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Montagsthemen (vom 26. September)

Papst und Burnout nicht zu thematisieren, um sich nicht um Kopf und Kragen zu schreiben, sei Feigheit vor dem Leser, wurde beanstandet. Also: Burnout, eine Vorstufe zur Depression, ist eine schlimme Sache. Mitgefühl für alle, die daran leiden. Aber dass seit Deisler und Enke daraus eine Volkskrankheit wurde, neun Millionen Deutsche betroffen und 15 Prozent aller Krankschreibungen darin begründet sind (und ein großer Prozentsatz der Frühverrentungen), lässt ahnen, dass Rangnicks Fall diese Zahlen weiter erhöhen wird. Für die einen schweres Schicksal, für andere bequemer Ausweg? Zumal die Krankheit nicht so leicht zu diagnostizieren ist wie ein, nun ja, Schlüsselbeinbruch.
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Wenn aus dem Burnout eine Modekrankheit wird, geht das letztlich zu Lasten derer, die nicht den Ausweg suchen, sondern sich abgrundtief ausweglos fühlen. Außerdem ist Fußball, ist der Leistungssport ein schlechtes Beispiel, denn hier stehen die Protagonisten unter extremen Belastungen, die mit jenen von uns nicht vergleichbar sind: In jeder Sekunde des Tages unter Strom und ständiger öffentlicher Kontrolle zu stehen, die jedes eigene Tun und Lassen vor und für Millionen Menschen ausbreitet und bewertet, vorzugweise nur in zwei Kategorien: triumphales Hochjubeln und gnadenlose Vernichtungskritik. Andererseits können betroffene Spitzensportler oder -trainer einen Ausweg nehmen, der anderen verwehrt bleibt: Materiell gut gepolstert in Ruhe die Krankheit auskurieren. Nebeneffekt: Soviel »gute« Presse wie in den letzten Tagen hatte der sperrige Rangnick zusammen in all den Jahren zuvor nicht.
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Soviel »böse« Presse wie in Deutschland hat der Papst nirgendwo. Was ja nun auch so »typisch deutsch« ist, wie »typisch deutsch« ein Modewort derer ist, die auf Teufel komm raus nicht »typisch deutsch« sein wollen. Dass der Papst zum Missbrauch Minderjähriger, einem der ekelhaftesten Verbrechen überhaupt, nicht »mea culpa« sagt und dem Katholizismus die Alleinschuld an diesem latent allgegenwärtigen Fürchterlichen gibt, wird ihm ebenso angelastet wie die Weigerung, mit den Protestanten eine innige Vereinigungsfete zu feiern. Das ist ungefähr so, als würden die Fans von Eintracht Frankfurt denen von Bayern München vorwerfen, ihren FCB grundsätzlich besser zu finden als die Eintracht. Vorurteilsfreie Vereinslose wundern sich sowieso, wenn Vereinsmitglieder interne Satzungen weniger in Frage stellen als Mitglieder »gegnerischer« Vereine, die es weder angeht noch betrifft, was andere Klubs tun (im rechtlichen Rahmen, versteht sich).
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Auch das dritte große außersportliche Thema der letzten Tage hat mit Sport zu tun: Einstein, die Relativitätstheorie … und der Marathonlauf der Frauen. Die Theorie, dass alles relativ ist, nur die (Licht-)Geschwindigkeit nicht, gerät ins Wanken, seit Neutrinos entdeckt wurden, die schneller als das Licht sein sollen. Wenn’s stimmt, muss man halt neue Regeln erfinden. Wie im Marathonlauf der Frauen. Scheinbar absurd klingt es, dass Weltrekorde nur noch anerkannt werden sollen, wenn keine Männer mitlaufen. Ein Mit-Männern-Rekord ist keiner mehr, sondern gilt nur noch als Weltbestzeit. Wogegen heftig polemisiert und ironisiert wird, was aber, abgesehen von der Wortklauberei »Rekord« und »Bestzeit«, Sinn macht, denn auf der Bahn ist seit einigen Jahren aus dem gleichen guten Grund der tempomachende »Hase« verboten, und nichts anderes sind Männer im Marathonlauf für Frauen, solange diese, zum Leidwesen fundamentalistischer Feministinnen, schneller laufen können als die Frauen. Auf einem anderen Blatt steht, dass ebenfalls aus gutem Grund früher allgemein im Marathonlauf nur Bestzeiten und keine Rekorde geführt wurden, weil die Streckenprofile zu unterschiedlich sind. Rekorde wurden erst eingeführt als Tribut an die mediale Rekordfixierung. Fazit: Früher war nicht alles besser, aber manches.
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Zu guter Letzt führt uns Einstein sogar  noch zum letzten Urgrund des Fußballs, diesmal am Beispiel Borussia Dortmund. Dass der BVB in Hannover 1:2 verlor, läge nicht an der Krise, hieß es am Samstag im »Sport-Stammtisch«, denn es gebe keine, der einzige Grund sei rund (wie der Ball). Nachtrag: Gleiches gilt für den 2:1-Sieg des BVB in Mainz, der in beiden Spielen, die in letzter Minute kippten, turmhoch überlegen war. Und da kommt Einstein und sein berühmtes Wort ins Spiel: »Gott würfelt nicht.« Wie die Neutrinos bei der Geschwindigkeit, könnte der BVB nun zwar nicht den Gegenbeweis, aber die Ausnahmeregelung begründen: Gott würfelt nicht. Außer, wenn er Fußball spielt. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle