Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montag, 3. Oktober, 16.30 Uhr.

Für chattende Chatten im Blog, kelternde Kelten an ihren Pressen und auch für apfelweinmachende Bürger mit nichthessischem Migrationshintergrund: ES GÄRT! Am Samstag mit Chr., der dem Schlüsselbeininvaliden mehr als nur den Arm ersetzte, fünf Körbe zur Presse gebracht, in den Wasserbottich geschüttet, abgewaschen, in den Häcksler geschüttet. Dann die Arbeit den Profis überlassen: Maische in Tücher eingeschlagen, auf eine Art Backblech in der Presse gelegt, mehrere Backbleche übereinander gestapelt. Schon fließt der Saft aus einer Röhre in Eimer, noch ganz ohne Presse. Dann wird die Presse runtergekurbelt, aus dem Saftrinnsal wird ein reißender Strom, Eimer für Eimer wird gefüllt und der Saft hastig durch ein Sieb in die Glasballons geschüttet. Am Schluss vier Ballons a 30 Liter gefüllt, jeweils mit Platz fürs Gären, also insgesamt gut 100 Liter. Kostenpunkt für die Presse: 27,50 Euro. Zu Hause im Keller, der durch seine dicken Wände aus Naturwackersteinen (Reste vom Burgwall) temperaturstabil ist, die Gärverschlüsse aufgesetzt, mit Wasser gefüllt, damit der Saft hermetisch abgeschlossen ohne Außenluftkontakt vor sich hin gären kann. Und jetzt, erst 30 Stunden später, beginnt’s schon zu blubbern. Ist das gut oder schlecht? Laut Buch für Amateurkelterer soll’s doch erst nach knapp einer Woche losgehen. Fortsetzung folgt.
Irgendwann später. Sofort folgt die Fortsetzung des Dialogs Dr. Hauschild/Pfarrer Lenz in Sachen Christen und Glaube, Papst und Ökumene. Ohne unmaßgeblichen gw-Kommentar, aber vorab mit dem   Hinweis für Interessierte, dass am Freitag ein Interview mit dem Philosophen Robert Spaemann in der »Welt« stand, das sicher auch online zu finden sein dürfte. Ein Zitat  des mit  dem Papst befreundeten Philosophen aus dem “Welt”-Interview:

Wir können gemeinsam beten, die Heilige Schrift lesen und uns in der Gesellschaft engagieren, wobei die evangelische Kirche – das muss man leider so sagen – in den letzten Jahren immer wieder aussteigt aus dem christlichen Konsens, um einen Konsens mit der nicht christlichen Gesellschaft zu suchen.

Das nur als Einstimmung. Es folgt Dr. Hauschilds Reaktion auf Pfarrer Lenz, der seinerseits, falls er das überhaupt möchte, nicht sofort antworten kann – er ist auf dem Weg nach Italien (oder schon dort, aber, soweit ich weiß, nicht beim Papst).

Habe zunächst nicht wirklich verstanden, was Herr Fliegl meint, wenn er von Altherren –Gequengel spricht. Doch nicht gw? Missverständnis, absichtliches Missverstehen? Gw und sein Anstoß sind um vieles jünger als Menschen auf U – 30 Parties und die Wähler der Piraten – Partei. Freilich, Menschen, die dem Zeitgeist auf den Leib rücken – allerdings, der Zeitgeist ist so cool und gleichgültig, dass ihm auch das noch egal ist bzw. dass er dies gar nicht merkt – waren immer schon »Alte Herren (oder Damen)« mit wenig Verständnis für die Zeit. Um einmal sehr hoch zu greifen: Cicero – der erzkonservative Kritiker der römischen Bürgerkriegs- und der sich abzeichnenden Kaiserzeit – hatte am Ende doch Recht. Seine Mahnungen gegen Dekadenz, Zeitgeist, Egoismus und sein Eintreten für die Römische Republik hätten, wären sie gehört worden, ein paar Jahrhunderte später möglicherweise zu einem gänzlich anderen Geschichtsverlauf geführt. Einer von vielen Altherren – Nörglern. Lasst sich ruhig nörgeln, wenn es halbwegs fundiert ist. Und das ist es hier im Anstoß.
Dass Sie Ihrem Anstoß auch für theologische Debatten Raum und Zeit geben, ist nun wirklich sensationell. Die Debatte um Martin Luther müsste über kurz oder lang so wie so geführt werden; es naht »500 Jahre Reformation«. Gelegenheit für die evangelische Kirche, sich ihrer Irrtümer bewusst zu werden. Einer davon ist der Mythos von der »Freiheit« und das Gerede von der »Leistungsgesellschaft« gegen die sich Luthers Reformation angeblich gewendet hat. So viel Platz, um alles das auszuführen, ist hier sicherlich nicht. Und so will ich auf die Antwort von Pfr. Lenz, für die ich mich herzlich und von Mensch zu Mensch aufrichtig erfreut bedanke, meinerseits noch einmal reagieren. Es lässt sich hören, aber aus meiner Sicht nicht durchhalten was er da sagt. Zur Begründung:
Während Erasmus von Rotterdam, Zeitgenosse und ernsthafter Gegner Luthers, die These aufstellte, Gott habe dem Menschen einen freien Willen, zwischen dem Guten und dem Bösen zu wählen, belassen, der freilich nur mit Gottes Gnade wirksam werden könne (Synergismus), argumentierte Luther mit der Gnaden- und Prädestinationslehre, durch die jede Tat des Menschen vorausbestimmt sei. Das menschliche Schicksal sei vorbestimmt und endet entweder in der Hölle oder im Himmel. Gottes Liebe und Hass sind ewig und unverrückbar, schrieb Luther in seiner Erwiderung an Erasmus, sie sind gewesen, »ehe der Welt Grund gelegt ward«, noch ehe es einen Willen oder Werke des Willens gab.
1524 veröffentlichte Erasmus eine Entgegnung auf Luthers Grundüberzeugungen: Vom freien Willen De libero arbitrio, ein Werk, mit dem der Bruch mit Luther endgültig besiegelt wurde. Seine letzte kritische Auseinandersetzung mit dem Titel Hyperaspistes kommentierte Luther mit dem bekannten Ausspruch: »Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig«. Von ähnlichem Format und von deutlicher Emotionalität geprägt ist Luthers Gottesbild, das ihn in eine noch schärfere Gegnerschaft zu Erasmus brachte. Nach Luther bewirkt Gott auch durch die Übel der Welt, also durch das Böse, das Gute, die Erlösung. Luther war ein »metaphysischer Determinist«, eine Haltung, die Erasmus, und ein modernes Welt- und Gottesbild sicherlich nicht mittragen. Für Erasmus, der ganz in der Tradition eines Bildes vom »gerechten Gott« und selbstverantwortlichen Menschen steht, ist Determinismus also Fremdbestimmung der menschlichen Moral (die es determiniert gar nicht gäbe) und ein willkürlicher Gott undenkbar.
Zur Erläuterung sei endlich angefügt, dass Erasmus in jeder Hinsicht der liberale, der für unsere Zeit verständlichere Wissenschaftler war, ein Humanist eben, wie wir heute vielleicht Humanismus auffassen würden. So sagt Erasmus, das Christentum bestehe in der Sorge um den Frieden, nicht in der Durchsetzung einer Auslegungsvariante des Neuen Testaments. Luther hat Erasmus auch dafür verachtet, genau für diese »friedliebende Theologie«. Erasmus denke nur an den Frieden, er, Luther, nur an das Kreuz – weltlicher Friede hat da keinen Platz, wie aus einigen anderen, für uns sehr schwer verdaulichen, Sentenzen hervorgeht. Zum einen die oben zitierte: Gott bewirke durch die Übel der Welt das Gute, Luther hat einige Archaismen wiederbelebt: die vererbbare Schuld, Gott, der im Kampf liege mit Satan und Gott, der Zorn auf die Menschen hat. So bleibt eine antirationalistische Exklusivität im Extremen, eben: extra fidem Christi nihil nisi peccatum et damnatio. Für Luther gibt es nur Erlöste und Verdammte, und dies von Anbeginn der Welt an.
Wie leben wir Christen denn mit dieser Luther–Ideologie vor dem Angesicht von Auschwitz? Soll auch das von Gott bewirkt das Gute befördern, den Glauben befestigen? Ein krasserer Zynismus wäre nicht mehr denkbar. Nein, eine Theodizee, wirklich geschätzter und verehrter Herr Pfr. Lenz, kann so nicht funktionieren: das Übel der Welt, das malum morale wird so pädagogisiert, funktionalisiert oder gar bonifiziert. Reden wir doch weiter darüber. Als engagierter Christ, bis vor kurzem noch Kirchenvorsteher in einer Gießener Gemeinde, möchte ich es jetzt genau wissen. Und für viele Menschen, die nach der Ökumene verlangen und ein Christentum sehen wollen, dass die Belange der sozial Ausgegrenzten vertritt und wirklich den Weg Jesu geht (Matthäus–Evangelium), ist eine solche Aufklärung von großer Bedeutung.

Baumhausbeichte - Novelle