Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 25. September, 14.50 Uhr.

Mail-Dialog (Anlass war die blöde Sturz-Geschichte) mit Kid Klappergass, dem aus meiner Sicht lesenswertesten (und kenntnisreichsten) Eintracht-Frankfurt-Blogger überhaupt:

Danke für die guten Wünsche. (…) Was Sie interessieren wird: Aus Platzgründen habe ich aus dem Samstags-Anstoß eine Passage gekürzt zu Idrissou: Dass ich die Vergleiche mit Yeboah und Okocha (der schon gar nicht) nicht nachvollziehen kann, da beide ganz andere Typen waren, menschlich und spielerisch, und dass eine Gemeinsamkeit höchsten ist/sein wird, dass es mit ihnen Ärger gab/geben wird: Bei Y. und O. durch Heynckes, bei Idrissou durch ihn selbst. Solange die Eintracht auf dem Vormarsch ist und Idrissou seine Tore schießt, ist aber alles gut. Klar ist aber: Vom Potenzial her gehört er nicht in die 2. Liga. Dass er dennoch dort spielt, sagt viel. Rausgekürzt habe ich es auch, weil ich nicht miesmacherisch sein wollte. (gw)

Der Beruf, der mich in den letzten Wochen wieder ganz besonders in seinen Fängen hat, ist andererseits aber gnädig, denn die Vergleiche mit Yeboah und Okocha sind an mir vorbei gegangen. Ich hätte bis eben auch nicht für möglich gehalten, dass jemand solch einen Vergleich auch nur in Erwägung ziehen könnte. Wie kann man auf solch eine absurde Idee kommen? Etwa wegen der Hautfarbe? Hat irgendjemand mal Anfang der 70er Horst Heese und Jürgen Grabowski verglichen? Immerhin waren beiden blond, hatten lange Haare und kickten für die Eintracht …

Wer Yeboah und Okocha hat spielen sehen – und wer sonst könnte sich zu einem Vergleich in der Lage sehen und berufen fühlen? -, kann doch nicht einmal ansatzweise Yeboahs Kombination von Wucht und Geschmeidigkeit in Idrissou entdecken wollen, der sicher ein kraftvoller und erstligatauglicher Stürmer ist, aber doch nicht - um den abgenutzten Begriff Weltklasse zu vermeiden – im Entferntesten das internationale Format Yeboahs besitzt.

 Der Gedanke, Idrissou mit einem der technisch beschlagensten Mittelfeldspieler der 90er zu vergleichen, der vor Spielfreude und Kreativität nur so sprühte und gegen den nicht nur Idrissou schlicht und hölzern wirken muss, ist noch abwegiger. Das alles beweist dann wieder nur eines: Es mangelt der Eintracht – aber nicht nur ihr - an Stars, Idolen, Identifikationsfiguren. Da muss herhalten, was da ist, denn einen Papst, der uns heimsucht, den haben wir nicht. Idrissou taugt in meinen Augen nicht dazu, diese Lücke fußballerisch und emotional dauerhaft zu schließen, und ich fürchte wie Sie, dass er das auch noch beweisen wird.

Und es ist nicht miesmacherisch, diese Ahnung zu äußern. Es ist nicht notwendig, in allgemeine Lobeshymnen einzustimmen, wobei seine Leistung gegen einen allerdings kaum zweitligatauglichen Gegner beeindruckend war. Es ist strenggenommen natürlich auch nicht „notwendig“, einer nur scheinbar kollektiven Begeisterung etwas entgegen zu setzen. Das hat mich aber auch bei Michael Skibbe nicht daran gehindert, die offensichtlichen Widersprüche zu thematisieren, als er allgemein noch hoch in der Gunst stand. :-)

 Allerdings ist Idrissou für mich wie viele seiner neu hinzu gekommenen Kollegen ein “durchlaufender Posten”. Sollte der Aufstieg gelingen, wird die Mannschaft ein anderes Gesicht erhalten, auch erhalten müssen. Einige werden spätestens dann nicht mehr zu gebrauchen sein, andere – wie Idrissou oder Schwegler – werden ihren Weg an anderer Stelle fortsetzen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und wenn der Aufstieg, den ich immer noch nicht für ausgemacht halte, nicht gelingt, wird die Entwicklung aus finanziellen Gründen ohnehin keine andere sein.  (Kid Klappergass)

 

 

Überlappt haben sich am Morgen die Montagsthemen und diese offenbar gleichzeitig geschriebene Mail :

 

Will Ihnen auf Ihr Missgeschick (es ist allerdings leider mehr als ein Missgeschick, ein von fremder Willkür verursachter Unfall ist kein Missgeschick) mit einer Büffelposse antworten, die mir widerfahren ist. Zum Ausgleich und eben zur Erheiterung.
Auch ich hatte einen Sportunfall und sitze hier und schreibe mit leicht umnebelter Stirn (und sonst ist sie nicht umnebelt??) von meinen Widerfahrnissen. Haben wir nicht schon einmal über Bridge als Sport gesprochen? Nun also, hatte also einen Unfall beim Bridgesport. Ich betätige mich dort als »Trainer« (»Lehrer tut den Lehrern unrecht, Trainer den Trainern, aber Trainer ist die bessere Übertreibung). Und während ich nun die mir anvertrauten »Schülerinnen/Sportlerinnen« für wenige Minuten dem eigenen Nachdenken überlassen habe, stolpere ich doch über einen Besen, den ungeschickte Hände als Falle platziert hatten. Folge: allerhand, unter anderem eben leichte Störungen des Denkapparates. Schon wieder behoben, oder doch fast, wie fast, mögen Sie diesen Zeilen entnehmen. Also: Sportunfall gegen Sportunfall.
Ihrer jedoch, und jetzt komme ich zum eigentlichen Anliegen dieser Zeilen, ist exemplarisch für diese Gesellschaft und lässt einen Blick auf den Papstbesuch möglich erscheinen. Sie schreiben gerade und ohne jede Bemäntelung: »Vorfahrt genommen«. In Polizeiberichten einer hilf- und mutlosen Obrigkeit liest man dieser Stelle etwas von Unachtsamkeit. Ist es nicht; ich meine, alle diese Vorfahrtunfälle, oder doch viele davon, kommen aus der gnadenlosen Bezogenheit auf sich selbst des modernen Willkürmenschen. Den Nächsten achtet man nicht in seinen Rechten. Deshalb fährt man, arbeitet man, spekuliert man, entlässt man, betrügt man, zockt man darauf los.
Und der Papst? Der hatte einmal wieder seine Warnung vor Individualismus drauf. Wie falsch er doch liegt, wie bezeichnend falsch. Individualismus ist eine um jeden Preis zu konservierende Errungenschaft der Aufklärung. Die Bezogenheit auf die Autonomie und die Menschenrechte des Einzelnen. Was der Papst meint, es aber sich nicht zu sagen traut, oder was er meinen sollte, das ist der eben gnadenlose Subjektivismus, also etwas, was nur noch sich selbst anerkennt. Das tut der Individualismus nicht. Ihr Unfall ist Folge des Subjektivismus, der Nächstenvergessenheit des Menschen.
Und schließlich noch: dass die Ökumene schon wieder gescheitert ist und wir also nach wie vor auf eine geeinte, kräftige Stimme eines im Tiefsten sozialen Christentums warten müssen, eines Christentums, das nur den »Weg Jesu« predigt und sonst nichts dazu, liegt keineswegs nur am Katholizismus. Der Protestantismus war schon an seinen Wurzelen in der Gefahr, Menschen verachtend zu sein mit Luthers Auffassung, dass Glaube bedeute, zu vertrauen, auch wenn Gott das Instrument des Bösen zu Belehrung verwendet. Wenn Gott die Welt zerstöre, Tod und Elend bringe, sei das noch immer kein Grund, nicht zu vertrauen. Und schließlich ist auch Luthers »Freiheit eines Christenmenschen« nicht die Freiheit, die der moderne und individuell denkende und lebende – und mitmenschlich denkende – Mensch benötigt. Alles das, sehr verkürzt, kann nicht zur Ökumene führen: der Papst müsste anerkennen, das die Wurzeln des Protestantismus das totale Versagen der verfassten Papstkirchen war und der Protestantismus muss anerkennen, dass Sätze wie »Man kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand« (jene unsägliche Frau Käßmann) einem in tiefem Unglück sich befindenden Menschen mit sozialer Not, elender Krankheit und anderem nur Hohn sprechen kann. Käßmanns Satz und Luthers Ungeheuerlichkeiten passen ganz gut zusammen. Weiß Frau Käßmann, gut versorgt mit Honorarprofessur oder ähnlichem, vielen Gruppen und Grüppchen angehörend, denn nicht, dass Gottes Hand des Menschen Hand sein muss? Nein, die Lösung ist die Überwindung des krassen Selbstbezogenheit (Subjektivismus, nicht Individualismus) des Menschen. Und das, nicht irgendwelche esoterischen Zirkel ist »Jesu Weg«.
Nun ja, nichts zum Veröffentlichen. Habe das nur geschrieben, weil Sie selbst zum Papstbesuch eigentlich etwas hätten sagen wollen, es aber bislang nachvollziehbar nicht getan haben.
 (Hans-Ulrich Hauschild)

Was ich dann anscheinend gleichzeitig doch noch getan habe (siehe Montagsthemen), wie ich Dr. Hauschild zurückmailte:

Zum Papst habe ich nun doch etwas geschrieben, wahrscheinlich zeitlich überlappend mit Ihren Zeilen. Auf meine manchmal verkürzend zuspitzende und eventuell “anstößige” Art. Ich weiß, dass ich’s mir mit dem Vereins-Vergleich zu leicht mache. Aber solange im Kern was dran ist, lass ich’s so, statt ausführlich in die Tiefe zu gehen (wozu ich, ohne fishing for compliments, auch gar nicht in der Lage wäre).
Wenn Sie mir kurz mailend die Erlaubnis erteilen, stelle ich Ihre Mail nach meiner Mittagspause in den Blog.

Hat Dr. Hauschild auch erteilt, sehr erfreulicherweise, denn diese Gedanken gehören von mehr Menschen gelesen als nur von mir.

So, das war’s im Blog für heute. Kurzer Blick nach Singapure: Schumi-Crash, wohl unverletzt, Safety Car, Vettel vorn, Runde 35 von 61. WM-Kurs. Über diesen “Sport” mag man denken, was man will, aber dieser südhessische Junge ist – wie Dirk Nowitzki – ein Botschafter für Deutschland, wie ich sie mir idealerweise wünsche.

Nachtrag 15.20 Uhr: Soeben im Internet den Blog angeschaut. Warum erscheinen die Zeilen vom “Kid” in größerem Schriftgrad als die von HUH, obwohl beide Mails von mir in unserem Redaktionssystem angeglichen wurden und in meiner Vorlage identisch aussehen? Wunder über Wunder für einen IT-Dilettanten. Wer klärt ihn auf?

Baumhausbeichte - Novelle