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Sonntag, 25. September, 6.20 Uhr.

Das habe ich nicht gewollt: Lamentieren, um Trost und Ermutigung zu provozieren. Dennoch: Dankeschön für so viel Anteilnahme. Auch eine neue Erfahrung: Wer wehleidig um sich selbst kreist, ist nicht mehr offen für die Welt um ihn herum. Was für die Montagsthemen im Blatt bedeutet: Jetzt sitz ich hier, ich armer Tor, und bin so leer wie nie zuvor. Unterschied zwischen Zeitung und Blog: Die Kolumne muss geschrieben werden, der Blog kann. Manche Blogs leben ja sogar davon, dass ihren Schreibern nichts einfällt und sie dennoch schreiben. Meiner auch? Ist ja gar kein richtiger Blog. Dazu müsste die Kommentar-Funktion geöffnet werden, was ich aus Prinzip nicht tue (warum, hab ich schon mal erläutert, glaube ich).
Auf der Fahrt in die Redaktion wie immer HR gehört. Bob Marley. Gibt den Anstoß, mich und meine gebrochene Clavicula (Nachtrag 11.30 Uhr: im ersten Versuch “Clavigula” geschrieben, Walther Roeber hat’s gemerkt, Dankeschön für die Korrektur) nicht so ernst zu nehmen. Der arme Kerl. Und solch eine typische Geschichte. Bevor Bob Marley krank wurde, lebte er auf einem ganz anderen Planeten als »Krebsarzt Dr. Issels«, ein Wunderheiler aus dem Bayerischen, der in bunten Blättern der Frau so populär war wie Marley in seinem Reggae-Universum. Dass beider Welten sich einmal berühren würden, war so unwahrscheinlich, als ob der Papst bei Bohlen als Superstar-Kandidat aufträte. Doch in letzter, verzweifelter Not reiste  Marley aus Jamaica zu Issels und ließ sich von ihm behandeln. Vergeblich. Marley starb auf dem Rückflug nach Jamaica.
Wunderheiler, letzte Mittel in Grenzbereichen, da denke ich an eine seltsame Geschichte aus frühen beruflichen Zeiten. Mal schauen, ob sie noch im Archiv steht. Ja. Hier ist sie, vom Februar 1977:

Vor Olympia 1976 wurde dem Bundesausschuss Leistungssport (BA-L) eine Methode zum Verkauf angeboten, mit der man Schwimmern eine bessere Wasserlage verschaffen konnte. Und zwar . . . indem man ihnen Luft in den Darm pumpte! Wer von der Geschichte tatsächlich noch nichts gehört hat: Das ist kein anrüchiger Scherz, sondern schon Sportgeschichte (wie 1976 auch die Kolbe-Spritze, die erlaubt war, aber kontraproduktiv wirkte). Nie ganz geklärt wurde, warum man die Luft-im-Darm-Methode nicht (wirklich nicht?) anwandte. Die einen sagten, man sei sich nicht über den Preis für das Aufpump-Patent einig geworden, die anderen, geeignete Räumlichkeiten, sprich Pump-Stationen, hätten in den Schwimmstadien gefehlt, manche dagegen meinten auch, das logistische Detonations-Problem der plötzlich-totalen Luftentweichung beim Startsprung sei nicht zufriedenstellend gelöst worden. Ungefähr zur gleichen Zeit bot uns ein pfälzischer Erfinder ein Knochenmehlpulver (»man kann auch Menschenknochen nehmen«) an. Wer täglich ein paar Esslöffel davon runterwürge, spüre einen Doppel-Dopingeffekt, denn das Knochenmehlkonzentrat wirke leistungsfördernder als Anabolika und Amphetamine zusammen (»Ich habe dem Fußball-Nationalspieler F. nach seiner Bandscheibenoperation drei Pfund geschickt, jetzt springt er wieder wie ein Hirsch«). Ein kleiner Nachteil sei allerdings die stark verstopfende Nebenwirkung, berichtete der Knochenmehl-Genius bedauernd, aber das nehme ein leistungswilliger Spitzensportler wohl auf sich. Dem war beizupflichten, und nicht nur das – damit war vielleicht auch der Stöpsel für das vorne beschriebene Leck hinten gefunden. . .
Dieser Tage erreichte uns der Anruf einer älteren Dame, die um die Adresse des Pfälzers bat. Sie sei per Zufall auf den Artikel gestoßen und habe darin gelesen, dass dieses Knochenmehlkonzentrat nach Meinung seines Produzenten nicht nur bei Spitzensportlern, sondern auch bei Bandscheibengeschädigten Wunder wirke. Sie verspreche sich ein Ende ihrer Schmerzen, die noch kein Arzt habe lindern können. Der Wunsch war uns nicht neu. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung telefonierten und schrieben in gleicher Sache viele Bandscheibengeplagte. Ihnen sagten wir das Gleiche wie der alten Dame: Blutarmut wird nicht durch den Verzehr von Blutwurst behoben, eine lädierte Bandscheibe nicht durch das Essen von Knochen- bzw. Knorpelmehlkonzentrat wieder aufgebaut. Die Dame ließ sich aber nicht beirren. Sie wollte die Adresse. Sie bekam sie.
Letzte Mittel in Grenzbereichen. Wem der Arzt nicht helfen kann, der versucht sein Glück beim Wunderheiler. Wer schneller schwimmen will, lässt sich den Darm aufblasen. Und da wären wir wieder beim Spitzensport und seinen Manipulationen. Wir fragten die Dame nämlich noch, was sie von der Luft-im-Darm-Geschichte halte. »Pfui Teufel«, empörte sie sich, »wie ekelhaft, da hört der Sport doch wirklich auf!«

Eine interessante alte Geschichte für den Blog, aber nicht für die Montagsthemen. Was schreib ich bloß, um den eigenen Anspruch zu erfüllen? Der ist mit einem alten Modewort zu definieren: Infotainment. Für mich. Bei aller Alberei, Ironie und Pseudo-Kreisen um den gw-Bauchnabel sollen in jeder Kolumne auch Informationshäppchen stecken, die der Leser noch nicht kennt oder wenigstens so noch nicht kennt oder die so interpretiert werden, dass man sie aus neuer Sicht sieht und darüber neu diskutieren kann. Mal klappt’s mehr, mal weniger. Und heute? Auf geht’s.

Baumhausbeichte - Novelle