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Montag, 3. Oktober, 6.15 Uhr.

Mittlerweile um diese Zeit noch tiefste Nacht. Kühl. Leicht neblig. Gestern dagegen: Ein strahlendst möglicher Sommertag. Mediterraner Himmel, mediterrane Wärme, mediterran gestimmte Menschen oben auf dem Rheinsteig, unten am Rhein. Mediterrane Gefühle . . . sind ja eigentlich andere, in diesen Monaten: Ärger auf eine Lebensweise, die nur am Sonntag für Lebensqualität sorgt, an Werktagen aber verantwortlich ist für das, was uns bedroht, jener Schatten, den auch gestern die strahlendste Sonne nicht vertreiben konnte.
Motzen, wenn andere genießen? Typisches Altherrengequengel?

 

Leider stoßen mir in letzter Zeit mal wieder gewisse Gemeinplätze Ihrer Kolumne auf. Das hat schon einiges von “Komm-her-geh-doch-fort-heer-meeh-doch uff”-Altherrengequengel, da geht Ihnen die geistige Frische verloren, mein Lieber ! Z. B. Ihr Unverständnis über das Abschneiden der Piraten in Berlin. Beantworten Sie mir bitte die Frage, wie realitätsnah die sogenannten “Bürgerlichen Parteien” regieren. Im Umkehrschluss ist es doch wohl nicht verwunderlich dass die ›Bürger‹ die Schnauze voll haben und eine Partei wählen, die sich von vorneherein absurd darstellt, logo wählt man die, mal sehn ob die’s besser können ! Z. B. Ihr Unverständnis für Fahrrad-Chopper oder Helmverweigerer. Es geht nicht um Leistungssport oder überhaupt Sport, sondern um Customizing, um das technisch Machbare & den Look, genauso wie beim Auto- oder Motorrad-Customizing, dass eine seit vielen Jahrzehnten bestehende Subkultur der Nonkonformisten verkörpert. Genauso wie das Helmverweigern. Ich z. B. finde Herren, die deutlichst jenseits des Lebenszenits anzusiedeln sind auf Techno-Fahrrädern in Lurex-Trikots mit Aerodynamikhelmen wesentlich lächerlicher, sorry, da hecheln wohl welche der verlorenen Jugend hinterher und stemmen sich mit irrationalem Körperschweiß gegen das unaufhaltsam nahende Ende.
Haben Sie schon mal den herrlichen Sommer- oder Herbstwind um den Kopf sausen gespürt, auf einem Motorrad, auf einem Wieauchimmer-Fahrrad? Haben Sie, na logo, das ist ein Gefühl der puren Freiheit, die man sich ungern von der Fraktion der Lebens- und Schutzreglementierer kaputtreden und aufdrücken lässt, oder? So, genug geknottert, ich weiß Sie haben auch eine masochistische Ader, übertreiben Sie’s nicht damit & bleiben Sie originär & unverwechselbar.« (Michael Fliegl)

Was soll ich dazu sagen? Am besten: nichts. Der Masochist genießt und schweigt. Und nimmt sich vor, zumindest Teile dieser sehr bemerkenswerten Leser-Kritik auch in die dienstäglichen »Montagsthemen« einzubauen, ebenfalls schweigend genießend. Auch die folgende Mail kommt kommentarlos in den Blog, aber aus anderem Grund: Was Pfarrer Paul-Ulrich Lenz auf Dr. Hans-Ulrich Hauschild (Blog vom 25. September) antwortet, ist beiderseits (Lenz/Hauschild) auf einem Niveau, auf dem ich mir nicht anmaße, dazwischenredend mitzumischen.
 

 

Nachdem sie mich in der letzten Zeit einige Male »drangenommen« haben (»gelle, Herr Pfarrer«), reagiere ich nun doch, entgegen der Warnung von Hanns Dieter Hüsch vor der griesgrämigen Haltung der Leserbrief-Schreiber, auf einige Zeilen von Hans-Ulrich Hauschild in Ihrem Blog vom 25. September Ich habe so lange gewartet, weil ich erst einmal heraus finden wollte, ob es mich auch nach einigen Tagen noch lockt zu schreiben.
Relativ einfach ist es, seine Kritik an der Warnung des Papstes vor dem Individualismus zu entkräften. Hier sind schlicht verschiedene Rede-Traditionen am Werk. Was der Papst negativ als »Individualismus« bezeichnet, das ist zumindest verwandt mit den Hauschild‹chen Subjektivismus. Ich selbst gebrauche gerne als positiven Begriff das Wort »Individualität« – jeder ist ein eigener Mensch, ein idios, dem idiotes, Eigentümlichkeit zusteht und aneignet. Ihre Selbstbeschimpfungen neulich haben von daher einen ganz eigenen Klang!
Ich gebe Herrn Hauschild auch gern darin recht: Die Ökumene ist nicht so zu haben, dass die Katholiken sich bewegen und so werden wie wir Protestanten. Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich diese Denkfigur spüre, weil ich merke: Wir sind letztlich nicht bereit, einen eigenen Preis für die Ökumene zu zahlen.
Aber nun komme ich zu dem, was mich schreiben lässt. Da wird die arme Frau Käßmann zur »unsäglichen Frau Käßmann«, weil sie angeblich gesagt – und ich vermute: irgendwo auch geschrieben hat: »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand«. Zur Ehrenrettung von Frau Käßmann: Sie hat eine wirklich gute Andacht anlässlich des Suizids von Robert Enke gehalten. Dennoch: Ich kenne diesen Satz auch, aber ich würde ihn so nie sagen und schreiben. Bei mir heißt er, wenn schon: »Du kannst nicht tiefer fallen…« oder »Ich kann nicht tiefer fallen…« Dann ist es kein allgemein-gültiger Satz, sondern entweder eine Zusage in eine konkrete Situation hinein oder ein Bekenntnis-Satz, gleichfalls in einer konkreten Situation. Wer so spricht, der trägt das Risiko: Er muss für seinen Satz haften: Indem er Gott seine Hände und Füße leiht, seine eigene Bequemlichkeit hintanstellt und sich engagiert. Das allerdings wünsche ich mir, dass wir Theologen und Christen für unsere Sätze haften und nicht folgenlose Behauptungen über Gott und die Welt aufstellen.
Und nun dann doch auch noch zu Luther. »Der Protestantismus war schon an seinen Wurzeln in der Gefahr, Menschen verachtend zu sein mit Luthers Auffassung, dass Glaube bedeute, zu vertrauen, auch wenn Gott das Instrument des Bösen zu Belehrung verwendet. Wenn Gott die Welt zerstöre, Tod und Elend bringe, sei das noch immer kein Grund, nicht zu vertrauen.«
So wie ich Luther lesen gelernt habe, ist das ein kräftiges Missverständnis. Es geht Luther darum; dass der Glaube sich gerade in der Anfechtung, jenseits der guten Erfahrungen, im Elend als unbedingtes Vertrauen bewährt. Gott glauben, wenn die Sonne scheint, wenn es gut geht, wenn alles gelingt – das ist keine Kunst – obwohl: Die Gottesvergessenheit der heutigen Zeit ist da noch nicht mit in Rechnung. Luther aber sieht den Glauben gerade dann gefordert und in Kraft, wenn der Sturm kommt, wenn das Lebenshaus erschüttert ist, wenn vom »lieben Gott« nichts mehr übrig ist. Das hat damit zu tun, dass Luther sein Bild vom Glauben an dem gekreuzigten Christus gewinnt: Der gescheitert ist, von dem sich alles abwendet, den man nicht anschauen mag – der ist das Bild des durchgehaltenen Glaubens – bis in den Schrei am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Wenn man selbst in Tiefen geraten ist, wo die vermeintlichen Sicherheiten, auch der eigene Glauben ins Schleudern geraten sind und nicht mehr tragen, dann kann man (ich!) vielleicht spüren, wie viel Kraft aus dieser Sicht auf den Glauben – »Du bist gehalten in den Tiefen Deines Lebens, weil das Kreuz Christi da unten steht« – erwachsen kann.
Das sagen, heißt den anderen, die andere fragen: Und wie siehst du das? Was ist Deine Erfahrung? Sätze des Glaubens suchen immer den Dialog und achten auch den Widerspruch. Aber sie suchen nie nur die ergebene Zustimmung. Das hat mich an den wenigen Sätzen, die ich von Benedikt gehört habe, wirklich gestört – das war nur die suche nach der Zustimmung. (Paul-Ulrich Lenz)

Baumhausbeichte - Novelle