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Sport-Stammtisch (vom 24. September)

Der Papst und die Proteste, der Burn out und sein Boom – zwei Themen der Woche. Nicht in dieser Kolumne. Ich strample zwar gerne gegen den Mainstream an, ertrinken will ich aber nicht. Es gibt genügend andere Themen, mit denen ich anecken kann, ohne mich gleich um Kopf und Kragen zu schreiben. Aber Fußball geht immer. Also: Als Tele-Augenzeuge der Dortmunder Niederlage in Hannover frage ich mich, wieso dem BVB eine tiefe Krise angedichtet wird. Auch ohne den gesperrten Götze und den arg vermissten »Knipser« Barrios waren die Dortmunder einem sehr starken Gegner auf dessen Platz haushoch überlegen, trumpften spielstark auf wie in der Vorsaison … und verloren binnen zwei Minuten. Völlig unerklärlich, vor allem auch für die ihr Glück kaum fassenden Hannoveraner. Selbst das geschätzte, seriöse Fachblatt »kicker« listet jede Menge Gründe für die »Krise« auf, die (noch) keine ist, denn bisher gibt es nur einen Grund, und der ist rund. Dass man sich die Krise aber auch einreden (lassen) kann, steht auf einem anderen Blatt.
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Fettnapf-Thema: DDR-Dopingopfer. Wenn Menschen gesundheitliche Schicksalsschläge erleiden, neigen sie in all ihren seelischen und körperlichen Betrübnissen dazu, die Schuld bei einer bösen Macht zu suchen. Die DDR war eine böse Macht, diese Tatsache werden auch ihre Nostalgiker nicht historisch verfälschen können. Aber böse Mächte sind nicht für alles Böse verantwortlich, was dem Menschen zustoßen kann. Eines der Vorzeige-Opfer ist ein Ex-Kugelstoßer, dessen Herz durch Zwangsdoping so schwer geschädigt war, dass er sich einer Transplantation unterziehen musste. Hieß und heißt es. Jetzt lese ich, dass das ausgetauschte Herz des armen Mannes ein ideales Untersuchungsobjekt war, an dem man daher einen angeborenen, irreparablen Herzfehler entdecken konnte. Also kein Dopingopfer? Doch, denn nun lautet die Argumentation, die DDR hätte ihn mit solch einem Herzen niemals Leistungssport treiben lassen dürfen. Dass der Schaden nur am toten Objekt feststellbar war, fällt dabei unter den Obduktions-Tisch. Läge auf ihm eine Katze, würde sie sich noch postletal argumentativ in den Schwanz beißen.
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Ebenfalls heikel, wenn man die Zahlen hinterfragt, die in dieser Woche bekannt wurden: Das deutsche Olympia-Aufgebot für London wird nach Lage der Dinge etwa 410 Athleten umfassen. Gleichzeitig wurde angekündigt, dass 170 behinderte deutsche Sportler an den Paralympics teilnehmen werden, also etwa 40 Prozent der Nichtbehinderten. Wie hoch ist der Prozentsatz Behinderter in der Gesamtbevölkerung? Was bedeutet die Vielzahl der Schadensklassen? Wie groß ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Behinderter eine olympische Medaille gewinnt im Vergleich zu einem Nichtbehinderten? Und was hat das alles mit echter Gemeinsamkeit der Sportfamilie zu tun und was mit gönnerhafter Quasi-Anerkennung? Und wäre es nicht sportlicher, die paralympischen Disziplinen drastisch zu reduzieren, sie aber gleichberechtigt ins »normale« olympische Programm zu integrieren, statt sie in der Quasirealität der Paralympics ihr eigenes Olympia feiern zu lassen?
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Stichwort Quasirealität. Schon sind wir bei der Internet-Partei, deren albernen Namen selbst meine albernen Finger nicht in den Computer zu hacken über sich bringen. Das Ding der Berliner Wahlüberraschung ist der Cyberspace, und da kann ich einhaken, ohne Gift zu verspritzen. Denn während sogar schon hochseriöse Blätter beginnen, dieser Bewegung eine politische Dimension einzuhauchen und sie sogar hofieren, weckt die Cyberspace-Partei in mir nur Erinnerungen an frühe Science-Fiction-Lektüre. Der Cyberspace war dort eine von Computern erzeugte Quasirealität, das Wort ist abgeleitet vom ebenfalls frühen SF-Hit »Kybernetik« (von griech. »kybernetes = Steuermann). Prekär wird’s nur, wenn sich die Kybernetiker aus ihrer computergesteuerten Quasirealität in die echte Welt beamen.
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Kein ganz anderes Thema, der Griechen-Krimi vom Mittwoch. Im Blog »Sport, Gott & die Welt« steht mehr dazu, auch ein (satirisch) rechnerisches »Patentrezept«, wie die Griechen ihre Schulden begleichen könnten. Auch die Griechen lebten in ihrem eigenen Cyberspace, einem von der EU geschaffenen virtuellen Raum, aus dem sie nun herauszufallen drohen. Jahrelang haben wir Griechen-Freunde und Griechenland-Reisende uns gewundert, wenn wir auf der Peloponnes, auf Naxos oder auf Ägina verfallende Geister-Hotelkomplexe und ganze Geisterstädte gesehen haben und uns die Einheimischen verschmitzt erklärten, sie seien aus EU-Töpfen finanziert worden – bis der Topf leer gewesen sei. Natürlich müssen die Griechen derzeit leiden. Aber eben nicht alle. Die kleine deutschsprachige Athener Griechenland-Zeitung, aus der wir hier schon des öfteren geschöpft haben, beschreibt ein gutes schlechtes Beispiel: Die – bisher subventionierten – Postgebühren für den Verlag sind auf einen Schlag um das Neunfache gestiegen (statt 0,105 Euro pro Exemplar ab sofort 0,93 Euro), was den kleinen Verlag hart und existenzbedrohend trifft. Große, einflussreiche Verlage dagegen können weiterhin in den Genuss der subventionierten Gebühren kommen. Was können wir Philhellenen tun? Die griechische Tourismus-Industrie stärken und die Griechenland-Zeitung abonnieren.
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Zu guter Letzt: Früher war der Samstag der oberhessische Familienbadetag. Wehe dem Jüngsten, der zuletzt drankam! Ich weiß, wovon ich schreibe! Immerhin ging es mir aber nicht wie Jane Fonda, die jetzt in der Asche ihres Hundes badete. Sie hatte die Asche in der Urne mit Badesalz verwechselt. Wäre sie Hessin, wäre ihr das nie passiert, gelle Henni, gelle Gerd!? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle