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Samstag, 1. Oktober, 16.00 Uhr.

Ein ehemaliger Vereinskamerad beim USC Heidelberg (und sein heutiger Vorsitzender), Prof. Gerhard Treutlein, der für sein Engagement als Anti-Doping-Kämpfer  2009 das Bundesverdienstkreuz erhielt, ist auf den »Staatsdoping«-Anstoß vom Freitag gestoßen (worden). Daraus entwickelte sich dieser Mail-Dialog:

Treutlein an gw: Dein Artikel ist absolute Spitze, Günter Eisinger hat ihn mir vorgelesen. Kannst Du ihn mir als Attachement schicken? Bei der Vorstellung der Ergebnisse der beiden Dopinggeschichtsprojekte war ich empört, wie so getan wird, als sei alles ganz neu. Deshalb will ich Deinen Artikel an verschiedene Personen schicken, vor allem an die Mitglieder der Evaluierungskommission für die Freiburger Sportmedizin. Dort war ein mafiöses Netzwerk um Keul, Stober, Fleischer, Klümper, das ich mir in meinen wüstesten Träumen so nicht hätte vorstellen können.

gw an Treutlein: Schön, nach so langer Zeit von Dir zu hören. Es freut mich, dass Dir meine Auswahl früherer Artikel gefällt. Ich schicke sie Dir gerne als Attachement (muss mich bei unserer Technik nur erkundigen, was das ist und wie das geht …). Ich stelle meine Zeitungsartikel aber auch alle online, die Staatsdoping-Geschichte ist zu finden unter gw@anstoss-gw.de, Link zu »Anstoss«. Falls Dir das nicht reicht, schicke ich’s als Attachement-Dingsbums.

Treutlein an gw: Man kann ja über Doping unterschiedlicher Meinung sein, aber mir stinkt ebenso wie Dir die verlogene Bande – meine Zielrichtung sind nicht gedopte Sportler, sondern die Profiteure dahinter. Der Sportler zahlt im Zweifelsfall mit seinem Leben, die Profiteure zahlen selten bis nie.
Du hast dazu immer wieder tolle Artikel geschrieben, z.B. damals 4 + 2 = 1. Etwas Ähnliches wie Du hat übrigens mal Karl Lenk gemacht; dieser hat – ich glaube 1991 – den gleichen Vortrag gehalten wie 1975 und die Zuhörer erst hinterher aufgeklärt, dass es der gleiche Vortrag war.
Bei der Mail-Adresse gw@anstoss-gw.de finde ich bestimmt nichts, da musst Du Dich vertan haben.

gw an Treutlein: Die Adresse war natürlich Quatsch, hier die richtige Verbindung: www.anstoss-gw.de

Treutlein an gw: Die Kommissionsvorsitzende fragt an, ob Du über Keul/Klümper etwas sagen kannst und der Kommission als Zeitzeuge zur Verfügung stehen könntest (mit Anonymisierung).

Treutlein an die Kommissionsvorsitzende (zuvor): Der Artikel von Gerd Steines ist lesenswert, denn er ist die wörtliche Wiederholung seines Artikels von 1991. Gerd Steines war 1976 (west-)deutscher Meister im Kugelstoßen. 1986 beschrieb er in der FAZ sein Doping, seinen Versuch, wie weit er ohne Doping kommen könnte und die Reaktion von Funktionären auf den darauf folgenden Leistungsabfall, nämlich heftige Kritik an seinem »unvernünftigen« Handeln. Als er dann mit Doping wieder weit stieß, waren alle zufrieden. Sein Artikel zeigt bestens, dass eigentlich schon spätestens 1991 alles bekannt war. Vor diesem Hintergrund ist die Darstellung der Forschungsergebnisse der Forschergurppen Spitzer und Krüger zur  Dopinggeschichte in den meisten Medien als neu und sensationell ein Witz. Wesentlich besser hat die Situation Anno Hecker in seinem Artikel heute in der FAZ dargestellt. Und damit zur Situation in Freiburg: Die Freiburger Sportmedizin war ein wesentliches Zentrum des westdeutschen Dopings, Klümper war – obwohl nicht zur Abteilung Sportmedizin gehörend – das Gesicht der Freiburger Sportmedizin. Da er bis 1990 Angehöriger der Universität war und danach durch die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor Lehrbefugnis hatte (wohl bis heute nicht aufgehoben!), ist die Einschränkung des Kommissionsauftrags auf die Abteilung Sportmedizin völlig unverständlich. Freiburg zeigt auch bestens die lokalen und regionalen Verstrickungen zwischen Leistungssport, Sportmedizin und Politik. Minister der Landesregierung waren Patienten vor allem von Klümper, der langjährige Staatssekretär Fleischer (Freiburg) der Dreh- und Angelpunkt der Förderung der Freiburger Sportmedizin, damit auch des Bundesleistungszentrums Herzogenhorn und des Olympiastützpunkts Freiburg. Ohne das Renommé der Sportmedizin hätte es keinen Olympiastützpunkt Freiburg gegeben.

gw an Treutlein: Vor Kommissionen gleich welcher Art trete ich nicht auf, es sei denn, Nichterscheinen wird mit standrechtlicher Erschießung geahndet. Ich habe auch über das hinaus, was ich in unseren Zeitungen schreibe, nichts zu sagen. Ich glaube sogar, dass wir, bei aller Ähnlichkeit der Einstellung zum Doping, verschiedene Stoßrichtungen haben. Für mich und in meiner Erinnerung war unser »Staatsdoping« kein zentralistisch und geheimbündlerisch angeordnetes und flächendeckend umgesetztes, sondern wie selbstverständlich öffentlich gehandhabtes (aber eben auf dem Heuchel-Niveau: Tut, was ihr tun müsst, aber lasst euch nicht erwischen), wobei ich mich vor allem auf meinen eigenen schizophrenen Berufsstand konzentriere. Auch waren Keul und Klümper nicht die Köpfe des Doping-Kraken. Da wird mir zu viel hineingeheimnist. Mit Keul hatte ich relativ wenig zu tun, ich wurde bei ihm zwei-, dreimal turnusmäßig gesamtuntersucht, habe ihn auch in Sachen Doping um Rat gefragt (und ihn bereitwillig bekommen), so wie ich ihn kennengelernt habe, hat er aber nicht direkt Dopingmittel verordnet oder verabreicht, die Hände machte er sich sicher nicht schmutzig, dafür war er viel zu ehrpingelig und eitel auf seine sportgesellschaftliche Führungsstelle bedacht. Klümper, sein natürlicher Feind (wie Du sicher weißt, waren sich beide in herzlicher Abneigung zugetan), war ein ganz anderer Typ, Einzelkämpfer mit Guru-Anspruch, der seine getreuen Patienten um sich scharte und gegen die restliche Welt kämpfte (und sich dabei viele Blößen gab, die ja auch alle bekannt sind). Beide als Köpfe einer bundesdeutschen Mafia zu stilisieren, ist zu viel der Unehre.
Noch einmal: Zum Thema Doping äußere ich mich nur noch schreibend für unsere Leser. Daher setze ich unseren Mail-Dialog auch in meinen Blog (für die Zeitung wär’s zu lang).