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Etikettenschwindel?

Liebes Eintracht-Tagebuch,
vor ein paar Wochen habe ich mir an der Tankstelle eine Flasche Orangensaft gekauft. Hammermäßige Geschichte, oder? Aber jetzt mal im Ernst, und warum ich Dir das überhaupt erzähle: Als ich vor dem Kühlregal stand, fiel mir bei der großen Auswahl eine Flasche sofort ins Auge, die besonders gelb, besonders fruchtig und besonders gesund aussah. Vielleicht habe ich das aber auch nur so wahrgenommen, weil genau diese drei Begriffe auch fett auf dem Etikett standen. Jedenfalls kaufte ich genau die, um sie bereits Sekunden später in einem Zug auszutrinken.
Was voreilig war, denn als der letzte Tropfen in meinem Hals verschwunden war, merkte ich, dass das Zeug ziemlich eklig schmeckte. Nach Zucker, nach irgendwelchen künstlichen Aromastoffen … nur so gar nicht nach Orangen. Also las ich beim Kleingedruckten nach, was da genau drin war. 96 Prozent alles Mögliche, und vier Prozent Fruchtfleisch! Ganze stolze vier Prozent … wow!
 In den darauffolgenden Tagen studierte ich alles, was ich gekauft hatte, auf seine Inhalte. Ich stieß auf Bananenquark ohne Beteiligung von Bananen, thailändische Fertiggerichte, die vor allem aus Glutamat bestanden, oder eine Putenwurst, deren Hauptanteil Schweinefleisch war. Als ich mich dann noch im Internet auf die Suche begab, fand ich gleich dutzendweise Verbraucherseiten, die sich mit dem weitverbreiteten Etikettenschwindel beschäftigen.
 Aber nicht nur das fand ich unter diesem Stichwort. Sondern auch Zeitungsartikel, die mit dem Fußball in Frankfurt zu tun hatten. Denn auch rund um die Eintracht gibt es zurzeit nicht wenige, die genau diesen Etikettenschwindel bei unserem Verein zu entdecken glauben. Aussagen wie »Der VfL Wolfsburg der 2. Liga« (was mich allein schon angesichts der inhaltlichen Nähe zu deren Kaiser-Nero-Neuzeitvariante Magath extrem unangenehm berührt hat) fanden sich zuletzt häufiger. Und selbst Eintracht-Präsident Peter Fischer hat dieser Tage laut und öffentlich, und auch ein bisschen populistisch, geklagt, dass derzeit zu wenig Eintracht in der Eintracht stecke.
Was damit gemeint ist, ist klar: die schnelle Runderneuerung der Mannschaft, die vielen neuen Spieler, die für die vielen weggegangenen gekommen sind, Einjahresverträge, Leihgeschäfte usw.
Liebes Tagebuch, ich gebe zu, auch ich muss mich erst mal an das neue Team gewöhnen. Und Jungs, die eben erst gekommen sind, kann ich tatsächlich nicht ruckzuck genauso ins Herz schließen wie die, die sich da über Jahre reingespielt haben. Aber ist das deswegen wirklich gleich Etikettenschwindel? Ist das wirklich auf einmal weniger Eintracht als vorher?
Ich sehe das nicht so. Denn vor allem müssen wir uns die Frage stellen, was denn die Alternative nach dem Abstieg gewesen wäre. Alles auf die Jugend setzen, aus U-17 bis U-23-Spielern eine neue Truppe basteln, und die dann in die 2. Liga werfen? Versteh mich nicht falsch, ich steh absolut auf gute Nachwuchsarbeit, und nichts macht mehr Freude, als wenn ein Verein mit seinen Eigengewächsen irgendwann Erfolg hat.
In unserem Fall ist dieser Bereich auch auf einem definitiv guten Weg, das belegt allein schon die aktuell gute Bewertung des Eintracht-Jugendleistungszentrums seitens des DFB (drei von drei möglichen Sternen!). Aber die Anzahl der für so eine Aufgabe bereits gewappneten Spieler hätte selbst laut Aussage des für die Jugendarbeit Hauptverantwortlichen Armin Kraatz für diese Saison nicht gereicht. Genauso wie es auch auf dem Spielermarkt von hoffnungsvollen Nachwuchstalenten nicht gerade gewimmelt hat. Was so viel bedeutet, dass der direkte Wiederaufstieg, der ja schwer genug werden wird, auf Sicht von Jahren kein Thema gewesen sein dürfte. Logo, kann man jetzt sagen: »Is mir egal, ich will Frankfurter Jungs spielen sehen, ferdisch!« Aber mehrere Spielzeiten in der 2. Liga wären für die Eintracht, so wie sie strukturiert ist, ausgesprochen schwierig. Wirtschaftlich würde das eine Art internen Wirbelsturm auslösen, der den Verein kontinuierlich von innen heraus nach unten ziehen würde.
Also haben sich die Verantwortlichen vorerst für die weniger romantische Variante und das im Moment vermutlich Effektivste entschieden. Nämlich den größten Etat der Liga in verstärkendes Personal zu stecken. Ob das am Ende funktionieren wird, wage ich noch nicht zu sagen. Aber nachvollziehen kann ich es. Wenn mir ein Tornado das komplette Dach meines Hauses wegfegen würde, und ich hätte die Wahl zwischen einem Jutedach, das aber über Jahre erst wachsen muss, oder einem aus Titanzink, das man in ein paar Tagen draufgebaut hat, würde ich mich schon aus Angst vor schlechtem Wetter für das zweite entscheiden!
Ich, liebes Tagebuch, finde jedenfalls, dass es für den Vorwurf des Etikettenschwindels nicht reicht! Und das schreibe ich Dir nicht nur, weil die Eintracht in Dresden gewonnen hat und weiter ungeschlagen bleibt. Ich schreibe das, weil ich das denke. Und weil ich weiß, dass unsere Loyalität und eine gewisse Geduld auf jeden Fall schon mal geeignete Beiträge dazu sind, dass auch weiterhin genug Eintracht in der Eintracht steckt!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle