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Sport-Stammtisch (vom 30. September)

Dass man sich eine Krise auch einreden (lassen) und dann um so tiefer drin stecken kann, hat eine zutiefst verunsicherte Dortmunder Fußballmannschaft in dieser Woche eindrucksvoll jämmerlich bewiesen. Spielerisch klar überlegen (statistisch etwa doppelt so hoch wie Bayern gegen City), gab’s am Ende ein klatschenartiges 0:3, und das nicht einmal zu Unrecht. Wuseliges Kreise(l)n um sich selbst schießt keine Tore, und wenn man viel Wind macht, aber keinen Sturm hat, der Gegner aber mit seinen limitierten Mitteln einfachste Konter mit trockenen Torschüssen abschließt, ist die Niederlage sportlich so gerecht, wie der BVB sie gefühlsmäßig als ungerecht einordnet.
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Erst wurde ihnen die Krise eingeredet, dann glaubten sie, nach außen trotzig dementierend, innerlich selbst daran, was zu allgemeiner Verunsicherung führte, und die verhinderte eigene Tore (Götze) und schoss sie für den Gegner (Subotic, Hummels). Trost für den BVB: Es kann nur besser werden, zumal die Mannschaft viel besser ist.
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Ob’s auch umgekehrt geht? Sich unvergleichliche Stärke einreden lassen, dran glauben und mit dem riesigen Selbstbewusstsein des Verunsichernden alle Gegner buchstäblich klein machen? Der Versuch läuft, beim FC Bayern München, und er lässt sich verheißungsvoll an. Den Bayern wird jetzt schon das Champions-League-Finale gegen Barcelona eingeredet, Sieg inklusive, da wirken Zweifel kontraproduktiv: Dass die erste schwache halbe Stunde gegen Manchester II (Stadtteam I ist immer noch eine Klasse besser) für eine Elf mit aktuellem BVB-Selbstbewusstsein die Niederlage hätte einleiten können, dass die Defensive trotz der Null-Tore-Serie anfällig wirkt, dass Boateng bei allem Talent ein latenter Unsicherheitsfaktor bleibt (zwei potenzielle Elfer!), dass das Mittelfeld zwar gut ist, aber bei weitem noch nicht die Klasse hat, um mit Xavi/Iniesta/Messi mitzuhalten … was soll’s? Im real existierenden Fußball regiert Marx uneingeschränkt, allerdings nur mit Subjekt-Objekt-Austausch: Das Bewusstsein bestimmt das Sein.
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Die Bayern-Offensive aber kann sich etwas darauf einbilden, sich unvergleichliche Stärke nicht einbilden zu müssen – sie ist pure und beeindruckende Realität. Gomez hat einen Lauf, Robben und Ribery sind unverletzt und in Bestform Weltklasse, aber einer steht noch ein Stüfchen (würde Klinsi sagen) drüber: Thomas Müller, das Fußball-Phänomen. Er besitzt keinerlei spezielle athletisch, sportlich oder fußballerisch überragende Grundfertigkeit, ist aber ein Spieler von der Art, wie sie die Fußball-Welt noch nicht gesehen hat: Ein Anarchist am Ball, in keine Schublade, kein System zu stecken und dennoch schlau genug für jedes System, der nie für die Galerie spielt (könnte er gar nicht), aber immer für die Mannschaft. Wenn Staaten große Gemeinwesen sind und Fußballmannschaften kleine, dann ist Thomas Müller ein Paradoxon – ein staatstragender Anarchist.
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Außerhalb des Fußballs kann FCB-Selbstbewusstsein aber auch Eigentore schießen. Wie im Fall Breno. Dass Hoeneß und Rummenigge die Justizbehörden von oben herab bedrohten und unter Druck zu setzen versuchten, hat die U-Haft des verwirrten brasilianischen Buben gewiss nicht verkürzt. Überhaupt fällt auf, wie auch damals im Fall Deisler, dass bei den Bayern Einfühlsamkeit und Unterstützung für den psychisch Gefährdeten erst dann zu beginnen scheinen, wenn der Hilfebedürftige schon am Ende ist. Unvergessen, wie Rummenigge Deisler einst unter Druck setzte: »Er meint, es reicht, wenn er trainiert und am Samstag spielt. Beim FC Bayern ist das nicht genug. Hier muss er auch außerhalb des Platzes seine Rolle spielen, ein Führungsspieler muss extrovertiert sein« (genau der Anspruch, an dem Deisler zerbrach).
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Ganz anderes Thema, aber auch eins, bei dem sich bzw. uns etwas eingeredet wird: »Fahrräder, die aussehen wie Motorräder« seien der neue Trend, »im Sommer sieht man sie überall«, behauptete das SZ-Magazin vor einigen Wochen. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, liege aber sowieso nicht im Trend. Doch gestern . . . sichtete ich solch ein Chopper-Rad. Sein Fahrer mühte sich ab, hatte bei geschätztem Tempo 5 km/h Mühe, mangels Vortrieb nicht umzukippen, war aber dennoch sichtlich stolz, im scheinbaren Trend zu liegen. Immerhin hat diese neue Rad-Mode einen großen Vorteil: Man fährt gezwungenermaßen so langsam, dass nichts passieren kann.
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Obwohl: Nach neuen und angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen leben schnell fahrende Radler fünf Jahre länger. Als wer oder was, stand nicht in der Meldung. Fünf Jahre länger als Langsamradler, Fußgänger, Libellen oder Eintagsfliegen? In diesem Zusammenhang: Es hätte nicht des Kernforschungszentrums Cern bedurft, um Einstein zu widerlegen, denn schon mein simples Weiterdenken der Radlerstudie genügt: Wenn schnelle Radler fünf Jahre älter werden (wohl, weil sie fit sind), dann leben noch schnellere noch länger, und noch viel schnellere … sind überlichtschnell tot, aber das viel länger.
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Helm auf! Gilt natürlich auch für motorisierte Zweiräder. Der italienische Tenor Salvatore Licitra, der schon mit Pavarotti verglichen wurde, starb vor wenigen Wochen, als er mit seiner Vespa in der Nähe von Ragusa auf Sizilien gegen eine Mauer fuhr. Er trug keinen Helm. Was allerdings auf Sizilien auch als spezielle Vorsichtsmaßnahme gilt, denn wie in einem Nachruf zu lesen war: »Im Camorra-Land Sizilien trägt man keinen Helm, um tödliche Verwechslungen zu vermeiden.« Trotzdem: Helm auf! Hessen ist nicht Sizilien. Obwohl wir’s momentan genauso warm und sonnig haben. Angenehmes Wochenende! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle