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Auch bei uns gab es Staatsdoping (Anstoß vom 30. September)

Ziemlich lahme Überschrift, oder? Ist doch DIE Meldung der Woche und seit Tagen in allen Zeitungen zu lesen. Unterschied: Unsere Überschrift ist nicht aktuell, sondern stand schon am 28. September 1991 im Blatt. Es folgt der Text dazu: »In der Bundesrepublik gab es organisiertes, flächendeckendes Staatsdoping, angeordnet von höchsten Gremien des Staates, organisiert von deren Unterorganisationen, überwacht von Presse, Funk und Fernsehen. Zum Beispiel das Kugelstoßen: IOC-Olympianorm 1976: 19,40 m. Intern erhöhte Olympianorm, in konzertierter Aktion von DLV, NOK, DSB und BAL beschlossen: 20,60 m, zu erbringen bei mindestens zwei Olympia-Ausscheidungswettbewerben (entspricht einem Spitzenwert über 21 m). Es ist nachweisbar, dass es Athleten gab, die ohne Anabolika deutlich über 19,40 m stoßen konnten und durch die erhöhte Norm und den durch sie gegebenen Anabolika-Zwang um die Teilnahme gebracht worden sind. Noch einmal: Jeder, wirklich jeder, der nominierte oder die Nominierungen als zu umfangreich kritisierte, musste wissen, dass seine Nominierungs-Kriterien nur mit Hilfe von Anabolika zu erreichen waren. (…) Die Geschichte wäre noch um einige Kapitel zu erweitern. Kolbe-Spritze, Luft-in-den-Darm-Posse, Anabolika-Testserien mit menschlichen Versuchskaninchen – allesamt bekannte, in Archiven nachprüfbare Vergehen wider die eigene Moral, begangen entweder von den falschen Moralisten von heute oder von den honorigen Gremien, denen sie angehörten. Und angehören. Nicht der Anaboliker war pervers, sondern die Welt, in der er lebte.«
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Die Sache selbst ist also seit Jahrzehnten bekannt und der Skandal daher nicht die alte Geschichte, sondern dass sie von verantwortlicher Seite nie thematisiert wurde. Von uns dagegen schon früh. Meist mit Variationen des im Ben-Johnson-Jahr 1988 geschriebenen Kernsatzes: »Solange Nationales Olympisches Komitee, Sporthilfe, Bundesausschuss Leistungssport und die Spitzenverbände (allesamt laut offizieller Verlautbarungen schärfste Anabolika-Verurteiler) Förderungs- und Nominierungskriterien erlassen, die selbst sie ohne Einnahme von Anabolika nicht für erreichbar halten, bleibt die ethisch-moralisch begründete öffentliche Entrüstungs-Diskussion nur Spielwiese für selbstgerechte Heuchler.«
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Bis heute. Aus einem »Anstoß« im Jahr 2009: »Dass in der Bundesrepublik Doping ebenfalls gefordert und gefördert wurde – das wird gerne vergessen. Wir waren schließlich die ›Guten‹. Deswegen kehren wir nicht vor der eigenen Tür, sondern lieber unter den Teppich, dass unter der letztlichen Verantwortung der Bundeskanzler Brandt und Schmidt und der direkten Zuständigkeit der Innenminister Genscher und Maihofer in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der ›Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports‹ (BAL), eine Behörde des Bundesinnenministeriums, in die Sportverbände ›durchregierte‹ und intern drastisch erhöhte deutsche Olympianormen durchsetzte, die nach dem Wissensstand aller Beteiligten nur mit Hilfe von Anabolika erreichbar waren. Eine Kugelstoßerin zum Beispiel, die ›nur‹ 19 Meter stieß (immerhin deutlich mehr als die offizielle IOC-Norm), hätte ein Potenzial von 21 Metern (!!!) nachweisen müssen, um 1976 für Montreal nominiert zu werden. Da sie dies nicht schaffte, verpasste sie nicht nur das größte Erlebnis in ihrem Sportlerleben, sondern verlor auch viel Geld (der BAL kontrollierte die Fördergelder, die Nicht-Teilnehmern drastisch gekürzt oder sogar gestrichen wurden) und wurde zudem von den Wachhunden des BAL – leider, liebe Kollegen, von uns Medien – als Versagerin verbellt. Die Politik gab die Richtung vor, ihre grauen Eminenzen vom BAL setzten sie durch, sich dabei strikt und in jeder Beziehung an der DDR orientierend (dem klaren Sieger im kalten Sport-Krieg und daher Vorbild), NOK, DSB und die Fachverbände ließen sich willig entmachten und manipulieren, und die Medien machten schizophren mit, einerseits jede Kugelstoß-Leistung über 20 m als nur durch Anabolika möglich zu diffamieren und gleichzeitig vehement einen ›Nur‹-20-m-Stoßer als olympiauntauglich zu schmähen. Wird diese Ursünde nicht eingestanden und aufgearbeitet, muss sie immer weitere Sünden nach sich ziehen, und Scheinethiker, Doppelmoraliker und sonstige bigotte Heuchler werden die meinungsbildenden Wortführer bleiben, zu Lasten des Sports und der Sportler.«
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»Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Auch auf das in dieser Woche wieder auftauchende Schäuble-Zitat (am 28. 9. 1977 vor dem Sportausschuss des Bundestages) hatten wir früh hingewiesen. Zuletzt vor einem Jahr: »Schäuble hat seine Aussage sophistisch kommentiert: ›Man sollte niemanden an Sprüchen messen, die er vor 30 Jahren getan hat; das fällt auf den zurück, der es tut.‹ Nicht die Sprüche sind schlecht, sondern der, der sie zitiert? Schäuble ist nicht vorzuwerfen, was er gesagt hat, sondern dass er nicht die Hintergründe bekennt und nicht zu der Schuld steht, die nicht er persönlich (seine Aussage ist in Anbetracht der Verhältnisse im Grunde sehr verantwortungsvoll), sondern Sportpolitik, große Politik und die Medien auf sich geladen haben, aber seit Jahrzehnten nur auf dem Sport und den Sportlern abladen.«
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Da habe ich mir einige uralte Hüte aus dem Archiv aufgesetzt. Manchen wird’s langsam nerven, aber das Risiko gehe ich ein, denn wer die alten »Anstoß«-Geschichten noch nicht kannte, zum Beispiel jüngere Leser, kann die »neuen« Nachrichten nun besser einordnen. Dass ich glaube, mich im Thema besser auszukennen als andere, ist keine Überheblichkeit, sondern die Ungnade der anabolen Geburt. Nachzulesen seit zehn Jahren auch im Online-»Anstoß« (im Link »Sport-Leben«). Ein Auszug: »Bundesrepublikanisches Staatsdoping: Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Aber lasst euch nicht erwischen! Bevor sich der erste Sportler dopingschämt, haben sich die früheren Führungskräfte von DLV, DSB, Sporthilfe, NOK, BA-L und die ebenfalls wissentlich dopingfordernden Journalisten zu schämen. Die meisten leben ja und könnten sich noch schämen.«
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Nur der letzte Satz gilt nicht mehr. Keul, Kirsch, Daume, sie sind längst tot. Aber es leben noch viele damals tonangebende Menschen, es existieren Institutionen und Medien, die nie ihre Schuld bekannt haben. Sie werden es auch nie tun. Schuld sind immer nur die anderen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle