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Mittwoch, 28. September, 18.15 Uhr.

“Wer bin ich?” steht schon online, der Staatsdoping-Anstoß für Freitag ist ebenfalls schon geschrieben, da kann ich morgen Pause machen und meine Wunden lecken. Erster freier Donnerstag ohne Radfahren. Schluchz. Und das bei diesem Wetter.

Der Staatsdoping-Anstoß ist geschrieben? Abgeschrieben. Aus eigenen Ergüssen aus Jahrzehnten. Eigentlich gehört die Freitags-Kolumne also in die Serien-Rubrik “Nachdruck”. Alter Wein in alten Schläuchen. Will nicht so tun, als wäre es neuer Wein in neuen Schläuchen. Sonst würde ich ja selbst darauf hereinfallen, dass die “neuen Enthüllungen” neue Enthüllungen seien. Daher stur auf früh Geschriebenes beschränkt. Habe mir auch vorgenommen, nicht noch einmal darauf anzuspringen. Für mich ist die Sache erledigt. Sorry also auch, was die Fragen angeht, die in der Mail von Walther Roeber auftauchen, der auf den gestrigen Blog-Eintrag reagiert:

Das hat ja wieder gesessen. Ich hatte mich schon den ganzen Tag über gewundert, dass es noch keine Reaktion Ihrerseits auf die “sensationellen Enthüllungen” gab.
Einige Gedanken dazu, ich erwarte da keine direkten Antworten, aber vielleicht können Sie (das liegt natürlich in Ihrem Ermessen) im Blog oder auch im Blatt zum einen oder anderen Punkt Stellung beziehen oder auch noch weitere Aspekte einbringen.
Sind Sie eigentlich im Rahmen dieses Projekts persönlich angesprochen worden? Ich gehe davon aus, dass Ihre Offenheit im Umgang mit dem Thema bekannt sein dürfte – und heute spielen die Äußerlichkeiten (Gienger sah damals vielleicht besser aus) wohl auch keine Rolle mehr.
Ist mein Eindruck richtig, dass es mindestens 3 “Fraktionen” (vielleicht auch mehr, je nach Differenzierung) gibt, die mit dem Thema Doping höchst unterschiedlich umgehen?
Da sind die “Alten”, teilweise schon verstorben (Reichenbach, Daume z.B.) , deren Aufzeichnungen vielleicht auch gar nicht zugänglich sind, bzw. deren Einstellung zum Themenkomplex nur interpretiert werden kann.
Da sind die “Funktionäre” (ich schließe da Trainer, Funktionäre, Ärzte usw. ein),  die teilweise sicher ungeheuren Druck auf die Aktiven ausgeübt haben, sei es nun wegen der zu “erbringenden Leistung”, sei es in guter Absicht bei Regeneration und Heilungsprozessen; die haben aber für sich selbst mit den Wirkungen wenig zu tun gehabt.
Da sind die “damals Aktiven”, die – wie Sie – inzwischen offen mit dem Thema umgehen und eine sachliche Diskussion darüber betreiben, und die, die alles “verteufeln”, was da getrieben wurde und die, die sich gar nicht äußern – wobei die Gründe sicherlich vielfältig sein können. Wo sind die damaligen Spitzensportler, die heute als Journalisten, als Funktionäre, als Politiker in der Öffentlichkeit stehen und sich “outen” könnten oder auch die, die heute ein mehr oder weniger unauffälliges Leben führen und dennoch ihr Teil zur Aufklärung beitragen könnten? Leiden Sie persönlich heute noch unter direkten oder indirekten Nachwirkungen dieser damals eingesetzten Mittel?
Bei der aktiven Generation scheint es auch unterschiedliche Tendenzen zu geben: Es wird sehr viel Staub aufgewirbelt, der der Verschleierung dient bzw. sie sind Teil einer Maschinerie oder eines “Konkurrenzkampfes”, was bringt mir einen Vorteil und ist möglichst nicht nachzuweisen, bzw. wie kann ich vermeiden, erwischt zu werden. Dabei geht es natürlich auch immer um viel Geld… Charakter und Moral treten in den Hintergrund.
Ich weiß nicht, welche Verfahren z.B. bei Jan Ullrich derzeit noch anhängig sind, aber er könnte z.B. “Größe zeigen”, wenn er wirklich offen die Karten auf den Tisch legen würde. Lance Armstrong hat sich schon so verstrickt, der kommt aus dem Gewirr nicht mehr heraus. Die Aktiven stehen unter einem solchen Druck, dass sicherlich hinter einer Fassade vieles passiert, was man als Außenstehender gar nicht mitbekommt oder mitbekommen soll. Wie weit das dann Doping zu nennen ist, ist auch eine Frage der Definition; dient etwas der Leistungssteigerung, dient es der Wiederherstellung oder auch “nur” der Ruhigstellung.
Vielleicht sehe ich es zu pessimistisch, aber ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass gerade im Bereich etwas unterhalb des “Spitzensports” noch eine ganz erhebliche Grauzone herrscht, weil dort viele auf den Durchbruch nach oben hoffen, und dazu bereit sind, “alle Möglichkeiten” auszuschöpfen. (Walther Roeber)

Baumhausbeichte - Novelle