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Prima Griechen-Krimi – aber mit Stockfehlern (Anstoß vom 21. September)

Schwarzer Humor, lamentolose Lakonie, sarkastische Widerborstigkeit und lustvolle Verstöße gegen die politische Korrektheit kennzeichnen die in Deutschland immer beliebter werdenden Kostas-Charitos-Krimis von Petros Markaris, die in den vergangenen Jahren auch schon Anstöße für den »Anstoß« lieferten, da Sport in ihnen oft eine »mordsmäßige« Rolle spielt: In »Nachtfalter« ging es um (tote) Schiedsrichter, (tote) Sponsoren und die dritte griechische Fußball-Liga, in »Live« um Mord, Totschlag und sonstige Gemeinheiten rund um die olympischen Baustellen in Athen, und im »Balkan Blues« sorgte während einer Fußball-EM ein mysteriöser Leichenfund im neuen Olympiastadion für hektische Betriebsamkeit. Markaris’ neuer Roman »Faule Kredite« (als Auftakt einer Trilogie zum Thema angekündigt) stößt hierzulande nun auf besondere Aufmerksamkeit, denn diesmal nimmt sich der germanophile Autor (Markaris ist auch Brecht- und Goethe-Übersetzer) der griechischen Finanz- und Staatskrise an, aus spezieller Charitos-Sicht, die überhebliche Deutsche und empörte Griechen gleichermaßen verstören kann.
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Vorab: Es ist ein echter, wieder sehr gelungener »Fall für Kostas Charitos«, der seine alten Freunde bei Laune hält und für neue sorgen dürfte. Aber . . .
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Und jetzt sei allen empfohlen, die den Krimi noch lesen wollen (und sollen: Es lohnt sich!), die Lektüre dieser Kolumne abzubrechen und erst nach dem gelösten Fall um die faulen Kredite fortzusetzen, denn nun muss verraten werden, wer der Täter ist bzw. wer die Täter sind. Also:
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. . . aber diesmal verhebt sich Markaris am Sport. Er vergleicht Finanzdoping mit Sportdoping, ein zwar sehr treffender Vergleich (den wir in dieser Kolumne auch schon des öfteren bemüht haben) mit vielen verblüffenden Parallelen, kennt sich aber im Thema Doping erkennbar schlecht aus und bringt dadurch seinen Plot in Schieflage.
Hinter den Morden an (un)verantwortlich Handelnden aus dem Bankenwesen steckt ein Ex-800-m-Läufer, der wegen Spätfolgen von Anabolika-Doping an den Rollstuhl gefesselt ist. Der Ex-Läufer, ein steinreicher Mann, hat Helfershelfer aus der Dopingopfer-Szene, die für ihn die Taten begehen, zu denen er nicht mehr in der Lage ist.
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Wenn Läufer längerer (und in diesem Fall mittlerer) Strecken dopen, dann greifen sie zu Mitteln wie Epo oder Blutwäsche, aber eher nicht oder nur in geringfügigem Maß zu Anabolika, zu deren (zu vielen) kolportierten gesundheitlichen Risiken eines sicher nicht gehört: das bedauernswerte Los von Markaris’ Läufer. Auch die Helfershelfer haben keine überzeugend realistische Doping-Vergangenheit, und wenn bei Charitos davon die Rede ist, früher wurde kaum, heute  viel gedopt, dann sind nicht nur die Kredite faul, sondern der gesamte Sport-Plot des Krimis (dass früher flächendeckend »sozialisiert« gedopt wurde, heute dagegen von vergleichsweise wenigen, aber hoch effektiv, was für den sportlichen Leistungsvergleich noch viel schädlicher ist, sei hier nur am Rande erwähnt, »Anstoß«-Leser kennen diese Geschichten, hier führen sie viel zu weit).
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Man muss  fast alles vergessen, was man über Doping weiß, um ungetrübte Freude am Weiterlesen zu haben – und dann muss man auch noch großzügig darüber hinweglesen, dass Markaris Champions-League-Spiele bereits am Nachmittag stattfinden lässt und beim WM-Endspiel zwischen Holland und Spanien die Straßen in Athen leergefegt sind (sind sie allenfalls, wenn Griechenland im Finale steht). Korinthenkackerisch? Nicht wenn solche – fälschlich fachlichen – Details zur Aufklärung des Falles beitragen, denn dann wird dieser krimi- technisch nicht überzeugend gelöst.
Aber noch einmal: Wer sich an diesen Sport- und Doping-Stockfehlern nicht stört, kommt auch bei Markaris’ faulen Krediten wieder auf seine Kosten – ein feiner, entscheidender Unterschied zu allen anderen faulen Krediten. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle