispiel Ihr Unverständnis für Fahrrad-Chopper oder Helmverweigerer. Es geht nicht um Leistungssport oder überhaupt Sport, sondern um Customizing, genauso wie beim Auto- oder Motorrad-Customizing, das eine seit vielen Jahrzehnten bestehende Subkultur der Nonkonformisten verkörpert. Genauso wie das Helmverweigern. Haben Sie schon mal den herrlichen Sommer- oder Herbstwind um den Kopf sausen gespürt, auf einem Motorrad, auf einem Wieauchimmer-Fahrrad? Das ist ein Gefühl der puren Freiheit, die man sich ungern von der Fraktion der Lebens- und Schutzreglementierer kaputtreden und aufdrücken lässt, oder?« Schreibt Michael Fliegl (komplette Mail im Blog »Sport, Gott & die Welt«). Und was schreib ich dazu? Nichts. Der Masochist genießt und schweigt.
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Wieder Fußball: Wie schnell die Zeit vergeht. Kein Seufzer im Rückblick auf vergangene Jahrzehnte, sondern Beobachtung überlichtschneller Meinungsänderungen medialer Neutrinos: Eben noch wurde die Wandlung Podolskis zum konstant brennendem  Hochleistungsträger bei gleichzeitigem Verglühen einer abstürzenden Altrakete namens Ballack verkündet, da verglüht Podolski in Berlin, und Ballack geht am Bundesliga-Firmament als strahlende Hoffnung neuer Bayer-Stärke auf (schaffe ich es damit endlich, liebe »Spiegel«-Kollegen, in euren Stilblüten-»Hohlspiegel«?)
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Wahrscheinlich nicht mal das. Macht nichts, wir Hessen benötigen keine Stilblüten, um außerhessisch gebührend gewürdigt  zu werden. Wir klotzen schon in der echten Flora ran: Einer unserer Landsmänner hat am Sonntag das deutsche Kürbis-Wettwiegen in Ludwigsburg gewonnen, mit einem Trumm von 603 Kilogramm. Kommen Kürbisse eigentlich auch in unsere Rooderäuwweruppmaschin?
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Mit unseren hessischen Rekordkürbissen könnten wir uns nicht nur den ersehnten freien Zugang zum Meer ebnen, sondern dort oben, in Dänemark, auch den Einheimischen Beistand im Kampf gegen die soeben erlassene Fettsteuer leisten. Denn ein Kürbis kennt kein Fett, und ein paar hessische gen Norden gerollt, walzen uns den Weg frei und spotten der Fettsteuer Hohn. Rechnung: 100 Gramm Kürbis haben null Prozent Fett (ich nehme die günstigste der bis 0,8 Gramm reichenden Angaben im Internet), 603 000 Gramm ein Vielfaches von Nichts, was nach Rechenmeister Ludwig Jahn (oder war’s Turnvater Adam Riese?) bedeutet, dass jedem dänischen Kürbisesser eine Steuererleichterung von einigen Fantastillionen Kronen ins fettfreie Haus steht.
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Derartige Rechnungen werden auch in der Wirtschaft aufgemacht. In der Geldfettverbennungsrangliste ganz oben steht jetzt der Ex-Chef von Hewlett-Packard, in dessen rund einjähriger Amtszeit die Aktien des Unternehmens fast die Hälfte an Kurswert verloren, was bei der Entlassung mit einer Abfindung von über 13 Millionen Dollar bestraft wurde. Ob Bundesliga, Kürbiswettwiegen oder Geldverbrennungs-Champions League, immer wieder bewahrheitet sich der alte Wahl-Slogan: »Leistung muss sich wieder lohnen.« Aber stammt der nicht von der FDP? O je. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle